Eine Dragqueen bei der Pride am 8. Juni in Wien.
Eine Dragqueen bei der Pride am 8. Juni in Wien. Geschlechterklischee? Nein, Drag.
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Kurz vor der Pride gab's wieder mal Empörung in sozialen Medien. Diesmal ob einer Kampagne des Klimaministeriums. Die bediene, so aufgeregte Postings, dumpfe Geschlechterklischees. Und sei damit: schlecht. Was genau war passiert?

Am 5. Juni postete das grüne Ministerium auf X Fotos der Dragqueen Ryta Tale, auf denen sie ihr "verstecktes Talent als Ministeriumsmitarbeiterin" darstellt und erzählt, "was im Bund gemacht wird, um der LGBTQIA+-Community einen sichtbaren und sicheren Platz zu schaffen". Zu sehen ist Ryta Tale in Schluppenbluse und Bleistiftrock, eine Hornbrille im Cat-Eye-Stil im stark geschminkten Gesicht. Vor dem PC feilt sie ihre langen knalligen Fingernägel in Form.

Mehr Klischee geht tatsächlich nicht – und das ist pure Absicht. So ist das bei "Drag", wie eine kurze Netzrecherche den Aufgeregten erklärt hätte. Es ist eine durchaus bewusste Überzeichnung von Geschlechterklischees, eine humoristische Überzeichnung von Stereotypen, die in der Tradition des Kampfes für die Rechte von LGBTIQ+ steht.

X / Klimaschutzministerium

Drag – und damit die Kampagne – hat also nichts mit Männern in Frauenkleidern beim Villacher Fasching zu tun, die mit hoher Stimme irgendwelche "Männer sind so und Frauen so"-Witze reißen, die tatsächlich im Alltag ständig zu hören sind.

Die flotte Empörung insbesondere gegen geschlechterpolitische Kunstformen oder gegen für Minderheiten einstehende Menschen oder Kampagnen ist erstaunlich. Natürlich muss man Performances, Ideen oder Kampagnen nicht immer gelungen finden. Doch es sind wohl andere Sexismen, die im Alltag ein weitaus größeres Problem sind. Der Holzhammer-Sexismus ist zwar weniger geworden, doch es gibt noch zuhauf Rückgriffe auf Klischees, die mehr Empörung verdienen würden und nicht als bewusste Übertreibung gemeint sind.

Erst vergangene Woche hätte es hierfür zwei Anlässe gegeben. Da war etwa der unsägliche Bericht über einen Femizid in der Kronen Zeitung. "Todesschüsse nach Sex-Spiel" titelte das Blatt. Ein Mann erschoss seine Frau und beging anschließend Suizid. Dass das Paar womöglich BDSM praktiziert hat, reichte, um den Bericht mit einem in Leder gewandeten Dekolleté zu bebildern. Eine Affäre habe die Frau angeblich auch gehabt. Und? Welche Relevanz hat das für die Tötung einer Frau? Was sollte das? Die Botschaft, Sex kann für Frauen schon mal gefährlich werden? Einen Femizid mit Sex verpackt, das ist widerlich.

Klischees in echt

Die Aufregung hielt sich dennoch in Grenzen. Auch sonst muss man leider feststellen, dass noch immer eine bodenlos tiefe Berichterstattung zu tödlicher Gewalt an Frauen wohl noch so weit gang und gäbe ist, dass sie nicht weiter aufzufallen scheint.

Und noch über ein Klischee hätte man sich arg empören können: das des abwesenden Vaters. Das Tragische: Es stimmt über weite Strecken. Aktuelle Zahlen zeigen, dass Väter kaum bei ihren kleinen Kindern daheimbleiben und dafür ihre berufliche Laufbahn länger als ein paar läppische Wochen oder Monate unterbrechen.

Zahllose Väter verhalten sich noch immer wie der durchschnittliche 1950er-Jahre-Dad, der morgens das Haus mit einem Küsschen für Kind und Partnerin verlässt. Darüber lässt sich tatsächlich schlecht lachen, weil es schlicht keine Übertreibung ist. Oder Männer, vor allem die in Machtpositionen, die uns in Sitzungen oder eben auf X ständig mit einem Selbstbewusstsein für zehn die Welt erklären. Die über Frauen hinwegreden, ihnen das Wort abschneiden oder erwarten, dass man ihnen ewig und noch eine Zeitlang lauscht. Studien zeigen, dass auch das noch immer Realität ist. Nein, das wäre wirklich wenig lustig. Da schon eher die toupierte Dragqueen mit Lipliner-umrandetem Schmollmund.

Für alles, was mit Queerness zu tun hat, könnte man sich wenigstens im Pride-Monat mal ein bisschen locker machen – und sich dafür beim Wesentlichen aufregen. Es gibt genug davon. (Beate Hausbichler, 11.6.2024)