Zunächst die gute Nachricht, liebe STANDARD-Leserin, lieber STANDARD-Leser: Alles, was Sie von Ihrem Korrespondenten aus Moskau lesen, unterliegt keinerlei Zensur. Niemand in Moskau kontrolliert meine Artikel, niemandem muss ich sie vor Veröffentlichung vorlegen. Ich recherchiere, schreibe, der Text geht nach Wien und wird dort redaktionell bearbeitet und veröffentlicht. Ganz normaler Journalismus eben.

Vladimir Putin legt den aus Russland berichtenden Journalistinnen und Journalisten strenge bürokratische Hürden in den Weg.
Wladimir Putin legt den aus Russland berichtenden Journalistinnen und Journalisten strenge bürokratische Hürden in den Weg.
IMAGO/Artem Priakhin

Wir Auslandskorrespondenten sind in Russland akkreditiert, haben aber keinen diplomatischen Status. Selbstverständlich müssen wir die Gesetze des Landes einhalten und respektieren. Wir unterliegen aber diplomatischen Spielregeln. Und eine dieser Spielregeln ist nach russischer Lesart das Quid pro quo.

Akkreditierung kann jederzeit widerrufen werden

Wird ein in Österreich akkreditierter russischer Korrespondent ausgewiesen, aus welchen Gründen auch immer, so muss ein in Russland akkreditierter Journalist, in diesem Fall eine Journalistin des ORF, das Land verlassen. Die russischen Behörden machen das schematisch, mit der jeweiligen Person oder gar mit deren Reputation hat das nichts zu tun. Auch nicht mit der Frage, ob man sich eventuell unbeliebt gemacht hat oder nicht. Auch meine Akkreditierung kann jederzeit widerrufen werden. Das ist Berufsrisiko. Und unvermeidlich.

In meinem journalistischen Alltag aber unterliege ich keinerlei Beschränkungen. Vor einiger Zeit habe ich über die Situation auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim berichtet. Sprich: Ich war im Kriegsgebiet. Trotzdem konnte ich dorthin reisen, mich ohne Behinderungen dort bewegen. Und meine Eindrücke im STANDARD schildern.

Bürokratische Hürden

Die Einschränkungen seitens der russischen Behörden sind eher bürokratischer Natur. Grundsätzlich halte ich mich für einen freundlichen Menschen, als EU-Mitglied gilt das Land Österreich in Russland aber als "unfreundlicher Staat". Und das hat Konsequenzen. Alle drei Monate muss die Akkreditierung, also die Arbeitserlaubnis, beim russischen Außenministerium neu beantragt werden. Früher reichte einmal pro Jahr.

Das bedeutet viel Arbeit. Den Antrag und zwei Begleitbriefe muss der Chefredakteur des STANDARD persönlich unterschreiben. Damit es jetzt aber nicht zu einfach wird: Die Schreiben müssen in Russland im Original vorgelegt werden. Scan reicht nicht. Und Post nach Moskau funktioniert nicht zuverlässig. Die Suche nach irgendjemandem, der in der kommenden Zeit aus der EU nach Moskau fliegt, beginnt. Und an dessen Adresse geht dann der Antrag. Hier angekommen, wird der Antrag auch von mir unterschrieben und eingereicht. Und gestempelt mit dem STANDARD-Stempel. Der muss rund sein – und blau.

Lange und mühsame Einreise

Danach wird ein neues Visum beantragt, dann folgt die Registrierung bei der Polizei. Viel muss dazu ausgedruckt werden, zwei Dutzend Seiten sind es wohl alle drei Monate. Diese bürokratischen Behinderungen sind lästig und zeitaufwendig. Lästig ist zuweilen auch die Einreise nach Russland. Manchmal werden an der Grenzkontrolle Pass und Visum gesondert überprüft. Das kann ein, zwei Stunden dauern. Das ist unangenehm – am Ende einer Reise etwa aus einem EU-Land, die mit Zwischenstopp wegen der Sanktionen im Regelfall fast 24 Stunden dauert.

Tatsache ist aber: Seitens der russischen Behörden wird die Berichterstattung selbst nicht behindert, nicht zensiert. Wäre das so, dann würde ich für Sie, liebe Leserin, lieber Leser, nicht mehr schreiben. (Jo Angerer aus Moskau, 11.6.2024)