Was im Inneren des Gasthauses Goldener Löwe kredenzt wird, bleibt draußen kein Geheimnis. "Gefülltes Zigeuner-Schnitzel" steht auf dem Aushang vor dem hübschen Fachwerkhaus in der kleinen südthüringischen Gemeinde Kloster Veßra.

Der Preis für das Schnitzel, inklusive Kartoffelecken und Salat, beläuft sich auf 18,88 Euro und ist vermutlich kein Zufall. 1 und 8 sind in der rechtsextremen Szene der Code für den ersten und achten Buchstaben des Alphabets. AH also, "Adolf Hitler". Und die 88 – zwei Mal H – steht für "Heil Hitler". Man kann das Schnitzel mit "Reichsbräu" hinunterspülen, das als "politisch höchst unkorrektes Refugees-not-Welcome-Pils" angepriesen wird. Passend gekleidet ist, wer dazu ein T-Shirt mit der Aufschrift "Braun ist bunt genug" trägt.

Frenck handelt mit Neonazi-Devotionalien und will Landrat werden.
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Für all das sorgt Tommy Frenck. Er ist Inhaber der szenebekannten Gaststätte, genannt "Sturmlokal", und vertreibt über seinen Versandhandel Neonazi-Devotionalien. Zudem hat er in der Region einige große Rechtsrock-Konzerte veranstaltet. Nun strebt der 37-Jährige ein wichtiges Amt in der deutschen Kommunalpolitik an. Er will Landrat im Landkreis Hildburghausen werden. Beim ersten Wahlgang, am 26. Mai, hat er es auf Platz zwei geschafft. 24,9 Prozent erhielt er in der ländlich geprägten und konservativen Gegend – mehr als der CDU-Kandidat.

Duell mit einem Freien Wähler

Somit steht Frenck am Sonntag in der Stichwahl und duelliert sich mit Sven Gregor, dem Kandidaten der Freien Wähler (FW). Ein Neonazi in einer Stichwahl um ein wichtiges Verwaltungsamt – so etwas hat es in Deutschland bisher noch nicht gegeben.

Grauenhaft findet das Uwe Schneider. Er betreibt nur wenige Meter von Frencks Gasthof entfernt einen Imbiss. Der Chef kocht selbst, es gibt deftige Thüringer Küche, von den Würsten bis zum Gulasch ist alles dabei. Gut sichtbar hat Schneider seine Imbiss-Regeln ausgehängt. "Alle Menschen sind willkommen", lautet die erste. Gleich darüber ist eine Stelle des Daches ausgebessert worden. Drei Brandanschläge hat es auf den Imbiss namens "Refektorium" bereits gegeben. Täter konnten nicht ermittelt werden. Der Wirt will niemanden verdächtigen. Er sagt nur: "Es ist bekannt, dass ich mich gegen Rechtsextreme engagiere." Einschüchtern lässt er sich nicht. Denn: "Wir dürfen nicht aufhören, diesen Kampf zu führen."

Schneider weiß wie viele andere auch, was der Thüringer Verfassungsschutz über Frenck schreibt: "Seine unternehmerische Tätigkeit und seine politische Betätigung bilden inzwischen eine bedenkliche Symbiose von rechtsextremistischer Ideologie und eigenen wirtschaftlichen Interessen." Wenn man sich in der Region umhört, findet man Wählerinnen und Wähler, die offen sagen, dass sie für Frenck gestimmt haben. So arg sei der gar nicht, heißt es dann. Oder: Der packt wenigstens an. Auch: Ich will mich gegen die Grünen wehren.

"Keine Wohnung für Asylanten"

Frenck selbst erklärt dem STANDARD schriftlich, er wolle als Landrat "versuchen, diesen ganzen Windrad-Irrsinn in unseren Wäldern zu verhindern". Man müsse auch aufhören, "in jede freie Wohnung Asylanten reinzustecken". Er war früher bei der NPD, hat dann das "Bündnis Zukunft Hildburghausen" (BZH) mitbegründet und sitzt für dieses seit 2009 im Kreistag. Bei den Landratswahlen 2018 war Frenck auch schon angetreten.

Viele, bis hinauf in die Berliner Politik, sind empört, dass Frenck überhaupt zur Wahl zugelassen wurde. Entschieden hat darüber der fünfköpfige Wahlausschuss des Kreises. Drei Stimmen gab es für Frenck, zwei dagegen.

Zu den Befürwortern gehört Mario Geitt, Kreiswahlleiter und Vorsitzender des Wahlausschusses. "Es war eine Abwägungssache", sagt er. Natürlich sei die Gesinnung Frencks bekannt. Aber offenbar habe das vom Verfassungsschutz angeforderte Dossier über Frenck die Mitglieder des Wahlausschusses nicht so überzeugt, "dass sie grundrechtsentziehende Maßnahmen setzen" und Frenck die Wählbarkeit absprechen wollten, sagt Geitt.

Dieses Wahlplakat steht in der kleinen thüringischen Gemeinde Kloster Veßra (Wahlkreis Hildburghausen) nicht weit von jenem Gasthof entfernt, den der Neonazi Tommy Frenck betreibt. Dort gibt es "Zigeuner-Schnitzel" für 18,88 Euro.
DER STANDARD / Baumann

Laut dem Thüringer Kommunalwahlgesetz kann nicht zum Landrat gewählt werden, "wer nicht die Gewähr dafür bietet, dass er jederzeit für die freiheitliche demokratische Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes und der Landesverfassung eintritt".

Kaum Zeit für die Unterlagen

Darauf weist ein anderes Mitglied des Wahlausschusses hin. Ein sehr "bösartiges Befinden" habe er bei der Wahl Frencks verspürt, sagt Pensionist Bernd Ahnicke, der für die Linke im Wahlausschuss sitzt. Die Unterlagen des Verfassungsschutzes habe man erst in der Sitzung bekommen, es sei zu wenig Zeit gewesen, diese durchzugehen, erzählt er. "Und dazu kommt noch", sagt Ahnicke, "dass Frenck ja in der Sitzung anwesend war. Er saß direkt neben uns." Das hätten möglicherweise manche als Einschüchterung empfunden. Er selbst nicht, so Ahnicke: "Ich habe mit Nein gestimmt."

Der Beschluss des Wahlausschusses war (und ist) unanfechtbar. Doch viele wollen sich damit nicht abfinden. Für den Fall, dass Frenck die Stichwahl gewinnt, erwägt das "Bündnis für Demokratie und Weltoffenheit Kloster Veßra" rechtliche Schritte. "Wir werden dann eine Wahlanfechtung prüfen", sagt dessen Sprecher Thomas Jakob. Zwar kann der Kandidat der Freien Wähler (FW), Sven Gregor, nach der ersten Runde 42,4 Prozent vorweisen. Das ist viel mehr, als Frenck erreicht hat. Aber gänzlich ausschließen will das Unvorstellbare niemand. Jakob sagt auch, wer seiner Einschätzung nach mitgeholfen habe, Frenck groß werden zu lassen: "Die CDU. Sie stellte jahrzehntelang den Landrat und hat sich weggeduckt."

Deshalb ist das Bündnis vor der Stichwahl einmal mehr aktiv geworden und organisierte in Hildburghausen eine Kundgebung. Lange schon kämpft es gegen Frencks Umtriebe – mit Lesungen, Familienfesten oder Konzerten. "Man muss Alternativen zu seinem Angebot bieten", sagt Jakob.

Erinnerung an die Opfer

Oder auch ganz deutlich auftreten. Als Frenck sein letztes Rechtsrock-Konzert in Themar veranstaltete, stellte das Bündnis gleich daneben 142 weiße Kreuze auf. Jedes für ein Todesopfer rechtsextremer Gewalt in Deutschland. "Eure Ideologie tötet", war auf einem riesigen Transparent zu lesen.

Heute stehen die 142 Kreuze wie eine stumme Mahnung in der Kirche von Themar. "Wir wollen sie auch wieder öffentlich zeigen. Aber viele haben Angst, weil Frenck mittlerweile so stark geworden ist", sagt einer, der seinen Namen nicht nennen möchte.

Aufgeben will jedoch auch Jakob nicht. "Kurz war ich frustriert, dass Frenck trotz unserer Arbeit bei der Wahl 25 Prozent bekommen hat", sagt er. Aber dann sah er es von der anderen Seite und dachte sich: "Ohne unseren Widerstand hätten wohl noch viel mehr für diesen Neonazi gestimmt." Daraus ergibt sich für Jakob auch der Auftrag für die nächsten Jahre: "Wir werden nicht zurückweichen." (Birgit Baumann aus Hildburghausen, 7.6.2024)