Terror in der russischen Teilrepublik Dagestan: Mehrere schwerbewaffnete Terroristen haben in der Stadt Derbent eine Synagoge und eine russisch-orthodoxe Kirche attackiert. In beiden Gotteshäusern brachen Brände aus, ein Priester wurde bestialisch ermordet. Die unbekannten Angreifer hätten automatische Waffen benutzt und seien in einem Auto geflohen, erklärten die Behörden. Auch in der Hauptstadt Machatschkala habe es eine Schießerei vor einer Polizeistation gegeben. Drei der Attentäter waren dabei laut Medieninformationen Söhne und Neffen eines hochgestellten Beamten der Region.

Dagestan: Angriffe mit neun Toten laut Behörden "Terroranschläge"
In der russischen Kaukasusrepublik Dagestan haben bewaffnete Angreifer bei Anschlägen auf Kirchenhäuser und einem Kontrollpunkt der Polizei mindestens neun Menschen getötet. Die Behörden sprechen von "Terroranschlägen"
AFP

Neben mehreren Terroristen seien auch Zivilisten getötet worden, sagte Sergej Melikow, der örtliche Gouverneur. "Mehr als 15 Polizisten wurden Opfer des heutigen Terroranschlags und verteidigten mit Waffen in der Hand den Frieden und die Ruhe von Dagestan", erklärte Melikow in einer Videobotschaft auf Telegram. Die russischen Behörden haben bei früheren Vorfällen in der Region auf militante muslimische Gruppen verwiesen.

Hatz auf jüdische Passagiere

Dagestan grenzt unter anderem an die russische Teilrepublik Tschetschenien. Von Machatschkala, der Hauptstadt Dagestans, ist Derbent etwa 125 Kilometer entfernt. Spätestens seit Oktober 2023 geht in Derbent mit seiner alten jüdischen Gemeinde die Angst um. Dutzende Männer hatten damals den Flughafen von Machatschkala gestürmt, als aus Tel Aviv kommend ein Evakuierungsflug aus der Nahost-Krisenregion zwischenlandete. Die Demonstranten randalierten, waren angeblich auf der Suche nach Passagieren mit jüdischen Wurzeln. Sie riefen "Allahu Akbar" – Gott ist groß.

David-Stern in zerstörter Synagoge.
Die Kele-Numaz-Synagoge in Derbent wurde schwer beschädigt.
AP

Russlands Präsident Wladimir Putin distanzierte sich nicht nur damals von Antisemitismus. Doch in Dagestan hätten viele Juden Angst, zitierte das Onlinemedium Rise nach den Vorfällen auf dem Flughafen Owadja Isakow, den Oberrabbiner von Derbent. "Die Situation in Dagestan ist sehr schwierig, die Leute aus der Gemeinde haben Angst, sie rufen an, aber ich weiß nicht, was ich ihnen raten soll." Eine Frau wandte sich hilfesuchend an einen örtlichen Polizeibeamten, und dieser sagte: "Nun, schauen Sie, was Sie ihren Kindern dort antun." Auch persönlich habe er Angst, sagte Isakow damals. "Ich fühle mich nicht sicher, obwohl die Synagoge bewacht ist und es Streifen gibt. Der Vorfall mit dem örtlichen Polizisten zeigt, dass es überhaupt keine Sicherheit gibt und jederzeit mit Schlimmerem zu rechnen ist." Isakow hatte recht. Nun griffen Terroristen mit Schnellfeuerwaffen die Synagoge an. Nun gab es Tote.

Kreml in Erklärungsnot

Seit dem Terroranschlag auf die Crocus City Hall in Krasnogorsk am Stadtrand von Moskau im März dieses Jahres mit 143 Toten und vielen Verletzte ist klar: Islamistischer Terror ist auch in Russland ein Problem. Eines, das dem Kreml unangenehm ist. Ein Ableger der Terrormiliz "Islamischer Staat" hatte sich zu diesem Anschlag bekannt, die unmittelbaren Täter kamen aus der Ex-Sowjetrepublik Tadschikistan. Kreml-Chef Putin versprach damals: "Alle Täter, Planer und Auftraggeber dieses Verbrechen werden einer gerechten und unabwendbaren Strafe zugeführt werden." Doch zu den Hintermännern, den Planern des Anschlags wurde bislang nur wenig bekannt.

Radikales Gedankengut ist auch in Tschetschenien, der Nachbarrepublik von Dagestan, weit verbreitet. 2002 hatten tschetschenische Terroristen 850 Menschen in einem Musical-Theater in ihre Gewalt gebracht. Die Terroristen wurden erschossen. 135 Geiseln kamen ums Leben. Ungestraft verprügelte im vergangenen Jahr der damals 15-jährige Sohn des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow in einem Untersuchungsgefängnis einen wehrlosen Gefangenen. Es war ein 19-jähriger Mann, der im Mai wegen einer öffentlichen Koran-Verbrennung in Wolgograd festgenommen und später nach Tschetschenien verlegt worden war. Der Kreml hielt sich bedeckt.

"Interreligiöser Frieden" im Visier

Der Innsbrucker Politologe und Russland-Experte Gerhard Mangott hält das Erstarken des islamistischen Terrorismus in der Kaukasusregion für beachtenswert: "Seitdem Vater und Sohn Kadyrow Tschetschenien zwangsbefriedet haben, ist Dagestan zum Hotspot des islamistischen Terrorismus geworden. Es handelt sich zum Teil um sogenannten Home-grown Terrorism, etwa wenn wir an die Söhne und Neffen des dagestanischen Politikers nun denken. Zum anderen speist sich die Szene aber auch aus Leuten, die einst von Dagestan aus nach Syrien gegangen und in der Zwischenzeit zurückgekehrt sind." Auffällig ist laut Mangott zudem, dass es sich diesmal "nicht primär um Anschläge gegen staatliche Institutionen gehandelt hat, sondern dass die Attentäter auch den interreligiösen Frieden angreifen wollten". (Jo Angerer aus Moskau, Florian Niederndorfer, 24.6.2024)