Felsgravuren Anakonda
Größer als jede lebende Anakonda: Diese vor vermutlich 2000 Jahren eingravierte Schlange misst 42 Meter. (Die Figuren wurden auf dem Foto zur besseren Sichtbarkeit nachretuschiert.)
Philip Riris et al., Antiquity 2024

Es war wieder Alexander von Humboldt, der als erster europäischer Wissenschafter in die abgelegene Gegend vordrang und die Stromschnellen von Atures und Maipures am Orinoco beschrieb. In Booten von Indigenen, die auch die Steuerung übernahmen, durchfuhr er in einer wagemutigen Expedition die Schlüsselstellen, die im heutigen Grenzgebiet von Venezuela und Kolumbien gelegen sind und den gut schiffbaren Unterlauf des südamerikanischen Flusses vom Oberlauf trennen. Was dem legendären deutschen Naturforscher damals entging: An Felswänden dieser Gegend finden sich riesige Felsbilder – die vermutlich weltweit größten aus prähistorischen Zeiten.

Die Fundorte der Petroglyphen.
Philip Riris et al., Antiquity 2024

Bekannt sind einige der Petroglyphen schon seit Jahrzehnten, doch erst in den letzten Jahren wurden ihre wahren Dimensionen nach und nach offenbar. Nach einer Publikation 2017, die im Fachjournal Antiquity erstmals detaillierte Beschreibungen lieferte, legte ein britisch-kolumbianisches Forscherteam nun nach. Die Forschenden um Philip Riris (Universität Bournemouth) präsentierten neu entdeckte Feldbilder und liefern auch weitere Vermutungen nach: Ähnlichkeiten mit Motiven auf Töpferwaren lassen darauf schließen, dass die Gravuren noch älter sein dürften als bisher angenommen.

Petroglyphen, Felskunst
Einer der Felsen mit Gravuren, die auch von Joan Miró stammen könnten. Angefertigt wurden sie aber 2000 Jahre früher am Orinoco. Auf der Abbildung wurden sie nachbearbeitet, um besser sichtbar zu sein.
Philip Riris

Die Gravuren, die vermutlich vor 2000 Jahren oder noch früher in Felswände entlang des Oberen und Mittleren Orinoco in Venezuela und Kolumbien eingemeißelt wurden, zeigen eine Reihe von Bildern, darunter Darstellungen von Riesenschlangen, menschlichen Figuren und riesigen Tausendfüßern aus dem Amazonas. Bei den Schlangen handelt es sich vermutlich um Boa constrictors oder Anakondas, die in den Mythen und im Glauben der lokalen indigenen Bevölkerung eine wichtige Rolle spielten. Die menschlichen Darstellungen erinnern an jene des spanischen Malers und Bildhauers Joan Miró.

Bis zu 42 Meter lang

Einige der Gravuren sind mehrere Dutzend Meter lang, wobei die größte 42 Meter misst – und damit alle anderen prähistorischen Felsgravuren in den Schatten stellt. "Diese monumentalen Stätten sind wirklich groß und beeindruckend, und wir glauben, dass sie dazu gedacht waren, aus einiger Entfernung gesehen zu werden", sagt Phil Riris in einer etwas irreführenden Presseaussendung, die verschweigt, dass die größten Gravuren längst beschrieben worden waren: "Wir wissen, dass Anakondas und Boas nicht nur mit der Schöpfergottheit einiger indigener Gruppen in der Region in Verbindung gebracht werden, sondern dass sie auch als tödliche Wesen angesehen werden, die Menschen und große Tiere töten können."

Schlange Orinoco
Zwei Archäologen bei der Inspektion einer der besonders großen Gravuren.
Philip Riris

Während einige der Stätten bereits bekannt waren, beschrieb das Team im Fachblatt Antiquity nun insgesamt 14 Stätten mit monumentalen Felsgravuren, darunter solche, die mehr als vier Meter breit oder hoch sind. Das Team arbeitete dabei mit örtlichen Führern zusammen und nutzte Drohnenaufnahmen, um die Stätten zu erfassen. Obwohl es schwierig ist, Felsgravuren zu datieren, deuten ähnliche Motive auf in der Gegend gefundenen Töpferwaren darauf hin, dass sie vor etwa 2000 Jahren entstanden sind, möglicherweise sogar viel früher.

Zeichen der Abgrenzung

Wie die Forschenden nun vermuten, dienten die Felsgravuren wohl dazu, die Standorte prähistorischer Eingeborenenstämme zu markieren: "Die Gravuren befinden sich hauptsächlich entlang eines Abschnitts des Orinoco-Flusses, der Atures-Stromschnellen genannt wird und eine wichtige prähistorische Handels- und Reiseroute gewesen sein dürfte", sagt Co-Autor José Oliver (University College London).

Petroglyphen
Die Felswände sind übersät mit Felsgravuren. In der neuen Studie wurden sie erstmals einigermaßen vollständig katalogisiert.
Philip Riris et al., Antiquity 2024

Der Unterlauf des Orinoco sei bis zu diesen Stellen gut schiffbar. Die Gegend mit den Stromschnellen sei daher eine natürliche Zwischenstation gewesen, vermutet Oliver. Archäologische Funde würden zudem darauf hinweisen, dass es in der Gegend viel Handel und Interaktion gab. Das bedeute, dass es umso wichtiger gewesen sei, buchstäbliche Zeichen zu setzen, um die lokale Identität zu markieren und die Besucher wissen zu lassen, dass man hier ist. "Wir gehen davon aus, dass die Gravuren speziell vom Orinoco aus zu sehen sind, da die meisten Reisen zu dieser Zeit auf dem Fluss stattfanden."

Jahrhunderte später dürfe das Wissen darum – oder auch die Sichtbarkeit – verlorengegangen sein. Alexander von Humboldt, der allem von den Stromschnellen und Wasserfällen fasziniert war, dürften sie allem Anschein nach entgangen sein. (Klaus Taschwer, 10.6.2024)