Der Roman
Die in "Unter Wölfen" vorkommende, wegen ihrer drastischen Songinhalte immer wieder indizierte US-Death-Metal-Band Cannibal Corpse ist seit den 1980er-Jahren bis heute noch immer aktiv. Hier ein Auftritt von 2019.
selbymay

Mit Gotteskind legte John Wray 2019 einen Roman vor, der sich mit religiösem Fanatismus auseinandersetzte. Der 1971 geborene Sohn einer Österreicherin und eines Amerikaners lebt nicht nur zwischen seinen Wohnsitzen Brooklyn und dem kärntnerischen Friesach in einer Zwischenwelt. In seinem aktuellen Werk Unter Wölfen beschäftigt sich Wray auch mit einer weiteren extremen Erscheinung: mit den aus den USA ab Mitte der 1980er-Jahre in die Welt gekommenen Spielarten Death Metal, Thrash Metal sowie dem skandinavischen Black Metal, den möglicherweise härtesten Phänomenen in der Geschichte der Subkultur. Es geht um Sounds und Inhalte, die nicht nur an sittliche und akustische Toleranzgrenzen gehen, hier soll Musik auch als "Flammenwerfer, der allen Bullshit wegbrennt", eingesetzt werden: Tod, Folter, Krieg, Horror, Kannibalismus, das sind die Themen.

Unbekannte Welten

In einer für die literarische Laufkundschaft möglicherweise unbekannten Welt wird man so Ende der 1980er-Jahre in einem heruntergekommenen Schuppen in Florida Zeuge eines Konzerts der legendären Band Death. Die stellt dort gerade vor einer Hundertschaft jugendlicher Außenseiter ihr Album Scream Bloody Gore mit programmatischen Songtiteln wie Zombie Ritual, Infernal Death oder Evil Dead vor.

Natan Cunha’s

In einer längeren Passage wird einem so auch bei Auftritten der heute noch aktiven Band Cannibal Corpse gewahr, welche Energie ein Roman verbreiten kann, der vom Musentempel aus bereit ist in das tiefste Kellergeschoß hinunterzusteigen: "Die Musik schlug so schnell zu, dass er zuerst gar nichts blickte: ein Hagelschauer hämmernder Noten, ein tiefes Zischen, ein epileptischer Bass. Der Körper reagierte rascher als der Kopf, wechselte unwillkürlich in den Flight-or-Fight-Modus, Beine, Arme und Rückgrat ein einziger Krampf. Der Sound war tyrannisch, dominant gnadenlos." Und weiter: "Ihm wurde übel. Dann setzte das Kreischen ein, und es hörte sich an, als versuchte jemand auf einem brennenden Scheiterhaufen ein Kinderlied zu singen. Der Gesang klang wütend, ekstatisch, als litte jemand höllische Schmerzen – wissen konnte man das nicht, der Text ließ sich unmöglich verstehen."

Metal Blade Records

Kip Norvald, einer der jugendlichen Protagonisten, die in Unter Wölfen allesamt aus desolaten familiären Verhältnissen kommen und diese Parallelwelt als Fluchtpunkt gewählt haben, wird dank dieses augen- und trommelfellöffnenden Erlebnisses eine Offenbarung zuteil: "Die Einsicht nämlich, dass nichts, aber auch rein gar nichts gut werden würde. Jetzt nicht. Später nicht. Nie. Das ergab für ihn durchaus einen Sinn."

Die Zukunftsaussichten in Venice, das "im toten Winkel" des sonnigen, sumpfigen und von Pensionisten, gewalttätigen Cops, homophoben Jugendgangs und Drogenbanden bevölkerten nordöstlichen Florida liegt, sind tatsächlich trüb. Kip ist wegen seiner süchtigen Mutter vom Jugendamt zur Oma abgeschoben worden. Sein schwuler afroamerikanischer Kumpel Leslie lebt bei weißen jüdischen Zieheltern – und Kips Love Interest Kira im Trailer ihres gewalttätigen Vaters. Heftiger Drogenmissbrauch und das reinigende Höllenfeuer des Death Metal sind die einzigen Fluchtpunkte in dieser bedrückenden Welt, in der sich eine Coming-of-Age-Geschichte nur schwer erzählen lässt.

Drastisch und brutal

Das Trio flüchtet sich in einem heruntergerockten Auto, das standesgemäß nach Cthulhu, dem grausamen Urzeitmonster aus den Werken H. P. Lovecrafts, benannt ist, ins gelobte Land Kalifornien. In Los Angeles regiert auf dem dortigen Sunset Strip als neuer Spielwiese für ein selbstzerstörerisches Leben Ende der 1980er-Jahre die mit Mascara, Spandexhosen, Federboas, Koks und Drei-Wetter-Taft ausgestattete Glamrock-Szene, etwa mit dem lächerlichen Hairspray-Metal von Bands wie Mötley Crüe. Metallica, so liest man während der oft und gern unternommenen, von schlechten Drogen befeuerten Betrachtungen in Unter Wölfen, stellen zu dieser Zeit mit dem gerechten Thrash-Metal-Zorn des Albums ...And Justice for All trotz aller Vorbehalte wegen unterstellten kommerziellen "Ausverkaufs" und trotz wesentlich brutalerer Zeitgenossen wie Slayer, Deicide oder Repulsion eine seltene, noch im Underground agierende Gegenkraft dar. Die persönlichen Beschädigungen von Kip, Kira und Leslie lassen sich auch in L.A. nicht einfach so ablegen. Die damit einhergehenden Gewaltszenen sind drastisch. Dabei sollte extreme Musik als Nebenwirkung doch eigentlich friedlich machen.

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Die Suche nach Liebe, die sich tief in den Eingeweiden dieses Romans verbirgt, führt schließlich nach Norwegen. In der Heimstatt des Black Metal, die von Kirchenverbrennern und später wegen Mordes verurteilten Leuten wie Varg Vikernes von Bands wie Burzum oder Mayhem bevölkert wird, gerät die ins Nichts führende Coming-of-Age-Geschichte schließlich dank einer satanischen Sekte endgültig zum Thriller. Aber das konnte man ja schon zuvor in diesem intensiven, mitreißenden, nachtschwarzen Roman lesen: Nichts, rein gar nichts wird gut. (Christian Schachinger, 10.7.2024)