Ein BYD steht neben einem Tesla.
Bei den Auslieferungen lieferten sich die beiden Hersteller zuletzt ein knappes Rennen.
AP/Andy Wong

So richtig rund läuft es derzeit bei E-Autos nicht. Das Wachstum, es ist gebremst. So mancher Autobauer verschiebt seine Ziele nach hinten. Dennoch – E-Autos werden mehr. Im Vorjahr hat die Zahl der Neuzulassungen erstmals jene der fossilen übertroffen. E-Auto-Bauer gehören zum Mainstream, E-Mobilität ist ein Wachstumsmarkt. Davon wollen naturgemäß auch Aktionäre profitieren. Während sich die Traditionsautobauer schwertun mit ihrem Umstieg auf E-Mobilität, haben es reine E-Auto-Anbieter leichter. Die beiden Platzhirsche sind bekanntlich außerhalb Europas daheim. Sie heißen Tesla und BYD. Im zweiten Quartal 2024 lieferte Tesla mit knapp 444.000 Fahrzeugen mehr aus als von Analysten erwartet. BYD konnte seinen Rückstand auf den US-Konkurrenten mit 426.039 Fahrzeugen wohl aufholen. Was unterscheidet die beiden?

Tesla

Der bisherige Jahresverlauf gleicht für den US-Elektroauto-Pionier Tesla einer Berg-und-Tal-Fahrt. Genau genommen umgekehrt, denn erstmals ging es heuer kräftig bergab. Der Motor des Fahrzeugherstellers stotterte gewaltig. Denn das Wachstum ist zuletzt nur versiegt, vielmehr kämpft der Konzern von Elon Musk heuer mit sinkenden Absatzzahlen. Dies versetzte den hochgesteckten Erwartungen der Investoren einen herben Dämpfer, was die Aktie im Jahresverlauf zeitweise um mehr als ein Drittel einbrechen ließ. Dazu kommt, dass die Mitgliedschaft bei den sogenannten Magnificent Seven, also den wachstumsstarken glorreichen sieben der US-Technologiebranche, infrage gestellt wurde. Inzwischen hat Tesla aber wieder Anschluss gefunden und die Kursverluste ausgebügelt. Wie kam es dazu?

Den Ausschlag für die Trendwende gaben die Ergebnisse des zweiten Quartals. Zwar hat Tesla um fünf Prozent weniger Fahrzeuge ausgeliefert als im Vorjahreszeitraum, allerdings ist das Minus deutlich geringer ausgefallen als von Analysten erwartet. Wegen der allgemeinen Absatzschwäche von E-Autos und der in die Jahre gekommenen Modelpalette Teslas hatten sie mit Schlimmerem gerechnet. Zwar versetzten die Zahlen der Aktie einen kräftigen Schub, verglichen mit dem 21-prozentigen Absatzplus von BYD im zweiten Quartal wirkt das Minus bei Tesla trotzdem enttäuschend.

Für Analyst Dan Ives vom US-Finanzdienstleister Wedbush hat der Elektroautopionier dennoch das Schlimmste hinter sich, die Zahlen zum zweiten Quartal stellen für ihn einen Wendepunkt nach oben dar "mit Blick auf das zweite Halbjahr und 2025". Auslieferungszahlen sind zwar wichtig, ebenso jedoch der Blick nach vorn. "Aber die Wall Street fokussiert sich auf den nächsten Wachstumstreiber von Tesla, während die Nachfrageschwäche vorbei sein dürfte", sagt Analyst Ives. Dabei hat er wohl die am 8. August anstehende Tesla-Präsentation im Auge, bei der Firmenchef Musk ein sogenanntes Robotaxi vorführen wird, also ein selbstfahrendes Auto.

In Europa sind solche Gefährte ohne menschlichen Fahrer zwar noch Zukunftsmusik, in den USA sind sie allerdings bereits in mehreren US-Bundesstaaten wie Arizona sowie in den kalifornischen Großstädten San Francisco und Los Angeles unterwegs – und gelten langfristig als Gamechanger am Automarkt. Derzeit hat Brett Winton vom Vermögensverwalter Ark Invest zufolge allerdings die Google-Tochter Waymo in diesem Bereich die Nase vorn, der Konzern von Musk jedoch die besseren Aussichten. Warum? "Die vertikale Integration seiner Wertschöpfung versetzt Tesla in die Lage, die Daten, die seine etwa sechs Millionen Fahrzeuge auf der Straße erzeugt haben, zu seinen Gunsten zu nutzen", sagt er. Das Potenzial der Robotaxi-Plattformen ist Winton zufolge sehr hoch. "Wir schätzen, dass sie bis zum Ende dieses Jahrzehnts einen Wert von 28 Billionen Dollar erreichen werden."

BYD

Den US-Elektroautoerzeuger Tesla kennt schon länger fast jeder oder jede. Anders bei dem chinesischen Mitbewerber BYD, der wohl erst durch die heurige Fußball-EM in den Blickpunkt gerückt ist – und Volkswagen als Sponsor des Events abgelöst hat. Wo sind sich die beiden E-Auto-Konzerne ähnlich, wo unterscheiden sie sich? Wer das verstehen will, muss zurück in die Vergangenheit. Im Jänner 2003 kaufte das bis dahin auf die Herstellung von Batterien spezialisierte Unternehmen BYD den angeschlagenen staatlichen Automobilhersteller Xian Qinhuan Automobile. Dieser Unternehmenszweig firmiert seitdem als Tochtergesellschaft unter BYD Auto Co. Die Autosparte ist auch jetzt nur ein kleiner Teil in einem großen Mischkonzern. 2003 ist das Jahr, in dem auch Tesla gegründet wurde – von Martin Eberhard und Marc Tarpenning, die 2008 ausschieden. Im Frühjahr 2004 stiegen bei Tesla Risikokapital-Investoren ein, Elon Musk wurde die prägende Figur.

Noch ist offen, inwieweit die europäischen Importzölle den chinesischen Hersteller BYD bremsen. Zuletzt rückte der E-Auto-Bauer Tesla was die Auslieferungszahlen betrifft ziemlich nahe. BYD-Gründer Wang Chuanfu ist, wie zuvor Elon Musk mit Tesla, neuerdings zu einem Star der chinesischen Autobranche aufgestiegen. BYD, die Abkürzung für Build Your Dreams, der Marketingclaim der Chinesen, könnte auch der Leitspruch sein, der Wang Chuanfu angetrieben hat. BYD gab 2010 in Shenzhen ein strahlendes Börsendebüt. Der US-Börsenguru Warren Buffett, bekannt für ein gutes Händchen bei der Aktienauswahl, setzte große Stücke in Wang Chuanfus Fähigkeit, aus einer abgesandelten Hütte ein modernes Unternehmen zu formen.

2013 wurde das neue Modell Qin vorgestellt. Es sollte als Plug-in-Hybrid in die Zukunft weisen. Einer der Vorteile des Herstellers, der auch wiederaufladbare Batterien und andere Teile für Mobiltelefone produziert: BYD stellt alle vier Schlüsselkomponenten eines E-Autos selbst her – Batterie, E-Motor, Steuergerät und Halbleiter – und beherrscht das Autobauen von Anfang bis Ende. Seit Jahren ist die Gruppe auch in der Produktion von Solarfarmen und LED-Leuchttechnik für Straßenbeleuchtungen sowie von batteriebasierten Stromspeichersystemen aktiv, baut Elektrobusse, E-Sattelzüge und Gabelstapler. Wang Chuanfu, heute einer der reichsten Chinesen, hat ein klares Ziel: in China die Elektrorevolution in der Autoindustrie anzuführen.

Schlecht ist er nicht unterwegs, am Heimmarkt ist er Dominator. Der deutsche "Autoprofessor" Ferdinand Dudenhöffer sieht in BYD einen neuen Champion am Autohimmel. Er untermauert dies mit Zahlen – etwa jenen des Wachstums bei den weltweiten Verkäufen in den letzten drei Jahren von 309 Prozent. Zum Vergleich: Tesla brachte es auf 93 Prozent. Im chinesischen E-Auto-Dorado könne BYD sich prachtvoll entwickeln, meint Dudenhöffer. Er glaubt, das Unternehmen werde in rund zehn Jahren den größten Autobauer der Welt, Toyota, ablösen. Mitspielen dürfte bei dem Siegeszug auch, dass BYD in China unter den Kaisern beim Absahnen staatlicher Subventionen ist.