Beim Landeanflug auf den Flughafen Wien in Schwechat ist am Sonntagabend eine Maschine der Austrian Airlines (AUA) durch Hagel schwer beschädigt worden. Die Maschine, die mitten durch eine Gewitterzelle flog, landete dennoch sicher am Wiener Airport, alle Passagiere blieben unverletzt. Beschädigt wurden beim Airbus A320 des Fluges OS434 von Palma de Mallorca nach Wien die beiden vorderen Cockpitscheiben, die Flugzeugnase (Radom) sowie weitere Verkleidungen. Es wurde ein Notruf (Mayday) abgesetzt, dennoch gelang die sichere Landung schließlich um 17.55 Uhr.

Flugzeug in der Mitte von Wolken
Eine Gewitterzelle mit Hagel wurde auf dem Wetterradar von Flug OS434 nicht angezeigt.
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Frage: Passiert es öfter, dass Flugzeuge mitten durch Gewitterzellen fliegen?

Antwort: Schon aus Komfortgründen für die Passagiere versuchen Piloten – wenn möglich – Gewittern auszuweichen. In Gewitterzellen können extreme Böen und Hagel eingebettet sein. Es ist aber nicht immer möglich, einem Gewitter auszuweichen. Die US-Luftfahrtbehörde FAA geht davon aus, dass jedes Flugzeug im Durchschnitt einmal im Jahr von einem Blitz getroffen wird. Der Einschlag ist unproblematisch, weil die Flugzeughülle ähnlich wie ein Pkw einen faradayschen Käfig bildet, der als elektrische Abschirmung wirkt. Ein Blitzeinschlag hinterlässt an einem Flugzeug meist nur kleine Brandspuren an den Ein- und Austrittsstellen. Wird ein Flugzeug vom Blitz getroffen, entscheidet die Cockpit-Crew nach einem Check der Instrumente, ob sie weiterfliegt oder zur Sicherheit auf dem nächsten Flughafen landet. Eine andere Gefahr ist Hagelschlag.

Frage: Welche Schäden kann Hagel bei dieser Geschwindigkeit verursachen?

Antwort: Große Hagelkörner können ein Flugzeug gerade im Bereich der Nase, der Triebwerkseinlässe und Tragflügelvorderkanten beschädigen. Hier auftretende Schäden beeinträchtigen aber in der Regel nicht die Sicherheit eines Flugzeuges. Cockpitscheiben sind so massiv gebaut, dass Hagelkörner die Scheiben nicht durchschlagen können. Das ist auch beim Airbus des Fluges OS434 der Fall gewesen, weshalb es zu keinem Druckabfall in der Kabine kam. Allerdings konnten die Piloten nichts mehr sehen, da die Scheiben komplett "blind" waren. Und in der Flugzeugnase sind auch Navigations- und Wetterradar untergebracht. Deren Ausfall stellt sehr wohl eine Gefahr dar.

Frage: Warum versuchte der Pilot nicht, dem Hagel auszuweichen?

Antwort: Der Pilot und der Copilot gaben nach der Landung unisono an, dass die Gewitterzelle mit dem Hagel auf dem Wetterradar nicht zu sehen war. Dabei werden im digitalen Glascockpit eines Airbus A320 wichtige Wetterinformationen eigentlich auf großen Bildschirmen unmittelbar vor den Piloten angezeigt, die auch angaben, die Anzeige wegen des Gewitters ständig im Blick gehabt zu haben. Der Zwischenfall wird nun von einer Unfallkommission untersucht. Die Ermittler untersuchen dabei, ob die Piloten auch ohne Anzeige von Hagel auf dem Wetterradar ein Ausweichmanöver hätten fliegen müssen. Überdies wird der Frage nachgegangen, ob nicht auch die Flugsicherung am Boden die Möglichkeit hatte, das Hagelunwetter zu erkennen. Sie hätte unabhängig vom Wetterradar an Bord die Piloten warnen können.

Frage: Welche psychische Belastung bedeutet so ein Vorfall für Crew, Besatzung und Passagiere?

Antwort: Die Maschine befand sich mit noch rund 840 Kilometern pro Stunde im Landeanflug. Bei dieser hohen Geschwindigkeit ist der Lärm, den der Hagel verursacht, ohrenbetäubend. Außerdem hat die Wucht des Hagels Teile vom Rumpf zerfetzt und abgerissen. Gerüchte auf Social Media, wonach der Hagel auch zum Ausfall eines Triebwerks geführt haben sollen, sind laut AUA-Sprecherin Anita Kiefer gegenüber des Luftfahrtsmagazins Austrianwings.info falsch. Die Piloten trainieren solche Situationen allerdings und setzten den Sinkflug unbeirrt fort, um möglichst rasch wieder aus der Unwetterfront herauszukommen. Durch das Absetzen eines Mayday-Calls erklärten sie überdies eine sogenannte Luftnotlage, wodurch die Fluglotsen der Maschine absolute Priorität für den weiteren Anflug auf Wien einräumten. Bei der Landung standen laut Protokoll Flughafenfeuerwehr und Rettungsdienst bereit, die aber zum Glück nicht gebraucht wurden.

Beschädigter Airbus und viele Wartungsfahrzeuge rundherum
Die AUA-Maschine "Arlberg" verlor in einer Gewitterzelle mit Hagel fast die gesamte Schnauze.
exithamster

Frage: Wie kann man eine Maschine landen, wenn die Cockpitscheiben komplett "blind" sind?

Antwort: Dank des Instrumentenlandesystems (ILS). Das System wird insbesondere bei schlechten Wetterbedingungen oder eingeschränkter Sicht verwendet, auch ohne Notsituation. Sobald das Flugzeug in Reichweite des Systems ist, empfängt das Bordgerät die Signale vom Boden. Die Abweichungen von der idealen Anfluglinie werden auf den Fluginstrumenten angezeigt. Der Pilot oder der Autopilot nimmt dann nur die erforderlichen Kurs- und Höhenkorrekturen vor, um das Flugzeug bis zur Landung auf dem idealen Anflugpfad zu halten. Schätzungen und Berichten aus der Luftfahrtindustrie zufolge werden rund 80 bis 90 Prozent der Landungen an größeren Verkehrsflughäfen sowieso mit ILS durchgeführt. Die meisten Fluggesellschaften bevorzugen oder verlangen die Nutzung von ILS, wann immer es verfügbar ist, um die Sicherheit zu erhöhen. Ob das ILS bei Flug OS434 fuktionsfähig war, ist unklar.

Frage: Wird so ein stark beschädigtes Flugzeug überhaupt wieder eingesetzt?

Antwort: Der Sachschaden dürfte nach ersten Schätzungen der AUA im sechsstelligen Bereich liegen. Ob sich eine Reparatur der Maschine wirtschaftlich lohnt, müssen nun AUA-Techniker und möglicherweise auch des Herstellers Airbus entscheiden. Das beschädigte Flugzeug ist bereits 23 Jahre alt und hatte mehrere Vorbesitzer. Der Flieger fällt aber selbst für den Fall, dass eine Reparatur möglich und sinnvoll ist, für mehrere Wochen aus. Ob das Ereignis Auswirkungen auf den Flugplan der AUA hat, ist unterdessen noch unklar.

Frage: Sind solche Unwetter durch den Klimawandel in Zukunft noch häufiger zu befürchten?

Antwort: Der deutsche Meteorologe Detlef Carius, ehemalige Leiter der theoretischen Ausbildung an der Lufthansa-Pilotenschule in Bremen, geht eindeutig von einer Zunahme aus. Der Klimawandel und der damit zusammenhängende Anstieg von Temperatur und Luftfeuchte verändern die meisten meteorologischen Fluggefahren in Bezug auf deren Häufigkeit und Stärke. Dazu zählen tropische Wirbelstürme, Orkanwetterlagen, Starkregen und Hagel. Insgesamt führen diese Veränderungen zu häufigeren Flugverspätungen, Umleitungen und Annullierungen. (Sascha Aumüller, 10.6.2024)