Nach Google und Microsoft ist nun Apple an der Reihe: Am Montag startet die Worldwide Developers Conference (WWDC), und damit zumindest aus Sicht der Software-Entwickler der wohl wichtigste Event des Apple-Jahres. Ein Event, der bereits sonst mit viel Interesse verfolgt wird – im Jahr 2024 ist die Ausgangssituation aber besonders spannend. Geht es doch um nicht weniger als die Frage, wie Apple auf den aktuellen KI-Hype und den damit einhergehenden Ansturm anderer Hersteller reagiert.

Wo stehen wir?

Die Ausgangsposition ließe sich dabei grob folgendermaßen beschreiben: Während gerade Google in Kooperation mit großen Partnern wie Samsung und mit der Hausmacht der eigenen KI-Entwicklung im Hintergrund derzeit alles daransetzt, generative KI in so ziemlich allen Bereichen – und damit auch direkt auf dem Smartphone – unterzubringen, hat man von Apple in dieser Hinsicht bisher so gut wie gar nichts gehört.

Bald ist es wieder so weit: Apple-Chef Tim Cook hat große Neuigkeiten zu verkünden.
REUTERS/Loren Elliott

Wie jede grobe Charakterisierung ist natürlich auch diese nicht ganz fair. Tatsächlich hat Apple in den vergangenen Jahren gehöriges Know-how im Bereich Maschinenlernen – und damit dem, was gerne landläufig als "Künstliche Intelligenz" bezeichnet wird – aufgebaut und setzt diese auch bereits seit Jahren stark auf den eigenen Geräten ein. Wo Apple bisher allerdings tatsächlich wenig zu bieten hat, ist im Bereich generativer KI, basierend auf großen Sprachmodellen (LLM), die sich seit dem Auftauchen von ChatGPT rasant verbreitet hat. Genau in dieser Hinsicht dürfte die WWDC nun einen Wendepunkt darstellen.

Was kommt?

Glaubt man den Gerüchten im Vorfeld, dürfte Apple eine Fülle an neuen KI-basierten Features quer durch all seine Apps und Services vorstellen, oder wie es Apple angeblich nennen wird: Apple Intelligence (AI). Dies nicht nur für das kommende iOS 18, sondern auch für das Tablet-Pendant iPad OS 18 sowie das Desktop-System macOS 15. Das ist auch durchaus logisch: Der Umstand, dass man viele Plattformen gleichzeitig bespielen kann, ist ja einer der Vorteile für Apple.

So ist etwa von einem "Smart Recap" genannten Feature die Rede, mit dem sich Textinhalte zusammenfassen lassen, von Mails über Notizen bis zu Artikeln auf Webseiten. Auch smarte Antwortvorschläge in Apps wie iMessage sowie die Möglichkeit, die Tonalität der eigenen Nachrichten – von professionell bis locker – zu ändern, sollen kommen. Ebenfalls die Rede ist von der automatischen Transkription von Sprachaufzeichnungen sowie der Möglichkeit, störende Objekte aus Bildern zu entfernen.

Ist das alles?

All das soll nicht nur lokal laufen, also ausschließlich am Smartphone vorgenommen werden, es klingt auch tatsächlich sinnvoll. Gleichzeitig liest sich diese Liste aber auch etwas enttäuschend: All das kennt man exakt so nämlich schon von anderen Herstellern, einzelne dieser Features bietet etwa Google auf seinen Pixel-Geräten bereits seit Jahren an, den Rest gibt es in den aktuellsten Devices von Samsung und Google ebenso.

Samsung Galaxy S24
Viele der bisher durchgesickerten Features klingen nach dem, was es bei manchen Konkurrenten schon gibt – etwa auf Samsungs Galaxy S24.
Proschofsky / STANDARD

Das wäre insofern eine Enttäuschung, als Apple eigentlich dafür bekannt ist, oftmals bestehende Technologien besser als andere Hersteller zu integrieren. Von ganz neuen Ideen findet sich zumindest in den aktuellen Leaks bisher aber noch nichts – aber wer weiß, vielleicht überrascht das Unternehmen in der Hinsicht ja noch.

In gewisser Weise ist aber auch nichts anderes zu erwarten. Immerhin ist klar, dass jene Dinge, die generative KI mit aktuellen Chips direkt auf dem Smartphone abwickeln kann, ziemlich überschaubar sind. Immer wieder sind dabei sehr ähnliche Aufgaben zu sehen: Zusammenfassungen, einfache Bildbearbeitungen, Anpassung von Texten – all das kann derzeit mit lokaler KI ganz gut abgewickelt werden. Mächtigere lokale Modelle mit multimodalen Möglichkeiten dürften erst in der nächsten Generation folgen – und offenbar wohl nicht als Erstes bei Apple, wenn man den aktuellen Leaks glauben darf.

Siri 2.0? ChatGPT?

Viel zu hören war im Vorfeld auch von einer neuen Version von Siri, eine Art Generalüberholung des digitalen Assistenten auf Basis generativer KI. Das wäre allerdings ein deutlich aufwendigeres Projekt als die zuvor genannten Features – entsprechend überrascht auch nicht, dass zuletzt zu hören war, dass "Siri 2.0" erst zu einem späteren Zeitpunkt erscheinen soll. Aber vielleicht kann sich Apple ja zumindest zu einer ersten Demonstration durchringen. Zu den kolportierten Neuerungen soll unter anderem die Möglichkeit, einzelne App-Funktionen bequem via Sprache steuern zu können, gehören.

Was hingegen vorerst nicht kommen soll, ist ein eigener Chatbot von Apple, also eine Konkurrenz zu ChatGPT oder Gemini. Stattdessen will man diese Aufgaben offenbar vorerst der Konkurrenz überlassen. So war zuletzt zu hören, dass sich Apple mit OpenAI darauf geeinigt hat, ChatGPT – oder einen Abkömmling davon – in iOS 18 zu integrieren. Parallel dazu würde Apple aber offenbar gern Alternativen anbieten – so sollen Gespräche mit Google und anderen Herstellern wie Anthropic parallel zum OpenAI-Deal weiterlaufen.

Wie tief die Integration dieser Chatbots mit dem System sein wird, ist dabei eine durchaus spannende Frage, immerhin gehen mit diesen Diensten allerlei Privatsphärenfragen einher – laufen solche Chatbots doch allesamt in der jeweiligen Cloud der Hersteller, das heißt: Bei der Nutzung werden allerlei private Daten gesammelt.

Was ist mit der Privatsphäre?

Ganz allgemein wird spannend, wie sich Apple durch das Thema Privatsphäre manövrieren wird. Immerhin wirft KI in dieser Hinsicht noch mal ein ganzes Paket an zusätzlichen Fragen auf. Apples Ansatz dazu ist bisher, dass man für die eigenen Dienste ganz auf lokale KI direkt am Smartphone setzt, wodurch keine Daten übertragen werden müssen.

Das war bisher eine gute Argumentation – dass auch das alleine nicht mehr zieht, zeigen die aktuellen Diskussionen über Microsofts Recall-Feature für Windows oder die Debatten über eine Scam-Anruf-Erkennung für Android. Auch dass Apple angeblich plant, alle KI-Funktionen als Opt-in anzubieten – also von Haus aus gar nicht zu aktivieren –, dürfte die Diskussion wohl nicht komplett beenden, das ist nämlich bei anderen Herstellern ebenfalls nicht viel anders.

In der Cloud laufende Dienste wie ChatGPT werfen auch Datenschutzfragen auf, die Apple sonst zu vermeiden versucht.
AP/Michael Dwyer

Zugleich jedoch überlässt man aufwendigere Dienste wie eben Chatbots lieber anderen Herstellern und hängt einfach diesen die Verantwortung um. Doch auch diese Grenzen könnten zunehmend verschwimmen. So war bereits vor einigen Monaten zu hören, dass es ein Projekt namens Apple Chips in Data Centers (ACDC) gibt. Dahinter soll eine eigene Cloud-Lösung von Apple für die Ausführung aufwendiger KI-Aufgaben stehen, die auf Basis von Apples eigenen M2-Ultra-Chips eine Art sichere Umgebung mit allerlei Datenschutzgarantien bieten soll. Dorthin könnten dann Aufgaben ausgelagert werden, für die das eigene Smartphone oder Tablet nicht stark genug ist. Das Betriebssystem selbst soll dann entscheiden, bei welchem Gerät welche Tasks lokal erfolgen und welche in die Cloud verschoben werden, behauptet zumindest Bloomberg zu wissen.

Unklar bleibt vorerst, wofür ACDC konkret genutzt werden soll: Die weiter oben genannten Features sollten allesamt ohne Cloud auskommen, eventuell könnte es aber bei Siri 2.0 oder noch unbekannten Diensten eine Rolle spielen. Zu hoffen bleibt, dass Apple – wenn man zu der Cloud-Lösung überhaupt schon etwas sagt – auch technische Details nennt. Wirklich Garantien abzugeben ist in diesem Bereich, wo oft viele Aufgaben unterschiedlicher Nutzer auf derselben Hardware laufen, nämlich einfacher gesagt als getan. Genau das wird aber nach Jahren der Privacy-Kritik von Apple an Cloud-Diensten der Konkurrenz aber notwendig sein.

Wer bekommt das überhaupt?

Apropos spannende Fragen: Eine solche ist auch, für welche Geräte es schlussendlich die einzelnen KI-Features von iOS 18 überhaupt geben wird. Apple-Auskenner Mark Gurman ließ dabei zuletzt Ernüchterndes – wenn auch nicht Überraschendes – durchklingen. So sollen viele Dienste zunächst nur auf dem iPhone 15 Pro und iPhone 15 Pro Max laufen, selbst bei den aktuellen iPhone 15 und iPhone 15 Plus muss man wohl deutliche Abstriche hinnehmen.

Gurman spekuliert dabei, dass der unterschiedliche SoC – also der zentrale Chip eines Smartphones – der Grund sein könnte. So haben nur die Pro-Modelle den aktuellen A17 Pro, während in den anderen beiden ein A16 steckt. Das spielt sicherlich eine Rolle – mit Blick auf die Konkurrenz klingt aber eine andere Erklärung schlüssiger: Die aktuellen Pro-Modelle haben 8 GB RAM, die anderen nur 6 GB RAM.

Große Sprachmodelle am Smartphone sind bisher aber eben sehr speicherhungrig, was auch der Grund dafür ist, warum sich im kommenden Jahr bei vielen Herstellern ein deutlicher Sprung bei der RAM-Ausstattung zeigen dürfte. So soll Google etwa den für Herbst erwarteten Pixel-9-Modellen gleich 16 GB RAM verpassen, um noch aufwendigere Aufgaben in der Kombination aus Bild, Text und Video vollziehen zu können. Zur RAM-Vermutung passt auch, dass die neuen KI-Features von Apple laut Gurman sehr wohl auf älteren Macbooks, aber auch iPads zurück bis zum M1 Chip und 8 GB RAM als Minimum unterstützt werden sollen.

Ein Teil der kommenden KI-Features von Apple könnte aber ohnehin nur auf der nächsten iPhone-Generation im Herbst laufen, für die ein deutliches Upgrade bei den KI-Funktionalitäten der Hardware zu erwarten ist. Eine Plattform, diese schon im Rahmen der WWDC vorzuzeigen, hätte Apple trotzdem bereits zur Hand. Hat man doch erst vor wenigen Wochen das neue iPad Pro mit dem ebenfalls brandneuen M4-Chip vorgestellt, der sich nicht zuletzt durch eine viel stärkere NPU auszeichnet.

Warum kommt das jetzt?

Jenseits aller neuen Features und unabhängig von den Fragen der technischen Umsetzung ist aber jetzt schon eines klar: Die WWDC 2024 markiert einen bemerkenswerten Punkt in der Geschichte des Unternehmens. Denn wo Apple sich sonst wenig bis gar nicht aus der Ruhe bringen lässt, ist doch unübersehbar, dass die Wucht des aktuellen KI-Hypes selbst den iPhone-Hersteller gehörig unter Druck gebracht hat.

Apple-Boss Tim Cook bei einem Besuch in China.
AFP/PEDRO PARDO

Ausgerechnet jenes Unternehmen, das sonst so auf Geheimhaltung setzt, hatte vermittels Firmenchef Tim Cook in den vergangenen Monaten gleich mehrfach betont, dass man an zahlreichen KI-Funktionen für die eigenen Geräte arbeitet. Eine Vorankündigung, die nur mit dem wachsenden Druck von Investoren zu verstehen ist, die unter dem Eindruck des Hypes wissen wollten, ob Apple all den Neuerungen anderer Hersteller etwas entgegenzusetzen hat.

Dass dabei längst nicht klar ist, dass die erwähnten KI-Features eine reale Auswirkung auf das Kaufverhalten der umworbenen Nutzerinnen und Nutzer haben, sei nur am Rande bemerkt. Bisher zeigen sich jedenfalls keine großen Verschiebungen am Markt, vor denen sich Apple fürchten müsste. Das ist allerdings angesichts der wie erwähnt noch überschaubaren Funktionalität dieser Services auch nicht überraschend und könnte sich mit kommenden Gerätegenerationen ändern. Oder auch nicht. Aber zumindest signalisiert Apple damit, dass man auch auf eine solche Verschiebung vorbereitet ist. Gut für den Aktienkurs ist das also allemal, und das ist für das Unternehmen wohl auch nicht ganz unwichtig.

Die Frage, ob Apple dabei wirklich Innovatives zu bieten hat oder eigentlich nur das Gleiche wie alle anderen in leicht anderer Verpackung verkauft, könnte man ebenfalls lange diskutieren. Das ändert aber nichts daran, dass Apple alleine aufgrund seiner Marktposition dafür sorgen wird, dass diese KI-Funktionen eine große Masse an Nutzerinnen und Nutzern erreichen wird – und zwar wesentlich mehr als bei vielen Android-Herstellern. Das allein verleiht jeder der kommenden Ankündigungen des Unternehmens bereits eine besondere Relevanz.

Und sonst?

Auch wenn die WWDC 2024 also wohl ganz im Zeichen der KI stehen wird: Das einzige Thema dürfte es trotzdem nicht bleiben. Immerhin wird für diese die Präsentation von iOS 18, iPad OS 18 und macOS 15 erwartet, die natürlich auch jenseits von KI allerlei Neues bieten sollen. So war etwa von einem anpassbaren Homescreen am iPhone oder auch neu gestalteten Systemeinstellungen sowie einem Redesign der Photos-App die Rede.

Im Vorjahr war die Mixed-Reality-Brille Vision Pro der große Star der Show; welche Rolle sie heuer einnehmen wird, bleibt zunächst unklar. Zu erwarten wäre eigentlich auch hier eine neue Softwaregeneration – also Vision OS 2.0. Nicht davon auszugehen ist hingegen, dass auf der WWDC neue Hardware vorgestellt wird. Neue iPads hat Apple gerade erst vor wenigen Wochen präsentiert. Aber zumindest sollten auch noch tvOS 18 und watchOS 11 präsentiert werden, Apple hat ja mittlerweile eine Fülle von iOS-Ablegern.

Ticker? Ticker!

Was auch immer es wird, DER STANDARD wird all das jedenfalls eingängig beobachten. So werden wir auch die am Montag (10. Juni) abgehaltene Keynote mit einem Liveticker begleitet, die wichtigsten News werden bald danach in einem separaten Artikel zusammengefasst. Wer sich den Termin schon mal notieren will: Die Keynote startet um 19:00 (MESZ), der Ticker wird aber natürlich bereits ein paar Minuten zuvor eröffnet. (Andreas Proschofsky, 8.6.2024)