"Parasitierte Hornrüsselfliege" (2011) von Maria Temnitschka im Künstlerhaus.
Maria Temnitschka

Wunderkammer ist die aktuelle Ausstellung im Wiener Künstlerhaus betitelt– und für eine Kunstschau ist bereits der erste Raum nicht nur unüblich voll, sondern schon ganz im Sinn des Konzepts auch herrlich divers. Bunt bemalte Holzskulpturen von Martin Krammer wenden einem etwa ihre Pferdeschwänze zu. Man sollte ihnen skeptisch begegnen, dazu aber gleich. Von der Decke schweben betörend schöne Skulpturen aus Stoff auf Kleiderbügeldraht von Theres Cassini.

Das Duo Oleg & Ludmilla hat in kleinen Holzschachteln Fabelwelten gebaut, in denen Heißluftballone über Panzer dahinziehen und auf Menschen in kleinen Glasfläschchen treffen, die in Hochregalen gelagert werden. Man kommt aus dem Schauen nicht heraus, muss man aber, um durch die Türspione in Jochen Höllers Bücherregal zu spähen. Und dann der Schock: Dreht man sich jetzt um und schaut Krammers Holzmädchen ins Gesicht, haben einem der beiden Eichhörnchen selbiges weggefressen! Das andere Werk – soll eine kuriose Überraschung bleiben.

Das Künstlerhaus war lange ein Sorgenkind der Wiener Kunstszene. Kurz schien mit der Sanierung durch Hans-Peter Haselsteiner zuletzt alles besser zu werden, dann wurden im Mai Probleme mit ebenjenem Kooperationsvertrag publik. Daran werde gearbeitet, sagt der künstlerische Leiter Günther Oberhollenzer. Und erzählt, wie er in den zwei Jahren seit seinem Antritt auch an der anderen Baustelle namens selbstverwaltete Mitgliederausstellungen gearbeitet hat. Und das mit Erfolg! Denn Wunderkammer ist eine solche Mitgliederausstellung – aber ganz ohne den alten Mief von Gefälligkeiten und Seilschaften. Dafür optisch imposant und spannend bis zum Gehtnichtmehr.

Vom Gericht wieder zum Tier

Johannes Rass etwa hat Tiere, die auf unserem Speiseplan stehen, zerteilt, die verschiedene Fleischstücke artgerecht mal als Gulasch, Braten und Steak, mal als Filet und Sushi zubereitet, und dann wieder zum Tier zusammengefügt. In Lebensgröße! Man würde seinen Augen kaum trauen, liefe da nicht ein Video, das es dokumentiert. Zu finden ist die Arbeit im Abschnitt "Naturalia" neben aus Fischhaut geformten Eiern von Ramona Schnekenburger. Ja, Besucher mit schwachen Mägen mögen die eine oder andere Herausforderung erleben. Aber Maria Temnitschkas aus Metall, Knochen und Horn zusammengeschraubte kleine Fabeltiere, die immer wieder ins Maschinenhafte kippen, sind es definitiv wert, dass man durchhält.

Johannes Rass hat Tiere zerlegt, zubereitet, wieder zusammengesetzt und fotografiert ("Cervus Elaphus III", 2023).
Johannes Rass/Bildrecht Wien Foto: Roland Zygmunt

Oberhollenzer hat für die Schau den Titel festgesetzt, dann Künstlerinnen und Künstler um Werke gebeten, andere haben sich mit Arbeiten beworben. Manche Arbeiten sind neu entstanden, andere schon älter. Anhand der Einreichungen wuchs das Konzept. Der Südtiroler ist mit einer Wunderkammer erstmals als Kind auf Schloss Ambras in Berührung gekommen – und hat dort das Staunen gelernt. Die mittelalterliche und frühneuzeitliche Idee, ein Sammelsurium an Kuriosa, Natur- und Kulturgütern als gültige Repräsentation von Welt anzuerkennen, sei heute natürlich noch vermessener als einst, das ist ihm klar. Das Staunen vermisst er im intellektuellen Diskurs zur zeitgenössischen Kunst aber oft.

Dystopien und Zukunftstechnik

39 Positionen sind es geworden, 31 davon sind solche von Künstlerinnen. Grey Time von Jeremias Altmann und Andreas Tanzer füllt einen Raum – Aufwand scheut man nicht – mit Bauschutt und evoziert so Dystopien und reale Zerstörung durch Umweltkatastrophen. Dieser Zukunftsvergessenheit stehen Leitungen, Pumpen, Zylindern von Helmut Pokornig gegenüber, der Abbildungen damaliger Zukunftstechnologien aus einer 120 Jahre alten Brockhaus-Enzyklopädie ausgeschnitten und zu einer Zukunftsmaschine collagiert hat.

Ein präpariertes Vögelchen (2019) hält bei Irene Hopfgartner einen Ballon.
Ramona Waldneri

Manches ist leichter, manches ernster. Neben den Schauwerten stehen vielfältige Fragen: nach Cyborgs (Darina Peeva), KI (Petra Richar), schwindender Biodiversität (Daniela Brill Estrada). Die Saaltexte leiten einen gedanklich anregend weiter. Ohne Staunen geht niemand hinaus. (Michael Wurmitzer, 10.7.2024)