Ein Schild mit der Aufschrift
Die kontradiktorische Einvernahme des entwicklungsverzögerten Opfers wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit vorgeführt.
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Wien – Die Staatsanwältin wird in ihrem Schlussplädoyer recht deutlich: "Es macht mich wirklich fassungslos", sagt sie zu den Vorwürfen, die sie dem 43-jährigen Herrn J. zur Last legt. Zwischen Jänner 2020 und März 2022 soll er seine heute 14-Jährige Nichte, die entwicklungsverzögert ist und in einer Wohngemeinschaft betreut wird, mehrmals sexuell missbraucht und davon auch Videos angefertigt haben. "Das sind Sachen, bei denen fällt es ganz schwer, sich das überhaupt anzuhören", fasst die Anklägerin am Ende zusammen und ersucht das Schöffengericht unter Vorsitz von Petra Poschalko "um eine sehr strenge Strafe".

Der Unbescholtene hat sich davor schuldig bekannt. Er kenne seine Nichte von Geburt an, habe sie aber nicht regelmäßig gesehen. Der zusammen mit seiner Mutter und seiner Schwester – der Kindsmutter – lebende Österreicher habe das Kind erst ab 2019 öfters getroffen, wenn das Mädchen Besuchskontakt mit seiner Mutter hatte und auch in der Wohnung übernachtete.

"Habe sonst keinen Kontakt mit Frauen"

"Das hat ja nicht gleich angefangen", betont der Angeklagte. "Es hat sich einfach ergeben", behauptet der Arbeitslose auch. Zunächst habe er das Kind an den Brüsten betatscht. "Warum?", fragt die wie immer ruhig und freundlich verhandelnde Vorsitzende. "Ich habe sonst keinen Kontakt mit Frauen." – "Warum?" – "Weil ich sehr introvertiert bin. Ich kann halt sehr schlecht reden mit Frauen", führt J. als Begründung an. "Fühlen Sie sich sexuell zu Kindern hingezogen?", will Poschalko wissen. "Nein!", widerspricht der Angeklagte kategorisch.

Ganz so introvertiert, wie er sagt, kann J. aber auch nicht sein, schließlich kam er im August 2021 eines Morgens sturzbetrunken nach Hause und verging sich mit den Fingern an seiner kleinen Verwandten. "Warum machen Sie das?", fragt die Vorsitzende neuerlich. "Ich wollte einmal fühlen, wie sich das angreift", hört sie als Motiv. "Sie hätten ja zum Beispiel auch zu einer Prostituierten gehen können?" – "Ich bin nicht so der Typ dafür." Eine wirkliche Erklärung kann J. dem Gericht nicht bieten. "Lust, Erregung hat mich dazu gebracht. Ich kann das schwer nachvollziehen", meint er.

Missbrauchsbilder "zur Erinnerung"

Privatbeteiligtenvertreterin Irene Oberschlick hinterfragt die Aussage des Angeklagten, dass er nicht pädophil sei. "Das Netz ist voll von Erwachsenenpornografie. Warum schauen Sie sich dann die Bilder von dem Mäderl an, die Sie selbst gemacht haben?", will sie wissen. "Zur Erinnerung. Wenn sie nicht da ist", behauptet der Angeklagte leise, gibt später aber zu, die Bilder jeweils nach sechs Monaten von seinem Handy gelöscht zu haben, da er wusste, dass sie illegal seien.

Ein Gutachten ergab, dass das Kind sozial und emotional derart entwicklungsverzögert ist, dass sie die Vorfälle gar nicht richtig einschätzen konnte. Traumatisiert ist sie dennoch, seit einem halben Jahr absolviert sie eine Therapie. Oberschlick fordert für das Opfer daher 5000 Euro vom Angeklagten, der auch bereit ist, die Summe zu zahlen.

Schlusswort unter Tränen

Verteidiger Karl Muzik nutzt seine Schlussworte, um auf die Reue des Angeklagten hinzuweisen und um eine "milde und gerechte Strafe" für seinen Mandanten zu bitten. J. selbst erklärt am Ende mit Tränen in den Augen: "Mir tut es megaleid, ich habe es auch nicht gemerkt, dass es ihr so schlecht geht. Es war natürlich das Schrecklichste, was ich je getan habe."

Angesichts dieser Aussage mutet es dann etwas überraschend an, dass der Angeklagte gegen das Urteil von drei Jahren unbedingter Haft Nichtigkeit und Berufung anmeldet. Da auch die Staatsanwältin gegen die Strafhöhe beruft, könnte diese von der nächsten Instanz auch erhöht werden. (Michael Möseneder, 11.6.2024)