Heimspiel für den Kreml-Chef: Russlands Präsident Wladimir Putin, geboren in Sankt Petersburg, als die Stadt noch Leningrad hieß, präsentierte sich auf dem Petersburger Wirtschaftsforum, das am Wochenende zu Ende ging, selbstbewusst und kämpferisch. Mehr als 21.300 Wirtschafts- und Medienvertreter aus 139 Ländern hätten am Forum teilgenommen, so Putin-Berater Anton Kobjakow.

Für Wladimir Putin war das Petersburger Wirtschaftsforum eine Generalprobe für den Gipfel der Brics-Staaten, der im Herbst in Kasan an der Wolga stattfinden wird. Neben den Gründerstaaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika nehmen auch die neuen Mitglieder Saudi-Arabien, Iran, die Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten und Äthiopien daran teil. Immerhin repräsentieren die Brics-Staaten 36 Prozent der Weltwirtschaft.

Denn Putin will Russland wirtschaftlich unabhängiger vom Westen machen. Das Land müsse seine Importe verringern, im Handelsverkehr verstärkt nichtwestliche Währungen nutzen und die inländischen Finanzmärkte deutlich ausweiten, so der Kreml-Chef in seiner Rede in Sankt Petersburg. Allein mit Staaten des Nahen Osten habe sich das Handelsvolumen verdoppelt. Der Wert des russischen Aktienmarkts soll bis Ende des Jahrzehnts auf das Doppelte steigen, so Putin. Besonders wichtig ist die neue Wirtschaftsachse zu China.

Der Handel zwischen beiden Ländern floriert. Im vergangenen Jahr stieg das Handelsvolumen zwischen Russland und China um 26 Prozent auf umgerechnet mehr als 220 Milliarden Euro. Aus China kommen Konsumgüter, aber auch Hightech-Bauteile wie Mikrochips, die Russland für seine Rüstungsindustrie braucht. Moskau liefert im Gegenzug vor allem Energie, will den Ausbau der Gaspartnerschaft vorantreiben.

Russlands Staatschef Putin bei einer Diskussion auf dem Petersburger Wirtschaftsforum.
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Das russische Bruttoinlandsprodukt wächst derzeit trotz der Sanktionen des Westens. Die Regierung in Moskau rechnet für 2024 mit 2,8 Prozent Wachstum. Im vorigen Jahr ging es mit 3,6 Prozent sogar stärker bergauf als in den USA oder in der Europäischen Union. Ein Aufschwung, der allerdings stark durch das Ankurbeln der Rüstungsindustrie verursacht ist, so sehen es westliche Experten.

Russland hat auf Kriegswirtschaft umgestellt. Seinen langgedienten Verteidigungsminister Sergej Schoigu ersetzte Putin schon kurz nach seiner Wiederwahl durch Andrej Beloussow, einen ausgewiesenen Wirtschaftsexperten. "Das Verteidigungsministerium muss absolut offen für Innovationen und die Einführung aller fortschrittlichen Ideen sein, um Bedingungen für wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit zu schaffen", begründete Kreml-Sprecher Dmitri Peskow damals den Personalwechsel. Den Krieg in der Ukraine will Beloussow mit möglichst geringen Verlusten bei den eigenen Streitkräften gewinnen. Dies sei die "Schlüsselaufgabe".

Modernste Technik für die Front

Vor dem russischen Parlament präzisierte Beloussow, unumgängliches Ziel sei, die russischen Soldaten mit moderner Ausrüstung, darunter Drohnen und Kommunikationssysteme, auszustatten. Dazu gehöre auch die Versorgung mit ausreichend Munition. Die russische Kriegswirtschaft braucht dafür Hightech-Bauteile. Und die kommen, unter Umgehung der westlichen Sanktionen, oftmals über China nach Russland.

Putin hat nach Angaben von Vizeregierungschef Denis Manturow eine ganze Liste von Anweisungen für die Entwicklung des Rüstungssektors unterschrieben, um noch mehr Waffen und Munition zu produzieren. Die Zahl der Rüstungsunternehmen sei in den vergangenen beiden Jahren explosionsartig angestiegen. "Es gibt inzwischen mehr als 850 davon", so Manturow. "Heute ist der militärisch-industrielle Komplex die Lokomotive der Wirtschaft", sagte der Wirtschaftswissenschafter Pjotr Fradkow, Vorsitzender der Promsvyazbank, auf dem Wirtschaftsforum.

Allein für Verteidigung gibt der Kreml in diesem Jahr umgerechnet etwa 110 Milliarden Euro aus. Hinzu kommen weitere 34 Milliarden Euro für die Bereiche nationale Sicherheit und Sicherheitsorgane. Insgesamt sind das acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Kehrseite des Ankurbelns der Rüstungswirtschaft: Bis 2030 werden in Russland rund 2,4 Millionen Arbeitskräfte fehlen, berichtete laut dem Onlineportal MK.ru der stellvertretende russische Ministerpräsident Dmitri Tschernyschenko auf dem Petersburger Forum.

Waffen und Arbeiter aus Nordkorea

Wohl auch deshalb wird Wladimir Putin in den kommenden Wochen nach Nordkorea reisen, so die Zeitung Wedemosti unter Berufung auf den russischen Botschafter in Nordkorea, Alexander Masegora. Das russische Präsidialamt hat die Reise noch nicht bestätigt. Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un hatte Russland im vergangenen September besucht und dabei Putin im Fernen Osten getroffen. Kurz darauf nahm Putin eine Gegeneinladung Kims nach Nordkorea an. Bei dem Treffen jetzt wird es wohl um weitere Lieferungen von Artilleriemunition und Raketen gehen. Russland hat derartige Lieferungen bislang weder dementiert noch bestätigt, Nordkorea bestreitet diese.

Laut Wedomosti könnten Putin und Kim aber auch über eine Entsendung nordkoreanischer Arbeiter nach Russland sprechen. Hunderttausende Männer würden fehlen. Sie seien entweder an die Front in der Ukraine geschickt worden oder hätten Russland nach der Teilmobilisierung verlassen. Moskau jedenfalls will die Beziehungen zu Nordkorea in allen Bereichen vertiefen. So versprach Putin, Nordkorea beim Bau von Satelliten zu helfen. Als Zeichen der engen Verbundenheit schenkte Wladimir Putin dem nordkoreanischen Diktator im Februar ein Luxusauto aus russischer Produktion. Kleine Geschenke erhalten eben die Freundschaft. (Jo Angerer aus Moskau, 10.6.2024)