Quest Shackleton
Radaraufnahme des letzten Expeditionsschiffs von Ernest Shackleton. Das Wrack der Quest liegt vor der Ostküste Kanadas in rund 390 Meter Tiefe.
AFP/Royal Canadian Geographical

In die Geschichte ging Sir Ernest Henry Shackleton weniger als Polarforscher ein, der er eigentlich war, denn als Expeditionsleiter. Das lag an einer der unglaublichsten Rettungsaktionen des 20. Jahrhunderts, die oft und gerne erzählt wurde und Gegenstand einiger Bestseller ist – bis hin zum populären Karriereratgeber Shackletons Führungskunst: Was Manager von dem großen Polarforscher lernen können.

Nach seiner schier übermenschlichen Rettungstat leitete er nur mehr eine Forschungsreise mit der Quest. Shackleton starb mit noch nicht 48 Jahren an Bord des Schiffs, noch ehe die Expedition so richtig begann, die zugleich das Ende der klassischen Antarktis-Expeditionen markierte. Das Wrack der Quest wurde nun vor der kanadischen Küste geortet.

Drama in mehreren Kapiteln

Doch zunächst noch zurück zu Shackletons vorletzter Expedition: Im Jahr 1915 sank das von ihm befehligte Schiff Endurance, vom Packeis zerdrückt, im Weddell-Meer vor der Antarktis, noch ehe die eigentliche Expedition beginnen konnte. Die 28-köpfige Crew rettete sich in letzter Not und auf abenteuerliche Weise mit den drei Beibooten auf die abgelegene, unwirtliche und unbewohnte Elefanteninsel, 245 Kilometer von der Nordspitze der Antarktischen Halbinsel entfernt.

Dort begann das Drama erst so richtig. Denn Shackleton musste mit einigen Kameraden und auf einer der drei Nussschalen die schier unmögliche, 1300 Kilometer lange Fahrt durch den sturmumtosten Südpazifik nach Südgeorgien wagen, um Hilfe zu holen. Die fast 14-tägige, wahnwitzige Überfahrt mit dem Ruderboot gelang, doch sofort taten sich die nächsten Probleme auf: Shackleton und seine kleine Crew konnten lange nicht anlanden – und dann nicht an der richtigen Stelle.

Mit zwei Kameraden musste er einen 36-stündigen Gewaltmarsch durch völlig unbekanntes gebirgiges Gelände auf sich nehmen, um die Walfangstation zu erreichen. Die Aktion, die samt Abholung der Zurückgebliebenen mehrere Monate lang dauerte, gelang ohne den Verlust eines Menschenlebens – die Hunde der Forschenden wurden allerdings samt und sonders verspeist.

Südgeorgien als Schicksal

Danach unternahm Shackleton nur noch eine weitere Forschungsreise, deren wissenschaftliches Ziel eher unklar blieb: 1921 führte er die Quest-Expedition – benannt nach dem gleichnamigen Expeditionsschiff – ein letztes Mal in antarktische Gewässer. Auch diesmal ging die Forschungsreise zu Ende, bevor sie noch begann, diesmal allerdings nur für Shackleton: An Bord der Quest starb der erst 47-Jährige in Grytviken auf Südgeorgien an einem weiteren Herzinfarkt (nach einem ersten in Rio de Janeiro) und wurde auf Wunsch seiner Frau auch auf Südgeorgien begraben.

Wie einer seiner Kameraden notierte, sei der Ort durchaus passend gewesen: "(Ich) denke, das ist es, was 'der Boss' für sich selbst gewollt hätte. Allein auf einer Insel und fernab der Zivilisation, umgeben von der stürmisch tobenden See in der Nähe einer seiner größten Heldentaten."

Ernst Shackleton
Ernst Shackleton in New York rund ein Jahr vor seinem Tod.
AP

Die Quest-Expedition, die ohne Shackleton durchgeführt wurde, blieb zwar wissenschaftlich irrelevant, war aber von historischer Bedeutung: Mit ihr endete das sogenannte Goldene Zeitalter der Antarktis-Forschung, das maßgeblich von Shackleton mitgeprägt worden war. Das Expeditionsschiff selbst hatte noch eine wechselvolle (Nach-)Geschichte: Die Quest diente 1930/31 als Expeditionsschiff zur Erforschung Grönlands, als Minensucher im Zweiten Weltkrieg und schließlich als Robbenfänger für norwegische Besatzungen. Dafür war das Schiff auch ursprünglich gebaut worden.

Quest Shackleton
Das letzte Foto der noch nicht ganz versunkenen Quest vom 5. Mai 1962.
AP/Tore Topp

Am 5. Mai 1962 sank das Schiff vor der Nordküste Neufundlands, also vor der Atlantikküste Kanadas. So wie die Endurance war sie wegen des Eisdrucks leckgeschlagen. 62 Jahre später wurde das Wrack nun bei einer Expedition der Royal Canadian Geographical Society entdeckt, wie diese am Mittwoch mitteilte und die BBC berichtete.

Ernest Shackleton’s last ship found | BBC News
Wreck hunters have found the ship on which the famous polar explorer Ernest Shackleton made his final voyage.
BBC News

Es liegt in einer Tiefe von 390 Metern vor der Küste von Neufundland und Labrador, der östlichsten Provinz Kanadas. Shackletons Überreste auf der Quest – wie seine Kabine – waren längst ausgebaut worden und sind in Museen unter anderem in Norwegen zu besichtigen.

Damit wurde innerhalb von zwei Jahren ein Schiff des angloirischen Entdeckers gefunden. Denn bereits im März 2022 entdeckten Suchtrupps die Überreste der Endurance, die im November 1915 vom antarktischen Eis zerdrückt worden war und etwa 3000 Meter tief sank, was vor mehr als 100 Jahren zu einer der heroischsten Rettungsaktionen aller Zeiten führte, die bis heute gerne erzählt wird. Quod erat demonstrandum. (Klaus Taschwer, 13.6.2024)