Popstar Billie Eilish tauchte heuer bei den Golden Globe Awards mit einer randlosen Harry-Potter-Brille auf. Oder zitierte sie Steve Jobs?
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In dieser Woche soll es um ein Brillengestell gehen, mit dem viele bereits abgeschlossen haben. Die Rede ist von der rahmenlosen Brille. Wir erinnern uns: Diese Teile saßen Anfang der Nullerjahre auf den Nasen der Politikerinnen und Politiker. Sie verwandelten sich mithilfe dieses Accessoires in aalglatte Versicherungsvertreter, dieser Typus war offenbar gefragt.

Alfred Gusenbauer zumindest gewann mit einer konturlosen, rechteckigen Brille die Wahl zum Bundeskanzler, in deutschen Talkshows hatten Typen wie Edmund Stoiber, Christian Wulff und Guido Westerwelle zumindest eines gemein – die randlosen Gestelle. Die Kommentare, sie blieben nicht aus. "Konturlos ist fürs Fernsehen gut", wurde schon damals hier und da geätzt. An anderer Stelle war die Rede von einer "Regierung der Randlosen", den "ewigen Schwiegersöhnen der Macht".

Bundeskanzler Alfred Gusenbauer im Sommer 2007 während der Salzburger Festspiele.

Dabei befanden sie sich damals in bester Gesellschaft – selbst Steve Jobs hatte eine randlose Brille (von Lunor) zu seinem Markenzeichen erklärt.

Möglicherweise traute sich aber die politische Kaste in den Nullerjahren aus guten Gründen nicht an die prägnanten Nerdbrillen aus Horn und Kunststoff heran. Zum einen erinnerten sie wahrscheinlich zu sehr an die Ära Helmut Kohl, die Zeit der schweren Gestelle. Zum anderen signalisierten die Hornbrillen: Ich bin cool genug, um zwischen mich und das Weltgeschehen ein Fensterglas zu schieben. Zu viel des Statements für die Schwiegermutterlieblinge.

Steve Jobs 2010 in San Francisco.
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Irgendwann in den Zehnerjahren aber war das Ende der fast freischwebenden Gläser gekommen. Selbst Überzeugungstäter wie Gusenbauer entdeckten die Hornbrille, sogar dem eitlen Heinz-Christian Strache war seine randlose Brille, mit der er 2021 eine Woche lang öffentlich auftrat, peinlich. Die Ersatzbrille setze er nur auf, weil er die andere "geschrottet" habe, erklärte er.

Gipfeltreffen der randlosen Brillen: Franz Beckenbauer (rechts) und der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber im Jahr 2002.

Würde Strache seine Ersatzbrille heute auf die Nase setzen, würde er zu den modischen Vorreitern gehören. Mit dem Comeback der Mode der 2000er-Jahre ist nun auch sie zurück. Die rahmenlose Brille wird vom Modehaus Balenciaga gefeiert und von Frauen wie Billie Eilish (Jahrgang 2001) und Jisoo, Star der südkoreanischen Girlband Blackpink (geboren 1995), aufgesetzt. Das ist natürlich auch kein Wunder, für sie hängen an den Brillenmodellen keine Erinnerungen an die Politdinos.

Bei den Älteren hingegen stellt sich die Frage, ob sie sich freimachen können von den Erinnerungen an die wendigen Versicherungsvertreter von damals. Wenn das gelingt, stünde einer zweiten Liebe zu den rahmenlosen Gestellen eigentlich nichts im Weg, oder? (Anne Feldkamp, 10.6.2024)