Kühe auf der Weide
Seit einiger Zeit zirkuliert das Vogelgrippevirus H5N1 in US-amerikanischen Kuhherden. Man beobachtet die Lage, ist aber (noch) nicht besorgt.
IMAGO/Ulrich Wagner

Da Nachrichten zur Vogelgrippe ebben einfach nicht ab. Immer mehr Rinderfarmen in den USA melden Infektionen in ihren Herden, mittlerweile weiß man von drei dokumentierten Übertragungen auf den Menschen. Der Erreger kann in Texas sogar schon im Abwasser nachgewiesen werden. Zuletzt haben sich die europäischen Staaten 665.000 Impfdosen gegen die Vogelgrippe gesichert, falls es zu einer Übertragung auf den Menschen kommen sollte.

Steht die nächste Pandemie in den Startlöchern? Derzeit ist eine Vogelgrippe-Pandemie beim Menschen kein realistisches Szenario, sind sich Experten einig. Trotzdem gilt jetzt schon erhöhte Vorsicht, denn jede neu infizierte Tierart, die in engem Kontakt mit dem Menschen steht, erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung. Alles Wissenswerte lesen Sie hier.

Frage: Was genau ist die Vogelgrippe?

Antwort: Es gibt verschiedene Stämme, aktuell sorgt der Subtyp H5N1, der zur Familie des Influenza-A-Virus gehört, für Aufregung. H5N1 ist weit verbreitet, er hat beinahe schon auf jedem Kontinent Vogelpopulationen getötet. Mittlerweile wurde er auch in der Antarktis und Australien nachgewiesen, die bis vor kurzem noch von dem Subtyp verschont waren. Das Virus breitet sich außerdem auf immer mehr andere Tierarten aus, etwa Füchse, Marder und Nerze. Zuletzt infizierten sie in den USA auch erstmals Rinder. Bei denen haben sich wiederum drei Farmarbeiter nachweislich angesteckt. Ihre Symptome waren mild. Das ist einerseits gut, lässt aber andererseits vermuten, das es weitere, unentdeckte Fälle gibt.

Das sind nicht die ersten Übertragungen auf den Menschen. Die Weltgesundheitsorganisation gibt an, dass sich seit 2003 mindestens 889 Menschen in 31 Ländern mit H5N1 infiziert haben.

Frage: Gibt es eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung?

Antwort: Diese wurde bis jetzt nicht dokumentiert. Theoretisch wäre H5N1 dazu in der Lage, aber dafür müssten noch einige Mutationen passieren. In der Regel endet die spontane, sporadische Infektion eines "Fremdwirts", wie es der Mensch ist, in einer Sackgasse, weil er die für das Virus nötigen Bedingungen nicht bietet. Vakzinologe Florian Krammer von der Icahn School of Medicine at Mount Sinai erklärt: "H5N1 müsste sich dafür noch weiter an Säugerzellen anpassen. Das Virus müsste etwa an einen Rezeptor binden, der bei den Menschen in den oberen Atemwegen vorkommt." Der derzeit relevante Rezeptor befindet sich beim Menschen nur in der tiefen Lunge, dort kommt das Virus im Grunde gar nicht hin – und dieser Rezeptor alleine reicht auch nicht aus für eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung, weitere Mutationen wären nötig. Grundsätzlich geht Krammer davon aus, dass sich H5N1 mit Schweine- und humanen Influenzaviren vermischen müsste, um eine Pandemie auszulösen.

Wahrscheinlicher wird eine Adaption, wenn eine Wirtsspezies infiziert wird, die bereits eigene Influenzaviren besitzt, mit denen sich das neue aviäre Virus vermischen bzw. reassortieren könnte. "Dann könnte das neue Virus Teile des Virusgenoms von bereits angepassten Influenzaviren übernehmen und so unmittelbar eine Vermehrungs- und Übertragungskompetenz für die neue Wirtsart erwerben", erklärt Virusdiagnostiker Martin Beer vom deutschen Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit auf der Insel Riems.

Frage: Könnte man sich gegen die Vogelgrippe impfen lassen?

Antwort: Ja. Es gibt zwei Impfstoffe, Celldemic und Incellipan, beide von der Pharmafirma CSL Seqirus, die in der EU seit gut einem Monat zugelassen sind. Celldemic kann im Vorfeld einer drohenden Pandemie verabreicht werden, Incellipan wäre anzuwenden, wenn die WHO offiziell eine Pandemie ausrufen würde. Es handelt sich dabei um einen "Musterimpfstoff", der im Ernstfall an die real zirkulierenden Stämme angepasst werden würde. Auch antivirale Akutmedikamente stünden bereit.

Die WHO hat außerdem Vereinbarungen mit 15 Impfstoffherstellern getroffen, um bei einer Influenzapandemie auf etwa zehn Prozent der Echtzeitproduktion künftiger Grippeimpfstoffe zugreifen zu können. Die gängigen saisonal aktualisierten Grippeimpfstoffe schützen wahrscheinlich nicht vor einer H5N1-Infektion, da sie auf die zirkulierenden humanen Influenza-Virenstämme des jeweiligen Jahres abgestimmt sind.

Aus Sorge vor steigenden Fallzahlen hat Finnland nun damit begonnen, Arbeitende auf Geflügelfarmen, Tierärztinnen und Tierärzte sowie Forschende gegen die Vogelgrippe zu impfen. Die finnischen Behörden nutzen dafür Zoonotic Influenza Vaccine, ebenfalls ein H5-Grippeimpfstoff von Seqirus, der auf dem Virussubtyp H5N8 beruht. Und auch die USA haben Seqirus beauftragt, die Zahl der verfügbaren Impfdosen aufzustocken.

Frage: Würde im Fall einer Pandemie genügend Impfstoff bereitstehen?

Antwort: Nein. Vakzinologe Krammer sagt: "Ich glaube, man sollte vorsorglich Therapeutika einlagern. Impfstoffe sind nur sehr begrenzt verfügbar und sollten produziert werden. Das ist aber machbar, wenn man jetzt damit beginnt." Das liegt daran, dass es nicht ausreichend Produktionskapazitäten gibt. Das war ja auch bei der Corona-Pandemie ein Thema, auch wenn man ein Vakzin mit der mRNA-Technologie wesentlich schneller herstellen kann als die klassische Grippeimpfung, die über bestimmte Proteine funktioniert. Deshalb solle man auch einen mRNA-Impfstoff entwickeln, sagt Vakzinologin Anke Huckriede von der Universität Groningen in den Niederlanden. Europa habe aber neun große Produktionsfabriken für Grippeimpfstoff und sei deshalb recht gut aufgestellt. (Pia Kruckenhauser, 14.6.2024)