Jiří Friml machte bahnbrechende Entdeckungen zum Wachstum von Pflanzen. Auf diesen Erkenntnissen bauen heute hunderte Forschungsgruppen weltweit auf, die an neuen Züchtungen von Reis, Mais oder Sojabohnen arbeiten.
APA/TOBIAS STEINMAURER

Der vom Wissenschaftsfonds FWF vergebene und mit 1,7 Millionen Euro dotierte Wittgenstein-Preis, den Jiří Friml am Donnerstag erhielt, ist nicht die erste hohe und hoch dotierte Auszeichnung für den aus Tschechien stammenden Pflanzenforscher. Seit seiner Dissertation, für die er im Jahr 2000 die Otto-Hahn-Medaille bekam, hat Friml mit wichtigen Entdeckungen zu Pflanzenhormonen Furore gemacht. Entsprechend gehört er seit vielen Jahren zu den öftestzitierten Forschern, nicht nur in seinem engeren Fachbereich. Nach etlichen internationalen Karrierestationen forscht Friml seit 2012 mit seiner Frau Eva Benková am Institute of Science and Technology Austria (ISTA) in Klosterneuburg. Der Pflanzenforscher, der am 24. Juni 51 Jahre alt wird, ist damit bereits der fünfte Wittgenstein-Preisträger des 2007 eröffneten ISTA.

STANDARD: Herzliche Gratulation zum Geburtstag und zum Wittgenstein-Preis! Damit haben Sie heuer gemeinsam mit dem ERC Advanced Grant schon mehr als vier Millionen Euro gewonnen. Was machen Sie mit so viel Geld?

Friml: Diese Preisgelder sind in die Forschung zu investieren. Und das bedeutet konkret: in die Anstellung von neuen Doktoranden und Postdoktoranden. Die Maximalgröße einer Forschungsgruppe am ISTA beträgt 15 Personen, und für über zwei Drittel davon müssen wir Drittmittel einwerben. Ohne die Preise hätte ich meine Gruppe in den nächsten Jahren deutlich reduzieren müssen.

STANDARD: Geht von den vier Millionen auch etwas an die Infrastruktur?

Friml: Die Basisinfrastruktur für meine Forschungen wird zentral vom ISTA zur Verfügung gestellt, wie zum Beispiel die Mikroskope oder Massenspektrometer. Ich leiste für meine Gruppe nur eine Benützungspauschale von fast 100.000 Euro jährlich. Das ist viel günstiger, als die Anschaffungen selbst finanzieren zu müssen. Ein Massenspektrometer oder ein Elektronenmikroskop kosten schnell einmal mehrere Millionen.

Jiri Friml
Jiří Friml am (nicht ganz billigen) Mikroskop.
FWF/Luiza Puiu

STANDARD: Mir fiel auf, dass in Ihrer Gruppe am ISTA viele junge Forschende aus Asien arbeiten. Ist das ein Zufall?

Friml: Nein. Ich habe vor ein paar Monaten eine Postdoc-Stelle ausgeschrieben und 80 Bewerbungen gekriegt, 79 davon waren aus Asien. Es ist ein bisschen traurig, aber es ist einfach so, dass es in Asien und insbesondere in China viel mehr qualifizierte junge Pflanzenforschende gibt als in Europa. Ich versuche, die Balance zu wahren, weil ich keine überwiegend chinesische Gruppe haben will. Aber es ist schwierig. Viele der asiatischen Forschenden kommen im Übrigen mit eigenen Geldern.

STANDARD: Woran liegt das?

Friml: In China und anderen asiatischen Ländern ist Pflanzenforschung viel populärer als hier. Dort fehlen nicht nur die Angst und die Hysterie vor Gentechnik. Man hat umgekehrt auch mehr Verständnis dafür, wie wichtig es für die Ernährungssicherheit ist, möglichst viel über Pflanzen zu wissen und welches Potenzial diese Forschung hat.

STANDARD: In Österreich gab es zuletzt Diskussionen, dass Wissen nach China abfließt. Könnte das auch auf Ihre Forschungen zutreffen?

Friml: Nein, dieses Problem sehe ich bei uns nicht. In unserem Bereich ist das Know-how in der chinesischen Topforschung etwa gleich hoch wie in Europa und den USA. Das liegt schlicht daran, dass dort viel mehr in Pflanzenforschung investiert wird. Es ist mittlerweile fast umgekehrt, und wir sind durchaus daran interessiert zu erfahren, mit welchen Methoden in China geforscht wird.

Jiří Friml mit dem Lieblingsgewächs der Pflanzenforscher, der Ackerschmalwand (Arabidopsis thaliana), die in der Landwirtschaft als Unkraut gilt.
FWF/Luiza Puiu

STANDARD: Ihre grundlegenden Erkenntnisse betreffen Pflanzenhormone wie insbesondere Auxin und wie Pflanzen damit auf Umweltbedingungen reagieren. Woran forschen Sie ganz aktuell?

Friml: Es geht immer noch um Pflanzenhormone. Kürzlich haben wir einen neuen Mechanismus entdeckt, wie Signalwege für Auxin in Pflanzen funktionieren. Das ist erst zum Teil publiziert. Nun wollen wir schauen, ob dieser Signalweg auch für andere Pflanzenhormone gilt. Ein anderer Teil der Gruppe beschäftigt sich mit der Evolution – also wie sich der Mechanismus, den Auxin benützt, als universelles Entwicklungssignal mit der Entwicklung der Pflanzen entwickelt hat. Das erforschen wir einerseits an der Ackerschmalwand (Arabidopsis) und andererseits am Brunnenlebermoos (Marchantia), eine der primitivsten Landpflanzen und an Wasseralgen.

STANDARD: Ich nehme an, dass Ihre Forschungen auch für die Anpassungen der Pflanzen an den Klimawandel von Relevanz sind?

Friml: Ja. Grundsätzlich sind Anpassungen der Pflanzen an die Umgebungsbedingungen ein Hauptteil meiner Forschungen. Zu diesen Adaptierungen gehört auch die Reaktion auf höhere Temperatur, was ebenfalls mittels Auxin stattfindet. Wir forschen aber auch über die Wurzelsystemarchitektur und wie man zu tieferen Wurzeln kommt, um so auf höhere Trockenheit zu reagieren und das Wasser besser zu erreichen. Wir sind zwar kein spezielles Labor, das über Pflanzenstress forscht. Aber die grundlegenden Mechanismen, die wir entdeckt haben, sind wichtig bei den Adaptierungen beim Klimawandel.

STANDARD: Die Preise, die Sie zuletzt bekommen haben, sind Auszeichnungen für exzellente Grundlagenforschung. Wie nahe ist die in Ihrem Fall an der Anwendung?

Friml: Wir hatten das Glück, dass wir wirklich grundlegende Mechanismen entdeckt haben. Auf diesen Erkenntnissen bauen heute hunderte Gruppen auf, die angewandte Forschung machen, sie setzen unsere Erkenntnisse in neuen Züchtungen von Reis, Mais oder Sojabohnen um. Viele meiner früheren Studierenden sind in diesen Bereich gegangen und leiten jetzt eigene angewandte Gruppen. Ich selbst bin hingegen immer noch neugierig und weiterhin an den fundamentalen Grundlagen interessiert: Ich will einfach verstehen, wie bestimmte Vorgänge in den Pflanzen funktionieren.

STANDARD: Lassen sich solche Erkenntnisse auch patentieren?

Friml: Nein, man kann Gene nicht patentieren, sondern bestenfalls die Ideen, was mit den Genen zu machen ist. Das haben wir ein bisschen ausprobiert, aber letztlich gibt es in Europa relativ wenig Interesse daran, weil GMOs so strikt geregelt sind. Deshalb werden wahrscheinlich andere außerhalb von Europa sich Patente oder Lizenzen sichern – etwa für neue Reisvarianten, die höhere Erträge haben oder die auf Trockenheit adaptiert sind.

"Wir sollten die Lehrerinnen und Lehrer besser informieren, was die Vorteile und was tatsächliche Risiken der Gentechnik sind. Es ist vielfach so, dass viele eine starke Meinung haben, aber wenig Ahnung."

STANDARD: Sie haben ursprünglich in Brno studiert, wo Gregor Mendel forschte und mit seinen Erbsenexperimenten zum Begründer der modernen Genetik wurde. War das für Sie damals eine Inspiration?

Friml: Als ich in die Schule ging, galt die Genetik noch als kapitalistische Pseudowissenschaft. Die Kommunisten unter Stalin und Lyssenko hatten in den 1940er-Jahren versucht, das Fach und seine Vertreter völlig auszulöschen, was ihnen relativ gut gelang. Nach Stalins Tod und Lyssenkos Entmachtung war die Verfolgung zwar nicht mehr ganz so schlimm. Aber die Genetik als Fach war damit nachhaltig beschädigt. Im Grunde spürt man das bis heute: Es gibt in Tschechien immer noch relativ wenige Genetikabteilungen an den Unis und weniger genetische Forschung als in Österreich oder Deutschland. Ich habe das dann nachlernen müssen.

STANDARD: Als Pflanzenforscher sind Sie eigentlich ein Quereinsteiger, denn Sie haben ursprünglich Chemie studiert. War das hilfreich, oder hat das eher geschadet?

Friml: Das war im Rückblick sicher ein Vorteil. Wenn ich es ganz böse sagen darf: Ich habe mir viel Zoologie, Botanik und das Studium aller möglichen Pflanzenarten erspart. Um zu verstehen, wie das Leben funktioniert, ist dieses Wissen von überschaubarem Nutzen. Ein Verständnis dafür, wie Moleküle reagieren und der Stoffwechsel funktioniert, ist dafür sehr viel hilfreicher. Chemie lehrt zudem eher dieses konzeptuelle, organisierte und hierarchische Denken.

STANDARD: Sie wurden schon für Ihre Dissertation mit der Otto-Hahn-Medaille ausgezeichnet. Wie gelang es Ihnen, schon so früh wichtige Entdeckungen zu machen?

Friml: Ich machte meine Dissertation an einem Max-Planck-Institut in Köln in einer sehr großen Gruppe und brachte mein eigenes Geld mit. Dazu kam, dass ich Tscheche und Chemiker war. Entsprechend hat sich der Gruppenleiter nicht wirklich sehr um mich gekümmert – was aber auch bedeutete, dass ich völlige Freiheit hatte. Und weil ich kaum biologisches Vorwissen hatte, das mich beschränkt hätte, bin ich viele Dinge ganz anders angegangen. Und ich hatte das Glück, mit dem richtigen Thema zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort gewesen zu sein.

STANDARD: Sie haben dann sehr früh Professuren in Deutschland und Belgien innegehabt, sind dann aber mit Ende 30 und gemeinsam mit Ihrer Frau an das damals noch ziemlich neue ISTA übersiedelt. Warum?

Jiří Friml
Seit mehr als zehn Jahren forscht Jiří Friml am ISTA in Klosterneuburg – eine gute Entscheidung, wie er heute sagt.
FW F/Luiza Puiu

Friml: Meine Frau und ich hatten zuvor Professuren an der Uni Gent in Belgien und mussten uns – auch wegen unserer beiden Töchter – irgendwann einmal entscheiden, wo wir die nächsten gut 20 Jahre arbeiten wollen. Dann wurde das ISTA gegründet, wo von Beginn an Grundlagenforschung und Interdisziplinarität hochgehalten wurde. Wir haben uns das angeschaut, und was wir gesehen haben, hat uns gefallen. Die räumliche und kulturelle Nähe zu Mähren hat sicher auch eine Rolle gespielt. Im Rückblick war das eine gute Entscheidung.

STANDARD: Die Skepsis gegenüber grüner Gentechnik ist in Österreich ist allerdings besonders hoch. Wie ließe sich das ändern?

Friml: Am ehesten könnte man wohl in der Schule ansetzen, insbesondere bei der Aus- und Weiterbildung der Biologielehrerinnen und -lehrer. Wir sollten sie besser informieren, was die Vorteile und was tatsächliche Risiken der Gentechnik sind. Es ist vielfach so, dass viele eine starke Meinung haben, aber wenig Ahnung. Wir haben das in den Schulen unserer Töchter so erlebt, und unsere Bekannten, die auch Kinder haben, erzählten uns ganz ähnliche Dinge. Das Tragische daran ist, dass im Grunde wir alle eine grüne und gesündere Landwirtschaft wollen, und die Gentechnik könnte dazu extrem viel beitragen. Dass die so kategorisch abgelehnt wird, ist für uns schwer zu verstehen und sehr frustrierend. (Klaus Taschwer, 24.6.2024)