Die erneute russische Invasion der Ukraine im Februar 2022 hat vieles verändert. Gut zweieinhalb Jahre später tobt der Krieg weiter, und während die Frontlinien sich nur noch langsam verändern, ist eine Friedenslösung derzeit nicht in Sicht. Millionen Menschen wurden in die Flucht gezwungen, und auch viele Unternehmen mussten sich nach neuen Standorten umsehen. Der vielleicht bekannteste Fall in der Spielebranche ist wohl GSC Gameworld. Die Entwickler des heuer erscheinenden "Stalker 2: Heart of Chornobyl" haben ihr Hauptquartier nach Prag verlagert.

Einen großen Umbruch erzwang Russlands Angriff aber auch für eine in unseren Breitengraden wenig bekannte Gameskonferenz namens DevGAMM. Diese fand 2008 erstmals in der ukrainischen Hauptstadt Kiew statt, damals noch unter dem Namen FlashGAMM. Was insbesondere seit dem vorletzten Jahr passiert ist, erklärte Maria Chyrvona im Interview mit dem STANDARD im Rahmen der DevGAMM Vilnius, die am 14. und 15. Juni über die Bühne ging. Sie leitet die Geschicke der Konferenz seit 2024, war für die Veranstaltungsreihe aber schon zuvor zehn Jahre in verschiedenen Rollen tätig.

Maria Chyrvona ist seit 2014 CEO von DevGAMM. Das Unternehmen selbst hat seinen Sitz im US-Bundesstaat Washington.
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Danzig und Vilnius statt Minsk und Moskau

Für Chyrvona war es die zweite DevGAMM unter ihrer Führung, ihre Premiere gab sie bereits im Februar bei der DevGAMM in Danzig. Im November steigt der dritte Event des Jahres in Lissabon. "Ich liebe meinen Job", sagt die gebürtige Ukrainerin. "Er bringt Herausforderungen, die ich gerne löse. Unser Team ist großartig und unterstützt mich zu 100 Prozent. Und das ist das Beste, wenn man CEO ist."

Mit großen Veränderungen muss sich die Organisation aber nicht erst seit Beginn des von Russland euphemistisch als "Spezial-Militäroperation" bezeichneten Angriffs auseinandersetzen. Schon 2020 bewegte sich sowohl für die Konferenz als auch für die litauische Gamesbranche einiges. Infolge von Protesten gegen die nicht ansatzweise als frei und fair anerkannte Präsidentschaftswahl in Belarus verschärfte das Regime von Machthaber Alexander Lukaschenko die Gangart gegenüber Oppositionellen. Die politische Unterdrückung, begleitet von einem impliziten Ultimatum seitens der Regierung, bewog zahlreiche Firmen dazu, das Land zu verlassen.

Normalerweise nutzt DevGAMM Hotels als Austragungsort für die Konferenz, heuer probierte man es in Vilnius aber im Stile eines Outdoor-Festivals am Rande der Stadt.
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Einige davon schlugen ihr Lager schließlich in Vilnius auf. Die Hauptstadt des baltischen Staates ist immerhin auch nur 30 Kilometer von der Grenze und weniger als drei Autostunden von Minsk entfernt. Andere Studios, die bereits mit einem Büro ansässig waren, sahen sich wiederum mit logistischen Herausforderungen konfrontiert, um ihre Mitarbeiter aus dem Nachbarland beim Umzug zu unterstützen. Die Organisatoren der DevGAMM verstanden die Zeichen der Zeit. 2021 gastierte die an Entwickler und Publisher gerichtete, nichtöffentliche Konferenz erstmals in Litauen, während Minsk als Veranstaltungsort gestrichen wurde. Kräftig unterstützt wird man seither auch vom hiesigen Branchenverband, der Lithuanian Games Developer Association (LZKA) und auch der städtischen Tourismusorganisation GoVilnius.

Vor den Ereignissen in Belarus arbeiteten laut LZKA rund 600 Leute in der litauischen Games-Industrie. Heute sind es etwa 2250. Der Umsatz der Branche, die zu 90 Prozent in Vilnius angesiedelt ist, liegt (Stand 2022) bei 308 Millionen Euro. Der Support seitens der Politik war bisher überschaubar, der Verband setzt aber große Hoffnungen in ein gefördertes Accellerator-Programm für Games- und Tech-Start-ups unter der Führung der spanischen Organisation Game BCN. Was man allerdings noch vermisst, sind steuerliche Incentives. Selbige hätten sich schon für die Filmindustrie als sinnvoll erwiesen.

Auf der DevGAMM Vilnius fanden sich knapp 500 Entwickler ein, dazu waren über 200 Unternehmen auf verschiedene Weise präsent, 93 Spiele wurden gezeigt und konnten teilweise auch angespielt werden. Manche der Sprecher und Workshopleiter bringen Erfahrung aus der Arbeit an großen Games-Projekten wie "Cyberpunkt 2077" mit oder sind bzw. waren schon für Branchengrößen wie Electronic Arts, Ubisoft oder Epic Games tätig. Im Vergleich zum Vorjahr ging die Teilnehmerzahl leicht zurück, was Chyrvona aber als Folge der Konsolidierung in der Branche sieht. Schon seit vergangenem Jahr bauen vorwiegend größere Publisher immer wieder zahlreich Mitarbeiter ab, aber auch kleinere Firmen bleiben von der allgemeinen Entwicklung nicht verschont.

Eine Ausweitung auf andere Standorte haben die Organisatoren aktuell nicht konkret geplant, schließen es aber langfristig auch nicht aus. Derzeit wolle man sich aber auf die bestehenden Branchencommunities in Vilnius, Warschau und Lissabon konzentrieren.

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Nordcurrent und Wargaming

Neben einer Reihe kleinerer Studios sind in Vilnius auch bekanntere Namen angesiedelt. Das heimische Vorzeigeunternehmen ist Nordcurrent, das primär mit Mobile Games erfolgreich ist. Vorzeigetitel ist das schon 2014 veröffentlichte "Cooking Fever", das auch heute noch monatlich zehn Millionen Spielerinnen und Spieler anzieht. Mehr als 300 Menschen arbeiten für das Unternehmen, 220 davon in Vilnius. Die anderen sind verstreut auf Standorte in Göteborg, Warschau, aber auch die immer wieder von russischen Raketenangriffen heimgesuchten, ukrainischen Metropolen Dnipro und Odessa. Künftig will man aber auch verstärkt Spiele für PC und Konsolen liefern, 2025 will man mit "Eriksholm: The Stolen Dream" aufhorchen lassen, den man als ersten AAA-Titel aus eigenem Hause für den PC versteht. Entwickelt wird das Stealth-Adventure federführend vom schwedischen Tochterstudio River End Games.

Ein anderer großer Name mit Office in Vilnius ist Wargaming. Bekannt ist das ursprünglich in Belarus gegründete Studio für seine "World of"-Reihe an Multiplayer-Gefechtsspielen. Spitzenreiter ist "World of Tanks", das Teilnehmer seit 2010 zu semirealistischen Panzerschlachten lädt. Im litauischen Office sind 900 Mitarbeiter angestellt, ein guter Teil davon stammt aus Belarus und der Ukraine.

"Werden nie wieder Events in Russland veranstalten"

"2022 war ein wirklich hartes Jahr für uns", schildert Chyrvona. Damals hatte man drei Stationen für die Konferenz geplant – in Moskau, Kiew und Vilnius. Nachdem die russischen Truppen den Einmarsch begonnen hatte, sagte man umgehend die Veranstaltung in Moskau ab und musste aufgrund der gefährlichen Situation auch den Auftritt in Kiew stornieren. Ein großer Teil des DevGAMM-Teams kommt aus der Ukraine. Manche davon befinden sich immer noch dort, da sie aufgrund der kriegsrechtlichen Vorgaben das Land nicht verlassen dürfen. Einer davon ist etwa der Finanzchef der Konferenz.

"Wir werden nie wieder Events in Russland veranstalten, denn wir wollen nicht mit diesem Land in Verbindung gebracht werden", sagt Chyrvona. "Dem Land, das in unsere Heimat und die Heimat unserer Familien eingefallen ist." Auch einige russische Staatsbürger sind für DevGAMM tätig, diese hätten sich aber von Beginn an unterstützend gezeigt und gegen Russland Partei ergriffen. Als Unternehmen mache man die eigene Einstellung deutlich und unterstütze die Ukraine – etwa durch Spendensammlungen auf dem Event.

Viele der beim Event vorgestellten Games konnten auch angespielt werden.
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Dass man die russische Invasion verurteilt, ist auch in den Teilnahmebedingungen der Konferenz abgebildet. Wer den an sich unpolitischen Event nutzt, um den russischen Überfall zu propagieren, wird der Veranstaltung verwiesen. "Wir verstehen uns primär als Event für die Gamingbranche, aber dieser Tage ist es unmöglich, sich politisch vollständig zu enthalten. Besonders wenn es einen selbst oder die eigene Familie betrifft", so Chyrvona. Bislang gab es laut der CEO auch keinen solchen Vorfall und auch keinerlei Beschwerden über diese Regelung.

In Vilnius und Danzig trifft die DevGAMM damit ohnehin auf Gesellschaften, in denen es – im Vergleich zu manchen westeuropäischen Ländern – großen Konsens gibt, wenn es um die Verurteilung Russlands und Unterstützung für die Ukraine geht. In vielen Schaufenstern in Vilnius finden sich auch heute noch ukrainische Flaggen nebst kämpferischen Botschaften. Die Erinnerung an die Zeit unter der Sowjetherrschaft, die 1991 zu Ende ging, wird gepflegt. In einem gut erhaltenen KGB-Geheimgefängnis werden die Schreckenstaten des Moskauer Regimes greifbar. In einer der restaurierten Zellen steht ein lebensgroßer Kartonaufsteller des russischen Diktators Wladimir Putin. Auch das heutige Russland, an dessen Exklave Kaliningrad man grenzt, wird nicht erst seit 2022 als Bedrohung gesehen.

DevGAMM Vilnius 2024 Highlights
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Vorsichtiger Optimismus

Litauen hat das Potenzial, als Standort für die Spieleindustrie noch weiter zu wachsen, schätzt die Konferenzchefin. Sie rechnet insbesondere mit vermehrten Gründungen kleinerer Studios. Neben vielen talentierten Entwicklern bieten auch verschiedene Bildungseinrichtungen Ausbildungen an, die einen Einstieg in die Branche ermöglichen. Ob sich weitere größere Anbieter ansiedeln, sei wiederum auch eine Frage steuerlicher Erleichterungen, aber auch der Sicherheit. Auch die LZKA verweist auf das "komplizierte politische Umfeld" infolge der Ereignisse in den letzten Jahren. Man spreche zwar nicht mehr über eine Verdoppelung des Wachstums, sei aber ob des langfristigen Ausblicks trotzdem optimistisch. Eine Umfrage unter kleineren und mittleren Spielestudios ergab, dass die Mehrheit ihren Personalstand halten wollen oder die Einstellung neuer Mitarbeiter planen.

Es gebe zwar keine Angst, aber eine gewisse Skepsis seitens der Unternehmen, Mitarbeiter ins Baltikum zu schicken, sagt Chyrvona. Denn Litauen, Lettland und Estland seien immerhin direkte Nachbarn von Belarus und Russland. Da die russischen Truppen bereits in der Ukraine kaum vorwärtskämen, denkt Chyrvona nicht, dass es aktuell eine direkte Gefahr für die baltischen Staaten gibt. Nachsatz: "Aber verlassen Sie sich nicht auf meine Einschätzung. Man weiß nie, was Russland als Nächstes tun wird." (Georg Pichler aus Vilnius, 10.7.2024)