Mann mit Glatze will sich die Haare frisieren.
Bei einer Vollglatze ist der Zug wohl abgefahren. Aber bei erstem Haarverlust kann man doch einiges tun. Wichtig ist: Je früher man zum Arzt geht, desto besser gelingt die Behandlung.
Getty Images

Es ist normal, Haare zu lassen. Etwa hundert pro Tag sind definitiv kein Grund zur Sorge, die meisten davon wachsen auch wieder nach. Doch mit dem Alter, durch Stress oder auch Krankheiten können es deutlich mehr werden. Und je nach Ursache kommen die dann nicht zwingend wieder. Hat man den Eindruck, mehr Haare zu verlieren, als man das möchte, kann man sie eine Woche lang jeden Tag im Kamm oder auf dem Kopfpolster zählen. Oder man kramt in alten Bildern: "Oft merkt man dann im Vergleich, dass man jetzt Geheimratsecken hat. Frauen stellen fest, dass der Scheitel breiter oder der Zopf dünner ist", weiß Johannes Griss, Leiter der Haarambulanz am AKH Wien.

Dann sollte man sich nicht erst mit Shampoos, Tinkturen oder Pillen gegen Haarausfall aus Drogerie und Apotheke aufhalten. Die haben nachweislich keinen großen Nutzen. Haarexperte Griss rät stattdessen, lieber gleich einen Arzt oder eine Ärztin aufzusuchen. "Je kürzer der Haarausfall besteht, umso größer sind die Chancen, das Haar zu erhalten oder wiederherzustellen."

Die Gene sind schuld

Die häufigste Ursache für sich lichtendes Haupthaar ist erblich bedingter Haarausfall, androgenetische Alopezie nennt sich das in der Fachsprache. Genetisch bedingt reagieren die Haarwurzeln empfindlich auf ein Stoffwechselprodukt des Sexualhormons Testosteron. Dadurch schrumpfen die Haarwurzeln, der Wachstumszyklus wird immer kürzer, die Haare werden immer feiner. Sie fallen außerdem schneller aus, am Ende stirbt die Haarwurzel ab. 50 Prozent der Männer sind davon mehr oder weniger stark betroffen, und auch nicht wenige Frauen kennen das Problem, meist ab dem mittleren Alter. Davor schützen sie im Normalfall die hormonellen Zyklusschwankungen vor zu starkem Haarverlust.

Beim Mann entwickeln sich schleichend Geheimratsecken, am Hinterkopf entsteht ein immer größerer, immer lichterer Kreis, oder der Haarausfall ist so stark, dass irgendwann nur noch ein Haarkranz besteht. Bei Frauen zeigt sich der Haarausfall in den meisten Fällen eher als schüttere Stellen um den Scheitel.

Doch kann man etwas gegen diesen Abgang tun? In Studien konnten nur zwei Mittel den Haarverlust hinauszögern. "Minoxidil ist hier sicher das wirksamste Mittel und allgemein gut verträglich", sagt Griss. Den Wirkstoff gibt es rezeptfrei in Haarwasser für Männer und Frauen. Wahrscheinlich wirkt es, indem es die Durchblutung der Haarwurzel anregt. Es stoppt den Haarausfall im Schnitt bei acht von zehn Frauen, bei jeder fünften verdichtet sich das Haar sogar. Die Wirkung verschwindet aber wieder, sobald man das Mittel absetzt. Nebenwirkungen hat es auch: Es kann die Kopfhaut reizen, und in seltenen Fällen führt es bei Frauen zu vermehrter Gesichtsbehaarung.

Auf Rezept

Das zweite Mittel, das funktioniert, ist verschreibungspflichtig und nur für Männer zugelassen. Finasterid-Tabletten hemmen die unerwünschte Wirkung des Testosterons, das verlangsamt den Haarverlust. Und zwar recht effizient, neun von zehn Männern profitieren davon, bei jedem zweiten verdichtet sich das Haar sogar innerhalb von sechs bis zwölf Monaten wieder. Auch hier hält die Wirkung nur so lange an, wie man das Mittel einnimmt. Und es hat Nebenwirkungen, die man sich gut überlegen muss: "Neben Kopfschmerzen kann Finasterid in seltenen Fällen auch zu irreversibler Impotenz führen", weiß Experte Griss.

Für Männer gibt es aber auch noch eine aufwendigere Alternative: Die meisten haben an den Seiten und am Hinterkopf genug gesunde Haare, deren Wurzeln sie sich oberhalb der Stirn oder in die Geheimratsecken transplantieren lassen können. Etwa 90 Prozent dieser verpflanzten Haarwurzeln wachsen auch erfolgreich an, frühestens nach drei Monaten sieht man erste Haare. Von der Krankenkasse wird das freilich nicht bezahlt. Und um die transplantierten Haare herum schreitet der Haarverlust auch weiter voran, die neu eingesetzten Haare können dadurch zunehmend zu Inseln werden. Deshalb wird zusätzlich ein Haarwasser mit dem Wirkstoff Minoxidil empfohlen.

Diffuser Verlust

Doch nicht nur die Genetik kann den Haarverlust auslösen, auch Infektionen und Krankheiten können ihn bewirken. Zuletzt haben etwa viele davon berichtet, dass sie nach einer Corona-Infektion massiv Haare verloren haben. Das nennt sich diffuser Haarausfall oder Telogeneffluvium in der Fachsprache. Dabei kommt es zu einem plötzlichen Ausfall sehr vieler Haare, das kann in jedem Lebensalter auftreten. Neben eben Infektionen und Krankheiten gibt es weitere Auslöser: Eisenmangel, Nebenwirkungen von Medikamenten wie Cholesterinsenker, Betablocker, Blutverdünner oder Antihistaminika, Hormonschwankungen durch Schwangerschaft, Wechseljahre oder Schilddrüsenstörungen. Und natürlich durch Stress.

Im Normalfall tritt so ein Haarverlust drei bis vier Monate nach dem Ereignis auf, so lange dauert die Ruhephase des Haares, nach der es ausfällt. Zur Ursachenfindung sollte man also überlegen, was in dieser Zeit passiert ist. Das Gute: Das Haar wächst im Normalfall, sobald die Ursache beseitigt ist, sechs bis neun Monate später wieder nach.

Autoimmun

Doch es gibt auch noch einen autoimmun bedingten Haarausfall, die Alopecia areata oder kreisrunder Haarausfall. Dabei greifen Immunzellen die Haarwurzeln an, diese entzünden sich, und binnen weniger Tage oder Wochen fallen die Haare büschelweise aus. Das hinterlässt meist münzgroße kahle Flecken, daher auch der Name. In seltenen Fällen kommt es zum völligen Haarverlust am Kopf und im Gesicht.

"Die fehlgeleitete Immunreaktion greift nur die Haare an, es ist im Prinzip eine kosmetische Erkrankung", weiß Griss. Doch der Leidensdruck ist oft beträchtlich. Je nachdem, wie stark er ist, wählt man die entsprechende Therapie aus. Man kann einerseits abwarten. Denn je nach Ausprägung der Erkrankung können die Haare sogar wieder komplett nachwachsen, auch wenn das dauert. Bei jeder dritten betroffenen Person kommen sie innerhalb eines halben Jahrs spontan wieder, bei jeder zweiten immerhin nach zwölf Monaten. In dieser Zeit kann gute psychologische Begleitung helfen, die Erkrankung zu akzeptieren.

Es gibt auch Medikamente, die das Immunsystem und damit den Haarausfall unterdrücken, die haben zum Teil aber erhebliche Nebenwirkungen. "Bei begrenztem Haarausfall ist ein lokales Kortison oder ein Immunsuppressivum das Mittel der Wahl", erklärt Griss. Das hat keinen negativen Effekt auf den Gesamtorganismus. Wenn mehr als 50 Prozent der Kopfbehaarung betroffen sind, ist systemisches Kortison, kombiniert mit dem Wirkstoff Methotrexat, eine Alternative. "Diese Medikamente sind schon lange bekannt und haben dadurch ein bekanntes Sicherheitsprofil."

Seit kurzem stehen auch zwei immunsuppressive Januskinase-Inhibitoren zur Verfügung, Olumiant und Litfulo. Bisher waren diese nur bei Arthritis und Neurodermitis zugelassen. Sie sind mit etwa 12.000 Euro pro Jahr ziemlich kostspielig und wirken auch nur bei einem Teil der Betroffenen. Studien zeigen, dass nach mehreren Monaten nur etwa bei jeder zweiten Person die Kopfhaut wieder deutlich mit Haaren bedeckt ist. Außerdem weisen die Daten darauf hin, dass nach dem Ende der Therapie die Haare bei jeder zweiten Person wieder verstärkt ausfallen.

Dazu kommt, sagt Griss, dass es "für die Mittel prinzipiell derzeit eine Warnung der amerikanischen und europäischen Arzneimittelbehörden FDA und EMA gibt. Möglicherweise entsteht dadurch ein erhöhtes Krebsrisikos und eine höhere Herzinfarkt- und Thrombosegefahr." Diese erheblichen Nebenwirkungen wurden zwar bei Patienten mit Alopecia areata noch nicht beobachtet, trotzdem werden die Medikamente aktuell für Patienten ab 65 Jahren nur mit erhöhter Vorsicht empfohlen. (Andreas Grote, 17.6.2024)