Illustration Wunderheiler
Infusionen mit Katzenkralle und Vitamin C gehören zum alternativmedizinischen Inventar der Wunderheiler.
Fatih Aydogdu

"Bring mir bitte morgen den Wurstsalat mit." Es sind die letzten Worte, die Evelyn S. von ihren Mann Erwin hört. Nachgerufen zum Abschied, als sie ihn am Abend des 23. Mai 2023 im Klinikum Klagenfurt besucht. Um vier Minuten nach Mitternacht läutet ihr Telefon: Man teilt Evelyn S. mit, dass ihr Mann verstorben ist. Herzversagen. Vier Monate hatte der 61-Jährige zu diesem Zeitpunkt bereits im Klinikum Klagenfurt verbracht, davon 23 Tage im künstlichen Koma, nachdem er Ende Jänner des Vorjahres mit einem Herz- und einem Hirninfarkt eingeliefert worden war.

Ermittlungen laufen

Wer die Verantwortung für den Tod von Erwin S. trägt, ist aktuell Gegenstand von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Klagenfurt. Im Fokus steht ein Kärntner Arzt und Energetiker, der in seiner Praxis seit 2010 Alternativmedizin anbietet. Bis zu seiner Pensionierung war er an einem Spital in Kärnten angestellt. Er wird der grob fahrlässigen Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen verdächtigt. Auch gegen seinen ehemaligen Praxisnachbarn, einen selbsternannten Alchemisten, mit dem der Arzt zusammengearbeitet hat, wird ermittelt. Bei ihm lautet der Verdacht auf Kurpfuscherei.

Das Behandlungsverfahren des Duos: Der Alchemist, inzwischen im Ruhestand, stellte per sogenanntem Biotensor – einem Stab, der an einen Milchaufschäumer erinnert – angebliche Schwachstellen im Körper fest. Weil der Alchemist laut Gesetz keine Diagnosen stellen darf, verordnete er seinen Patienten entweder selbsthergestellte Tinkturen zur oralen Einnahme, oder er schickte sie zu seinem Kollegen, dem Arzt und Energetiker, der ihnen diese Tinkturen intravenös verabreichte. Rund 60 Euro kostete eine solche Infusion. Der Arzt wiederum überwies seinerseits Patienten zum Auspendeln – im Fachjargon "Ausmuten" – mit dem Biotensor an den Alchemisten. So schloss sich der Kreis.

Zwei Todesfälle, ein Arzt

Ermittelt wird nun aber nicht nur im Fall von Erwin S., der nach einer solchen Infusionstherapie einem Gutachten zufolge wahrscheinlich eine Überempfindlichkeitsreaktion erlitt, an der er in weiterer Folge starb, sondern auch in der Causa um eine 14-Jährige. Sie ist im vergangenen Februar an Knochenkrebs verstorben, nachdem ihre Eltern nach einem ersten, von einem Radiologen geäußerten Krebsverdacht besagtes Heilerduo konsultiert hatten. Der Alternativmediziner befand laut Aussage der Eltern, es handle sich bei dem Sarkom am Bein um "nichts Bösartiges", und behandelte das Mädchen mit Katzenkralle- und Vitamin-C-Infusionen. Anstatt Onkologen hinzuzuziehen, vertrauten die Eltern auf die Einschätzung und die Behandlungen des Arztes und des Alchemisten.

Erst drei Monate später, als die Therapie offensichtlich nicht anschlug, brachten sie ihre Tochter ins LKH Graz. Das Mädchen lag da bereits im Sterben, ein großer Tumor am Hals erschwerte ihr das Atmen. Das Mädchen war 14 Jahre alt und damit mündig, selbst über die Behandlung zu entscheiden. Die Eltern vertrauten der Alternativmedizin und unterstützten die Entscheidung der Tochter. Diese lehnte bis zu ihrem Tod eine schulmedizinische Behandlung ab.

Mitte Mai wurden die Eltern vom Landesgericht Klagenfurt zu zwölf Monaten bedingter Haft wegen Vernachlässigung der Aufklärungspflicht verurteilt. "Mangels kompetenter Aufklärung durch Fachpersonal konnte sich das Mädchen keinerlei Bild machen, wie das Ganze abläuft", lautete die Urteilsbegründung. Die Spitalsärzte, die das Kind zuletzt betreut hatten, wirkten bei der Verhandlung stark mitgenommen. Der Prozess sorgte über Kärnten hinaus für Aufsehen.

Abkehr von Schulmedizin

Die Fälle der 14-Jährigen und des 61-Jährigen werfen nicht nur ein Schlaglicht auf gefährliche Methoden der Alternativmedizin. Sie erzählen auch von mangelndem Vertrauen in die Schulmedizin, vom Feindbild Pharmaindustrie und der Sehnsucht nach dem Heilsbringer Natur. Geht es um Wissenschaftsskepsis, fällt Österreich in EU-weiten Umfragen immer wieder als Spitzenreiter auf. Dicht gefolgt wird es meist von Deutschland – ein historisches Erbe der Lebensreformbewegung.

Diese ging ab Mitte des 19. Jahrhunderts insbesondere von Deutschland und der Schweiz aus und propagierte mit ihrer Parole "Zurück zur Natur!" eine Abkehr von der "materialistischen" Schulmedizin. Statt künstliche Substanzen zuzuführen, sollte der Organismus Selbstheilungskräfte entwickeln. Die Natur, so meinten die Anhänger dieser Lehre, sei von sich aus gut und gesund. Diese Philosophie reihte sich organisch in das völkische Gedankengut ein: Der rassistische und antisemitische Zweig der Lebensreformbewegung begrüßte die Machtübernahme der Nationalsozialisten mit erhobener Hand.

Effekt der Pandemie

Die Nazis betrieben ihre menschenverachtenden Experimente jedoch evidenzbasiert. Sie löschten die Alternativkultur aus – erst in den 1970er-Jahren kehrten Globuli und Co im Windschatten der Wissenschaftskritik zurück. Seither wächst die Alternativmedizin vor allem dort, wo die Schulmedizin schwächelt.

Alternativmedizin und Wunderheiler beschäftigen seit der Pandemie verstärkt auch die Bundesstelle für Sektenfragen. "Das Thema Gesundheit und Heilung betrifft jeden irgendwann im Leben, gleichzeitig tun sich im evidenzbasierten Bereich immer mehr Lücken auf", sagt Ulrike Schiesser, Geschäftsführerin der Bundesstelle. "Das Sparen im Gesundheitssystem führt zu Unzufriedenheit mit dem medizinischen Angebot und nährt so die Gegenbewegung. Lieber konsultiert man jemanden, der zuhört und Hoffnung gibt. Zeit und Aufmerksamkeit können starke Heilungseffekte erzielen." Als Zusatzelement können alternative Behandlungen helfen, sagt Schiesser.

Problematisch werde es, sobald diese in Ablehnung schulmedizinischer Behandlungen stattfänden. "Der Übergang zwischen alternativen Heilmethoden und wirkungslosen und gar gefährlichen ist fließend." Jedes Jahr würden deshalb Menschen sterben. Die Zahl dieser Fälle wurde bisher allerdings nicht erhoben.

Lukrativer Leidensdruck

Fast immer seien es deren Angehörige, die sich an die Bundesstelle für Sektenfragen wendeten. Strafrechtliche Verfolgungen seien in diesem Bereich aber besonders schwierig, sagt Schiesser, da eine Beeinflussung mittels falscher Versprechen und geschürter Ängste nur schwer nachzuweisen sei. Großer Leidensdruck und die Sehnsucht nach medizinischen Behandlungen, die auf nahezu magische Weise Krankheiten lindern, eröffnen gigantische Geschäftsfelder. Dort locken auch Scharlatane und Wunderheiler mit ihren Mittelchen und Methoden. In Österreich ist es besonders einfach, im Gesundheitsbereich Dienstleistungen anzubieten: Es genügt ein Gewerbeschein als Humanenergetiker, um Patienten Behandlungen auf "energetischer Ebene" selbstständig anbieten zu dürfen.

Erlaubt sind Einsatz von Pendeln, Biotensoren und anderen Hilfsmitteln, Essenzen, Körperkontakt oder energetische Fernbehandlungen. Das Stellen von Diagnosen ist Energetikern hingegen gesetzlich verboten. Aktuell bieten laut Wirtschaftskammer Österreich landesweit 20.285 Humanenergetiker ihre Dienste an.

Eine Zahl, beinahe halb so groß wie die gesamte Ärzteschaft des Landes. Vor allem zu fragwürdigen Behandlungen durch Energetiker gebe es häufig Meldungen, sagt Schiesser von der Bundesstelle für Sektenfragen. Diese zeigten aber meist wenig Wirkung: "Schließlich ist die WKO kein Konsumentenschutz."

Illustration Wunderheiler
Fatih Aydogdu

Infusion mit Katzenkralle

Doch nicht nur der Wildwuchs an Laien ist ein Problem. Das Referat für Komplementärmedizin der Österreichischen Ärztekammer (ÖAK) vergibt Spezialdiplome für ergänzende Heilmethoden – und versieht sie somit mit einem Seriositätssiegel. Laut ÖAK hatten Ende des Vorjahres 1467 Ärzte Diplome in verschiedenen Fächern der Komplementärmedizin, wie etwa Homöopathie oder anthroposophische Medizin,inne. In beiden Ansätzen steht der "natürliche Körper" mit seinen Selbstheilungskräften im Zentrum.

Dass gerade diese Kombination aus evidenzbasierter und komplementärmedizinischer Ausbildung Gefahren beinhalten kann, zeigt der aktuelle Fall in Kärnten: Der betreffende Mediziner war nicht nur aufgrund seiner Ausbildung und jahrzehntelangen Erfahrung überzeugt von seinem Können und den angebotenen Methoden. Als Mediziner waren ihm auch die Untersuchung auf das Vorliegen einer Krankheit sowie deren Behandlung vorbehalten. Für seine Patienten galt seine Expertise deshalb als besonders glaubwürdig.

Bettruhe statt Notaufnahme

So auch für Erwin und Evelyn S., die sich am Abend des 31. Jänner 2023 von diesem Arzt Infusionen mit Katzenkralle und Vitamin C sowie Gingko und Vitamin B zum Aufbau des Immunsystems geben ließen. Wie schon viele Male in den Jahren zuvor. Noch während der Infusion klagte Erwin S. über Atemnot und Druck auf der Brust.

Der Arzt riet ihm, "sich daheim hinzulegen und Ruhe zu geben", erinnert sich Evelyn S. im Gespräch mit dem STANDARD. Selbiges riet er ihr, als sie ihn später von zu Hause aus erneut kontaktierte. Da habe ihr Mann bereits Krampfanfälle gehabt und sei an der Stiege hinauf zum Schlafzimmer "zusammengeklappt", beschreibt Evelyn. S. Als Erwin S. kaum noch ansprechbar war, rief seine Frau den Arzt erneut an. "Jetzt könnten wir vielleicht die Rettung anrufen", lautete die lapidare Antwort. Evelyn S. wählte die Nummer des Notdienstes.

Nicht Lege artis

"Der Tod von Herrn S. steht mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in einem Zusammenhang mit der Verabreichung der Infusionen. Das Risiko einer Überempfindlichkeitsreaktion (Anaphylaxie) war zum Zeitpunkt der Verabreichung vorhersehbar", heißt es dazu in einem Gutachten vom Februar dieses Jahres, das die Staatsanwaltschaft Klagenfurt beauftragt hat. Darin ist außerdem zu lesen: Die Verabreichung sei nicht nach dem Stand der medizinischen Kunst erfolgt. Auch ist es in Österreich laut Ärztegesetz verboten, Katzenkralle, eine traditionelle Heilpflanze, intravenös zu verabreichen.

Und: Diese Folgen sind laut Gutachten vorhersehbar gewesen. Denn Erwin S. trug nach einem Hinterwandinfarkt 2018 einen Stent, 2022 hatte er bereits einen leichten Schlaganfall gehabt. Umstände, um die der Alternativmediziner zum Zeitpunkt der Behandlung wusste. Mit dem STANDARD wollten weder er noch sein Anwalt oder der Alchemist über die Geschehnisse in den beiden Fällen sprechen, die nun Gegenstand von Ermittlungen sind.

Arzt praktiziert weiterhin

Gegen den verdächtigten Arzt wurde bislang kein Berufsverbot verhängt. Die Ärztekammer antwortete auf Anfrage, man könne aus rechtlichen Gründen zum gegenständlichen Fall keine näheren Auskünfte erteilen.

Fragt man Karl Stöger, Professor für Medizinrecht am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht der Universität Wien, wie er die intravenöse Verabreichung der vom Alchemisten hergestellten Tinkturen beurteilt, lautet seine Antwort: Dem Lebensmittelrecht unterliegende Produkte sind kein Arzneimittel und daher nach dem Stand der Wissenschaft grundsätzlich nicht für die intravenöse Anwendung gedacht. Ärzte müssten ihre Patienten nach Maßgabe der ärztlichen Wissenschaft und Erfahrung behandeln, "was alternativ- und komplementärmedizinische Behandlungen nicht per se ausschließt". Patienten müssten aber "besonders gründlich aufgeklärt werden, und sie dürfen ihnen nicht schaden". Es sei also zu prüfen, ob eine solche intravenöse Gabe eines Nichtarzneimittels nicht wirkungslos oder gar schädlich sei und ob die Patienten entsprechend informiert worden seien, meint der Jurist.

Glaube und Hoffnung

Von Risiken sei nie die Rede gewesen, sagt Evelyn S. "Ich dachte, der Arzt weiß, was er tut, schließlich ist er ja Mediziner und hat auch im Spital gearbeitet." Ihren verstorbenen Mann beschreibt sie als sehr gesundheitsbewusst und medizininteressiert. "Er hat sowohl Schul- als auch Alternativmedizin in Anspruch genommen."

Nachdem der Alchemist schon vor längerer Zeit mit seinem Biotensor bei Erwin S. leichte Diabetes und Herzprobleme festgestellt hätte, habe dieser eine Kur mit diversen Tinkturen gemacht. "Täglich hat er damals verschiedene Tropfen genommen", erzählt Evelyn S. Die Infusion an jenem Jänner-Abend habe Erwin S. des Vitamin B wegen unbedingt gewollt. "Das hat er früher schon einmal im Spital bekommen, und es hat ihm sehr geholfen. Er wollte fit sein fürs Geschäft." Sie selbst habe an dem Abend "ein komisches Bauchgefühl" gehabt. Warum sie sich dann trotzdem die Infusionen habe legen lassen? "Man glaubt ihnen halt, weil sie eine Präsenz haben und überzeugend auftreten. Man will es glauben", sagt Evelyn S. über die beiden Heiler.

Die Grazer Rechtsanwältin Karin Prutsch-Lang, die Evelyn S. und seit vergangener Woche auch die Eltern der verstorbenen 14-Jährigen gegen den Arzt und den Alchemisten vertritt, vermutet, es könnte noch weitere Geschädigte geben.

Am vergangenen Dienstag habe sich ein weiterer ehemaliger Patient der beiden Heiler bei ihr gemeldet. Der einstige Krebspatient berichtet von einem ähnlichen Vorgehen wie in den anderen beiden Fällen: Der Arzt habe ihm acht hochdosierte Infusionen mit Katzenkralle und Vitamin C gesetzt, erzählt die Anwältin. "Nach der letzten Infusion hat der Arzt angeblich behauptet, dass der Krebs geheilt sei, und seine Diagnose vom Alchemisten per Biotensor bestätigen lassen. Der Patient hat sich danach glücklicherweise noch von einem anderen Mediziner untersuchen lassen." Der Tumor war nicht verschwunden. (Birgit Wittstock, 8.6.2024)