Als der niederländische Seefahrer Jacob Roggeveen am Ostersonntag des Jahres 1722 als erster Europäer die Osterinsel betrat, dürften er und seine Mannschaft vor allem über die imposanten Moai gestaunt haben. Die großteils umgeworfenen meterhohen Steinstatuen verteilen sich in Gruppen über die gesamte 162 Quadratkilometer große Insel, ihr genauer Zweck und auch ihr Alter sind bis heute weitgehend ungeklärt.

Was den Besuchern aus Europa ebenfalls auffiel, war das offenkundige Missverhältnis zwischen der Zahl der Moai und der Ureinwohner der Osterinsel: Beinahe tausend Steinkolosse standen (oder lagen) Anfang des 18. Jahrhunderts einer Bevölkerung von 1.500 bis höchstens 3.000 Menschen gegenüber. Als James Cook 50 Jahre später die Insel besuchte, waren es gar nur mehr 700 Menschen. Schon damals vermuteten Forschungsreisenden aus Übersee, dass diese Kultur einst bedeutend größer gewesen muss.

Osterinsel, Moai
Reichte auch eine kleinere Bevölkerung, um all die riesigen Moai auf Rapa Nui zu errichten?
Foto: Stephanie Morcinek via Unsplash

Kollaps durch Raubbau?

Und so lautet immer noch die gängige Theorie über die Osterinsel. Die Moai genannten Monumente sprächen für eine einst blühende Kultur, die aber irgendwann kollabierte, weil die Menschen die Bäume auf der abgelegenen Pazifikinsel fällten und die Böden auslaugten. Die Gesellschaft habe sich durch Raubbau an der Natur selbst zugrunde gerichtet. Nur scheint diese Geschichte womöglich nicht zu stimmen. Das zumindest lassen in den vergangenen Jahren immer mehr Hinweise vermuten.

Wahrscheinlich habe es nie eine derart große Bevölkerung auf der Insel gegeben wie gemeinhin angenommen, heißt es nun auch in einer Studie, die im Fachmagazin Science Advances vorgestellt wurde. Den Berechnungen zufolge konnte die abgelegene Pazifikinsel nie 16.000 Menschen ernähren, sondern nur etwa 3.000 Menschen, schreibt das Forschungsteam um Dylan Davis von der US-amerikanischen Columbia University.

Steingärten für die Ernährung

"Was wir gefunden haben, ist das Gegenteil der Kollapstheorie", erklärte Davis. Die Bevölkerung habe mit den wenig fruchtbaren Böden und dem wenigen Wasser auf der Insel vielmehr ein erstaunliches System entwickelt, um sich zu ernähren. Auch andere archäologische Untersuchungen waren in den vergangenen Jahren bereits zu dem Schluss gekommen, dass es vor der Ankunft der Europäer im Jahr 1722 keinen gesellschaftlichen Zusammenbruch auf der Insel gab.

Die vulkanische Insel, auch Rapa Nui genannt, ist verhältnismäßig trocken, und die Küsten fallen steil ab, was sowohl Landwirtschaft als auch Fischerei erheblich erschwert. Als zentral gilt vielen Forschenden die Nutzung ausgeklügelter Steingärten. Die Menschen verteilten zum einen faustgroße Steine direkt auf der Erde. Außerdem zerbrachen sie in einem aufwendigen Verfahren Steine und arbeiteten diese in den Boden ein. Zusätzlich wurden große Steine zum Schutz aufgestellt. In den Zwischenräumen pflanzten sie zahlreiche Süßkartoffelvarianten, einst die Hauptnahrungsquelle auf der Insel.

Steingärten, Rapa Nui
Sogenannte Steingärten waren der Schlüssel zur Ernährung der Bevölkerung von Rapa Nui. Robert DiNapoli, Koautor der nun veröffentlichten Studie, besucht eine der antiken Anbauflächen.
Foto: Carl Lipo

KI half beim Zählen

Das Forschungsteam um Davis hatte eine Künstliche Intelligenz darauf trainiert, auf Satellitenbildern in einer speziellen Infrarotansicht solche von Menschen angelegten Steingärten zu erkennen. Denn nicht jeder Steinhaufen war zwangsläufig früher auch ein Garten.

Im Ergebnis gehen die Forschenden davon aus, dass die Steingärten weniger als ein halbes Prozent der Inselfläche ausmachten. Frühere Forschungen nahmen viel größere Flächen an. Die nun identifizierten Flächen hätten ausgereicht, um etwa 2.000 Menschen mit Süßkartoffeln zu versorgen, heißt es in der Studie. Außerdem hätten die Menschen noch Fisch und andere Meerestiere sowie Früchte wie Bananen, Yamswurzel, Taro-Knollen und Zuckerrohr gegessen. In der Summe landet das Forschungsteam bei einer Bevölkerung von etwa 3.000 Menschen.

Vergrößerte Anbauflächen

"Was wir hier wirklich sehen, ist, dass die Insel wegen der ökologischen Einschränkungen nie viele Menschen ernähren konnte", erläuterte Davis. Die Menschen hätten es im Gegenteil geschafft, ihre Lebensräume anzupassen und so die Fläche, die sie bewirtschaften konnten, zu vergrößern. "Das ist kein Beispiel für eine ökologische Katastrophe, sondern dafür, wie Menschen trotz wirklich begrenzter natürlicher Ressourcen auf recht nachhaltige Weise über lange Zeit hinweg überleben konnten."

Die Osterinsel wurde, weil sie so abgelegen ist, erst sehr spät besiedelt. Wahrscheinlich kamen die aus Polynesien stammenden Menschen um das Jahr 1200 auf die Insel. Heute gehört die Pazifikinsel zu Chile, auch wenn dessen Küste etwa 3.500 Kilometer entfernt liegt. Die bekannten Felsskulpturen sind Teil des Unseco-Weltkulturerbes und ziehen jedes Jahr zehntausende Touristen an. (red, APA, 24.6.2024)