Der schon jetzt vorgenommene Landschaftsumbau liefert einen Vorgeschmack auf die notwendige Umkrempelung aller unserer Lebensgrundlagen: Idylle in der Nähe der Cottbuser Ostsee.
IMAGO

Der Öko-Aktivist mit der größten Vorbildwirkung lebt in Amerika. Sein Pech: Er ist akut vom Aussterben bedroht. Der Totengräber-Käfer (Burying Beetle) ist genügsam. Er schlägt sich nicht auf Kosten aller den Wanst voll, sondern er recycelt brav. Das Krabbeltier vergräbt tote Lebewesen. Unermüdlich hilft es mit, Kadaver in das Ökosystem wiedereinzuspeisen. Leider setzt der Klimawandel auch dem Burying Beetle empfindlich zu. Der Nährstoffverwerter steht aufgrund akuter Lichtverschmutzung vor dem Aus.

Eine winzige Episode illustriert die Größenordnung des Problems, das Hedwig Richter und Bernd Ulrich anzeigen: Der Klimawandel ist menschengemacht. Wir, die Nutznießer der freiheitlichen Demokratien, stehen im Bann "ökologischer Unmündigkeit".

Anstatt unser Leben drastisch zu ändern, halten wir unbeirrbar fest am Status quo. Wir prassen fossil und gebärden uns wie trotzige Kinder. Wir sind Lethargiker: unfähig, die Folgelasten unseres ökologischen Schmarotzertums zu tragen. Während wir die mit Händen greifbaren Folgen des Desasters verdrängen, müllen wir den "Verschiebebahnhof Beschlussosphäre" mit Vorsätzen voll. Dazu schmeckt uns obendrein das Fleisch zu gut. Wir quälen völlig bedenkenlos unsere Mitkreaturen – zumal, wenn sie so niedlich dreinschauen wie die meisten Säugetiere.

Demokratie und Revolution ist ein Buchtitel, mit dem sich schon zu Zeiten der Studentenrevolte, also vor rund 50, 60 Jahren, Furore hätte machen lassen. Richter ist Historikerin, ihr Kollege Zeit-Redakteur. Gemeinsam lesen sie den Bewohnern der Wohlstandswinkel gehörig die Leviten. Der "Aufstand der Kollateralschäden" nötigt mit sofortiger Wirkung zur Reparaturarbeit. Zeit gibt es – mit Blick auf den CO2-Ausstoß – keine mehr zu verlieren.

Thema angekommen

Die Menschen wissen eigentlich, worum es geht. Die Sozialempirie bestätigt, dass das Agenda-Setting bei Land- und Städtebewohnern angekommen ist. Aber, oh Wunder: Es passiert – seit der allseitigen Verpflichtung auf die Ziele des Pariser Klimaabkommens – viel zu wenig. Heizungsgesetze werden von Bundesregierungen mit Grünenbeteiligung, siehe Deutschland, in den Sand gesetzt. Mit hinhaltendem Trotz begegnen Teile der Öffentlichkeit all den Zumutungen, die der Klimaumbau und die Erhaltung der Artenvielfalt erfordern. Richter/Ulrich finden aus dem Staunen kaum heraus: Das Veränderungstempo unserer Gesellschaften bleibt noch hinter der Geschwindigkeit des Totengräber-Käfers zurück.

Eine autosuggestive Stressangst setzt der Politik zu. Mit dem Hinweis, so schlimm könne es nicht werden, füttern Techno-Experten den inneren Schweinehund der Konsumenten. Das Fassen von Beschlüssen ersetzt das Schaffen von Tatsachen („Beschlussmagie“). Anstatt den Altruismus bei den Menschen zu wecken, behandelt man sie als Monster, die sediert gehören – und hinters Licht geführt werden wollen. Was erst recht wieder Unwillen und Trotz hervorruft.

Das Autorinnengespann meint: Wir behandeln die alles beherrschende Krise des 21. Jahrhunderts mit der Grammatik des 20. Jahrhunderts. Man kommt aus dem zustimmenden Nicken kaum heraus. Und gewahrt verblüfft, dass die einflussreichen Erweckungsliteraten unserer Tage – bei absolut zutreffender Analyse – einen keusch anmutenden Politikverzicht üben.

In Bausch und Bogen

Erstaunlich: In einem Buch, dass den ehrwürdigen Begriff der "Revolution" sogar im Titel führt, wird jeder historische Versuch, die Verhältnisse von Grund auf zu verändern, in Bausch und Bogen verdammt. Dagegen scheint kein Lobeswort für Richter/Ulrich zu gering, wenn es darum geht, die Resilienz aller aufrechten Demokratinnen zu würdigen. Wahrheit, Verzicht, Selbstkasteiung? Die Zügelung des maßlosen Energiehungers? Alles kein Problem. Selbst dem Konsum, der Abfall ohne Ende produziert, bringen die Sachbuchautoren einige Wertschätzung entgegen. Er bilde eine der großen Syntheseleistungen unserer Marktwirtschaft.

Zum Ende hin bleibt der Rilke'sche Ruf "Du sollst dein Leben ändern!" vor allem eine autosuggestive Formel. Warum sollen die Menschen ausgerechnet den unpopulärsten Entscheidungen – man denke an das Verbrenner-Aus! – ihre Zustimmung versagen? Eben deshalb: Die Politik degradiert sich selbst zum "Pizzadienst", indem sie ökologische Selbstrettung ohne Zumutungen verspricht – und doch nicht liefern kann. Die Saat des Misstrauens ist gesät.

So bildet Demokratie und Revolution vor allem einen Aktivitätsersatz. Auch so kann man unserer Gesellschaft Gerechtigkeit widerfahren lassen: Man malt sich ihren Umbau in einen Streichelzoo aus oder in einen Gemeinschaftsgarten mit moralischem Hochbeet. Und ein paar Totengräber-Käfern. (Ronald Pohl, 11.6.2024)