Stollen im Hochsommer zu backen, bei 30 Grad und strahlendem Sonnenschein – für Mara Hohla völlig normal. "Mit Weihnachtsmusik geht's", sagt die junge Frau und lacht, wie so häufig, wenn sie über ihre Arbeit spricht. Mara Hohla ist Food-Fotografin: Sie sorgt dafür, dass man Stollen und Co, all die Rezepte in Magazinen und Kochbüchern, sofort nachkochen will.

Mara Hohla richtet den Tisch zur Inszenierung her.
Foto: Verena Carola Mayer

Der Arbeitsplatz der 32-Jährigen liegt in einem weitläufigen Hinterhof in Wien-Meidling, versteckt hinter einer Oldtimer-Werkstatt. Ein altes Backsteinhaus, hohe Räume, große Fenster. Licht ist wichtig für ihre Arbeit, denn die Fotografin arbeitet ohne künstliche Beleuchtung. Ihre Bilder sollen echt aussehen. "Essen ist emotional. Ich will eine Stimmung erzeugen." Sie spricht von Authentizität, auch wenn sie dieses Wort hasst: So abgenutzt sei es.

Früher, sagt Hohla, wurde beim Fotografieren von Essen viel getrickst. In der Werbefotografie, wo alles auf Hochglanz poliert ist, aber auch in den Fotos, die Rezepte begleiten. Rasierschaum statt Schlagobers, Haarlack für mehr Glanz. "Geht gar nicht", sagt sie vehement. Aus Respekt vor den Lebensmitteln, aber auch, weil das Nachkochen so zwangsläufig in Frust ende.

Schön inszenierter Esstissch.
Foto: Mara Hohla

Unperfekt perfekt

Mittlerweile, meint Hohla, habe sich der Wind gedreht. Gerichte dürfen "unperfekt" und unfertig sein: Halb leer gegessene Teller, Keksbrösel auf der Tischdecke. Dennoch: Inszeniert wird trotzdem. Die nötigen Utensilien bewahrt die Fotografin in ihrem „Styling-Wagerl". Einer dieser rollbaren Wagen, wie man sie vom Friseur kennt, nur dass dieser hier mit grobem Meersalz, Pinzetten und Patafix gefüllt ist. "Praktisch für davonrollende Äpfel", meint Hohla lachend.

Heute will sie Panna cotta "shooten" – sommerlich mit Ribiseln, mazerierten Früchten und ein paar wilden, erbsenkleinen Erdbeeren, die sie während des morgendlichen Laufs durch den Wald gesammelt hat. Zubereitet hat sie die Panna cotta selbst. Im vorderen Teil des Studios hat sie eine große Küche eingerichtet. Es war die Liebe zum Kochen, die Mara Hohla zur Food-Fotografie brachte. Vor zehn Jahren startete sie, damals noch Studentin der Slawistik, einen Food-Blog. "Ich habe es geliebt: Kochen und Geschichten erzählen." Mit der Zeit kamen immer mehr Leute auf sie zu – baten sie um Rezeptideen und Fotos. Das Hobby wurde zum Beruf.

Das Wissen hat sie sich selbst angeeignet. Sie lernte, dass man Gemüse "al dente" garen sollte, damit es auf dem Foto knackig aussieht. Sie fand raus, wo man auch im Winter an Ostereier kommt. Und sie begann, weit im Voraus zu planen. Beim Bärlauch zum Beispiel. "Den gibt's außerhalb der Saison nicht mal im Großmarkt." Nur: Die Strecken mit den frühlingshaften Kräuterrezepten werden im Herbst produziert. Also macht sie schon im Frühjahr ihre "Image-Shots" – Hände voll Bärlauch, Bärlauch im Körbchen –, und die Rezepte werden dann im Herbst mit Spinat gekocht.

Foodfotography
Heutzutage darf der Tisch ein bisserl angepatzt sein.
Foto: Verena Carola Mayer

Die ersten Jahre arbeitete die Fotografin in einem kleinen Raum oberhalb eines Pizza-Imbisses. "Olfaktorisch echt schwierig", sagt sie lachend. Im Frühjahr dieses Jahres zog sie in ihr neues, deutlich größeres Studio. Studio Courage hat sie es genannt. Obwohl sie für namhafte Supermarktketten, Magazine und Vereine arbeitet, sagt sie: "Das Impostor-Syndrom kickt ab und zu durch." Es ist ein Phänomen, das vor allem unter Frauen verbreitet ist: Obwohl qualifiziert und erfolgreich, haben sie Sorge, als "Hochstaplerin" enttarnt zu werden. In Momenten des Zweifels hilft Hohla der Austausch mit Kolleginnen. Und der Blick in ihr gut gefülltes Auftragsbuch.

Penibles Arrangement

Am Beginn eines jeden Auftrags steht die Frage: Wie funktioniert das Gericht? "Suppen muss man von oben zeigen, denn von der Seite passiert nicht viel. Anders beim Burger, da will man die Schichten sehen." Zweite Frage: Welcher Stil? Mara Hohla geht zum Tisch, den sie im hinteren Teil des Studios aufgebaut hat. "Das ist der Vibe, den wir heute shooten", sagt sie und zeigt auf die Fensternische, in der sich Besteck und Geschirr stapeln: Handgetöpferte Teller in zarten Weißtönen, filigranes Porzellan mit Goldrand, gemusterte Glasschalen. "30 Cent. Vom Flohmarkt." Auch das schwere, leicht angelaufene Besteck hat sie beim Trödel erstanden, wie überhaupt den Großteil ihrer zwei Regale umfassenden Sammlung.

Die Fotografin nimmt eines der weißen Törtchen vom Tablett und platziert es in einer flachen Glasschale. Leicht versetzt, daneben ein Klecks Obers. Sie blickt zu ihrem Laptop, der aufgeklappt vor dem Tisch steht. Auf dem Display kann sie live mitverfolgen, welches Bild die Kamera aufzeichnet. Da sie die Hände zum Arrangieren braucht, fotografiert sie mit Stativ und Fernauslöser. Sie stellt die Schale auf einen Porzellanteller. "Es ist immer gut, verschiedene Ebenen zu schaffen. Dann hat das Auge mehr zu schauen." Sie stellt – eine weitere Ebene – eine Wasserkaraffe dazu. Füllt die Gläser, allerdings nur halbvoll. "Dann ist schon was passiert auf dem Tisch."

Das Bild immer im Blick.
Foto: Verena Carola Mayer

Ein erneuter prüfender Blick zum Bildschirm. "Prinzipiell arbeite ich auch gerne mit Leerraum, aber hier in der Ecke fehlt mir noch was." Sie bereitet einen weiteren Teller vor, platziert ihn. "Na, das gefällt mir gar nicht … Hier, magst du?" Sie reicht die Panna cotta über den Tisch und macht sich an einen neuen Versuch: etwas Obers, das Törtchen, die roten Beeren. Das Bild lebe vom Spiel mit unterschiedlichen Texturen, Farbnuancen und Formen, erklärt sie.

Dieser Teller gefällt ihr besser. "Ach, das macht schon Spaß", freut sie sich und zerbröselt ein paar Baisers über die Teller. Dass ein paar Brösel auf dem Tischtuch landen, ist ausdrücklich erwünscht. Ein paar weitere Baisers legt sie auf einen kleinen Teller, den sie zusammen mit einer Schale Erdbeeren an die Seite des Tisches platziert. Fehlt noch Besteck und eine nachlässig hingeschmissene Serviette. "Ja, so gefällt mir das!"

Kochen und Geschichten

Die Bilder selbst sind schnell gemacht. "Mit der Zeit kommt die Souveränität und Sicherheit." Früher habe sie pro Perspektive oft über 50 Bilder gemacht, heute sind es selten mehr als drei. Ein paar ganz nahe – "mitten rein in die Action." Ein paar von weiter weg – "das wirkt dann wie ein Stillleben". Auch mit Nähe und Distanz könne man prima spielen.

Plötzlich kommt ihr noch eine Idee. Sie holt einen Stuhl aus dem Vorraum und platziert ihn hinter dem Tisch. "Das gibt der Szene eine ganz andere Richtung", meint sie begeistert. Ein überraschender Aufbruch vom Kaffeetisch, die Teller halbvoll zurückgelassen. Im Grunde macht Mara Hohla noch immer das, was sie als Food-Bloggerin so liebte: Kochen und Geschichten erzählen – jetzt mit Bildern statt mit Worten.

Was passiert nun mit dem Essen, das die imaginäre Tischgesellschaft zurückgelassen hat? Das meiste verschenkt die Fotografin. "Wenn man den ganzen Tag damit zubringt, hat man abends oft gar nicht mehr so viel Lust darauf." Die Nachbarn im Hof freuen sich darüber. Genauso wie die Journalistin, die die süße Mitgift dankend einpackt. (Verena Carola Mayer, 10.7.2024)