Frau sietzt mit Schwangerschaftstest in der Hand auf der Couch und schaut desillusioniert.
Bei PCOS ist der Hormonzyklus gestört, man hat keinen Eisprung – und kann nicht schwanger werden. Das betrifft fünf bis zehn Frauen von hundert.
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Es geht wieder einmal um die Hormone. Die sind nämlich der entscheidende Faktor beim Polyzystischen Ovarialsyndrom, kurz PCOS. Die Hormonstörung trifft vor allem Frauen im gebärfähigen Alter, das Gleichgewicht passt nicht, es werden zu viele Androgene, männliche Hormone gebildet. Dieser Testosteronüberschuss kann zu Akne, Haarausfall oder männlichen Behaarungsmustern führen. Auch Übergewicht, Diabetes Typ 2, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen können ihren Ursprung darin haben. Fünf bis zehn Frauen von hundert sind davon betroffen.

Und PCOS verhindert einen normalen Zyklus, der ist unregelmäßig, oder es kommt gar nicht zum Eisprung, die Eierstöcke sind durch viele Minizysten vergrößert. Das führt zur Diagnose einer eingeschränkten Fruchtbarkeit oder sogar Unfruchtbarkeit.

Die Störung kann behandelt werden. Der passende Lebensstil mit ausgewogener Ernährung und Bewegung kann vieles verändern; auch Gewichtsabnahme hilft, vor allem bei Diabetes, ein besseres Hormongleichgewicht herzustellen. Und es gibt auch Medikamente: Hormonpräparate wie die Pille und das Diabetes-Medikament Metformin wirken, bei Kinderwunsch hilft eine Stimulation der Eizellen.

Alter Wirkstoff neu gedacht

Nun haben Forschende aus China einen neuen Wirkstoff ins Spiel gebracht – oder besser gesagt einen alten: Der Malaria-Wirkstoff Dihydroartemisinin könnte einen neuen Behandlungsansatz für PCOS bieten. Die Studie ist soeben im Fachjournal Science erschienen. Dihydroartemisinin basiert auf dem Wirkstoff Artemisinin. Dieser ist ein altes Naturheilmittel in der Traditionellen Chinesischen Medizin TCM und wird aus der Beifußpflanze gewonnen.

In den Eierstöcken von Ratten und Mäusen, in denen PCOS-Merkmale erzeugt worden waren, untersuchten die Forschenden den Wirkmechanismus von Artemisinin auf die Testosteronproduktion. Dabei zeigte sich, dass Artemisinin die Interaktion bestimmter Proteine verstärkte, was wiederum den Abbau eines anderen unterstützte. Die Testosteronproduktion in den Eierstöcken wurde weniger, die PCOS-Merkmale verbesserten sich bei den Nagetieren.

Im nächsten Schritt behandelten die Forschenden 19 Frauen mit PCOS zwölf Wochen lang mit Dihydroartemisinin. Auch bei den Frauen regulierten sich die Menstruationszyklen, außerdem Blutwerte wie Testosteron und das Anti-Müller-Hormon, AMH, das ein Marker für die Eizellenreserve und damit die Fruchtbarkeit ist. Das zeige ein vielversprechendes Potenzial des Wirkstoffs für die PCOS-Therapie, schreibt das chinesische Team.

Hilfe ohne Hormone

Diesen interessanten und neuen Ansatz, bei dem der Wirkstoff gezielt als Enzymblocker eingesetzt wird, begrüßt Beata Seeber von der Gynäkologischen Endokrinologie und Reproduktionsmedizin an der Med-Uni Innsbruck. "Die Suche nach neuen, nichthormonellen Behandlungsmöglichkeiten für PCOS ist seit langem ein Forschungsschwerpunkt. Wenn sich die positiven Ergebnisse mit Artemisinin in künftigen größeren klinischen Studien bestätigen, könnte das insbesondere für jene Frauen interessant sein, die Hormone nicht vertragen oder bei denen sie kontraindiziert sind."

Größere Studien am Menschen seien auch deshalb so relevant, weil Mäuse und Ratten natürlicherweise kein PCOS haben. "Die Ergebnisse spiegeln womöglich nicht das wieder, was beim Menschen geschieht. Eine Gruppe von 19 Frauen ist hier nicht wissenschaftlich aussagekräftig." Deshalb müsse man die positiven Ergebnisse noch mit großer Vorsicht interpretieren, und auch das mögliche Nebenwirkungsprofil müsse man noch ergründen. Das blockierte Enzym spiele etwa auch bei der Produktion von anderen wichtigen Fortpflanzungshormonen wie Progesteron, DHEA und Estradiol eine Rolle.

Auch Matthias Beckmann von der Frauenklinik am Universitätsklinikum Erlangen betrachtet die Ergebnisse hoffnungsvoll: "Patientinnen mit PCOS leiden oft unter den Auswirkungen der Hyperandrogenämie. Die bisherigen Therapieoptionen gehen aber oft mit Nebenwirkungen einher oder verbessern nur einzelne Aspekte des Krankheitsbilds."

Nun müsse man die Ergebnisse mit deutlich mehr Probandinnen reproduzieren und auch die Langzeitwirkung beobachten. "Aber es ist ein vielversprechendes Medikament, das offensichtlich verschiedene Aspekte des PCOS verbessert und im Fall einer langfristigen Zyklusregulation gegebenenfalls auch bei Kinderwunsch eingesetzt werden kann", sagt der Experte. (kru, 14.6.2024)