Mandarinenbäume müssen der Dürre trotzen
Dürre ist in Südeuropa und vielen anderen Teilen der Welt für Landwirte ein großes Problem – auch für diese Mandarinenbäume.
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Die deutsche Fruchtsaftindustrie hat den Orangenalarm ausgerufen, so muss man es sagen. Brasilien, der weltweit größte Produzent von Orangensaft, werde in der Erntesaison 2024/2025 einen erheblichen Rückgang verzeichnen. Mit einem geschätzten Rückgang von rund 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, so warnt der Verband der deutschen Fruchtsaftindustrie, komme nun "die schlechteste Ernte seit 36 Jahren".

Beim Wiener Marmeladehersteller Staud's kann man die Flaute bei Orangen bestätigen, wenngleich das Unternehmen die Früchte aus Spanien bezieht. "Für unsere süßen Bitterorangen aus der Region um Sevilla haben wir heuer im Vergleich zum vergangenen Jahr 20 bis 25 Prozent mehr bezahlt", sagt Stefan Schauer, einer der beiden Staud's-Geschäftsführer, dem STANDARD. Der Grund sei die "extreme Hitze in Südspanien" gewesen. "Dadurch sinkt das Angebot, und der Preis steigt", sagt Schauer.

Schmale Anbauzonen

Der Klimawandel macht manche Lebensmittel empfindlich teurer. Die Erderwärmung begünstigt Extremwetterlagen wie Dürren und Starkregen: Wenn diese zunehmen, fällt die Ernte häufiger schlecht aus. Gerade bei Rohstoffen wie Kakao, die nur in wenigen Weltregionen gewonnen werden können, schlägt das Klima auf die Preise im Lebensmittelhandel durch. Heftiger Regen begünstigt auch Pflanzenkrankheiten – so geschah es im Vorjahr in Côte d'Ivoire und Ghana bei Kakao. Schokolade zählt zu den Produkten, die sich in den kommenden Monaten wohl weiter verteuern werden. Aber auch Olivenöl, Orangen und andere Früchte werden infolge des Klimawandels massiv teurer.

Eine Statistik, die die Preisanstiege von Kakao, Orangensaft und Olivenöl zeigt
Kakao, Orangensaft und Olivenöl sind seit Anfang 2022 massiv teurer geworden.
DER STANDARD

Beispiel Orange: Der Verband der deutschen Fruchtsaftindustrie nennt den Klimawandel "ursächlich für den fortschreitenden Rückgang" der Orangenernte. Hinzu komme das sogenannte Citrus Greening, eine Krankheit, die zum Absterben der Bäume führt und ganze Orangenplantagen vernichtet. Wie viel Klimaveränderungen zur Verbreitung von Pflanzenkrankheiten beitragen, lässt sich zwar schwer beziffern. Der deutsche Fruchtsaftmacher Voelkel schreibt jedenfalls ein Drittel seiner Preissteigerungen dem Klimawandel zu.

Rauch befürchtet Engpässe

"Für Orangensaft sind nicht nur die massiv gestiegenen Preise ein Problem, sondern auch die allgemeine Verfügbarkeit des Saftes", sagt Daniel Wüstner, Geschäftsführer des Vorarlberger Fruchtsaftherstellers Rauch, dem STANDARD. Selbst wenn hohe Preise gezahlt werden, sei nicht sichergestellt, dass die geforderten Mengen in vollem Umfang zur Verfügung stehen. Der Preismonitor der Arbeiterkammer (AK) ermittelte im Dezember 2023 in den Onlinehops von Billa und Interspar einen Durchschnittspreis pro Liter Orangensaft von 2,99 Euro. Im Dezember 2022 waren es noch 1,89 Euro.

Rauch beziehe Orangensaft zwar aus allen möglichen Ländern, aber angesichts der Bedeutung Brasiliens könnten andere Länder wie Ägypten, Spanien und Mexiko sowie der US-Bundesstaat Florida diese Verluste nicht ausgleichen. "Als Reaktion auf die hohen Preise von Orangensaft in den Regalen sehen wir, dass die Verbraucher auf andere Getränke wie andere Fruchtsäfte oder Nektare ausweichen", berichtet Wüstner. Aber: "Da die Mengen anderer Früchte nicht ohne weiteres gesteigert werden können, werden die Verbraucher höchstwahrscheinlich auch mit Engpässen und Kostensteigerungen konfrontiert sein." Es werde Jahre geben, in denen bestimmte Produkte wie Avocado, Kakao, Kaffee, Mango, Kokos, Papaya und Bananen knapper werden können, warnte WWF-Experte Michael Berger kürzlich im Handelsblatt.

Besonders heftig schlägt in diesem Jahr der Preis von Kakao aus. Eine Tonne Kakao wurde Ende Mai bei knapp 7500 Dollar gehandelt. Im Vergleich zum Jahresbeginn 2022 ist das eine Preissteigerung von 350 Prozent. "Es gab deutliche Ernteeinbußen, wodurch der Preis steigt. Dann kommen Rohstoffspekulationen dazu und verstärken die Entwicklung", sagt Hartwig Kirner, Geschäftsführer von Fairtrade Österreich. Mit dem Fairtrade-Siegel werben heimische Süßwarenmarken wie Manner und Heindl.

Staud's-Chef Stefan Schauer steht vor einer bemalten Mauer
Staud's-Chef Schauer versucht, klimabedingte Preissteigerungen nicht an Kunden weiterzugeben: "Wir können den Preis der Orangenmarmelade derzeit noch halten, weil wir die extremen Ausschläge mit anderen Früchten oder auch Zutaten ausgleichen."
Staud's

Kakao und Olivenöl teurer

Kakao zählt zu den Produkten, wo klimatische Veränderungen und Unwetter sich besonders stark beim Einkauf bemerkbar machen. Denn Kakaobohnen gedeihen nur in einem schmalen Band um den Äquator, rund 60 Prozent der Weltproduktion decken Côte d'Ivoire und Ghana ab. "Im Vorjahr gab es dort zuerst massive Regenfälle zur falschen Zeit und danach eine Trockenperiode", sagt Kirner.

Auch die Preissteigerungen bei Olivenöl können Konsumentinnen und Konsumenten nicht schmecken. Auch hier müssen die Bauern, etwa in Griechenland, Italien und im weltgrößten Produktionsland Spanien, dem Klima Tribut zollen. Die aktuellen Preise in Europa liegen an der dramatisch schlechten Ernte der Saison 2022/2023. Zunächst laue Winter statt Kälte, dann zu hohe Temperaturen zur Blütezeit und schließlich zu wenig Regen minderten die Erträge massiv. Der durchschnittliche Preis eines Liters Olivenöl ist laut AK bis Dezember 2023 innerhalb eines Jahres von 11,81 Euro auf 17,24 Euro gestiegen. In einem VKI-Test im Vorjahr war auch die Qualität von Ölen der Güteklasse "nativ extra" im Schnitt weit schlechter als 2020.

Der Preis von Olivenöl ist in Österreich regelrecht explodiert. Laut AK-Preismonitor kostete im vergangenen Dezember ein Liter in den Onlineshops von Billa und Interspar im Schnitt 17,24 Euro.
AP/Antonio Calanni

Andere Sorten, mehr Bio

Nicht alle Nahrungsmittel werden freilich wegen des Klimawandels teurer. Weizen ist – nach zunächst heftigen Ausschlägen durch Russlands Angriff auf die Ukraine – an den Börsen seit Anfang 2022 sogar etwas günstiger geworden. Auch Zucker wurde vorübergehend teurer, ist im 2,5-Jahre-Vergleich aber stabil geblieben.

Was lässt sich tun gegen klimabedingte Missernten? Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie setzen teilweise schon auf Sorten, die resilienter gegen Hitze oder Krankheiten sind. Auch Fairtrade-Vertreter Kirner nennt als wichtigen Punkt "das Züchten und Anbauen resistenterer Sorten". Biobauern sagen zudem, dass eine biologische Landwirtschaft für gesündere Boden sorge und bei Extremwetter robuster sei.

Möglich wäre auch, die Anbaugebiete zu verlagern. Der deutsche Konfitürehersteller Zentis schickt bereits sogenannte Fruit-Scouts aus, um das Risiko des Klimawandels zu streuen. Ein Allheilmittel ist das räumliche Ausweichen aber nicht. Rauch-Geschäftsführer Wüstner sagt mit Blick auf die Orangenernte: "Auch wenn die anderen Regionen der Welt versuchen, diese Versorgungslücke zu schließen, dauert es mehrere Jahre, bis die Orangenbäume Früchte tragen." (Lukas Kapeller, 6.6.2024)