In manchen Passagen kann man beim Lesen regelrecht seine Stimme hören. Wenn man davon ausgeht, dass Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil (SPÖ) nicht jeden Satz seiner Autobiografie Hausverstand – Mein Leben, meine Politik, die am 11. Juli erscheint, selbst geschrieben hat, ist das umso erstaunlicher. Sehr passend ist die Idee, beinahe alle Kapitel einem bestimmten Tag im Leben des Hans Peter Doskozil zu widmen. So heißt das erste Kapitel "Der Tag, als ich geboren wurde", das vierte "Der Tag, als ich meine Ausbildung zum Polizisten antrat", eines der letzten "Der Tag, als ich – für 48 Stunden – SPÖ-Chef war".

Cover des Buches von Hans Peter Doskozil
"Hausverstand – Mein Leben, meine Politik" von Hans Peter Doskozil erscheint am 11. Juli im Verlag Ecowing.
Ecowing

Und damit sind wir auch schon bei dem, was weniger gelungen ist. So gut die Idee mit den Tagen als Aufhänger ist, so schlecht wurde sie umgesetzt. Wer sich erwartet, ein paar besondere Tage an der Seite von Hans Peter Doskozil durch dessen Leben zu reisen, wird enttäuscht sein. Wer bei der Lektüre einen herzhaften Lacher sucht, ist hier ebenso falsch. Die lustigste Passage ist dann schon die, in der er das erste Mal auf seine Frau Julia trifft und der erste Satz, den sie zu ihm sagt, jener ist: "Hier darf auch gelacht werden!" Sollte Doskozil oft lachen – aus seiner Autobiografie geht das nicht hervor.

"Ok, das war's"

Man darf in Hausverstand mit ihm allerdings so weit durchs Leben gehen, dass man erkennt, welch reflektierter Mensch Doskozil ist. Das beginnt in der Kindheit, die keine luxuriöse war, und geht über den ersten Urlaub hin zu dem Punkt, wo er erst SPÖ-Vorsitzender war und dann bald darauf nicht mehr. In der Sekunde, als oder in der er vom Auszählungsfehler erfahren hatte, war ihm klar, schreibt er in seinem Buch: "'Ok, das war's.' Alle Gedanken der letzten 48 Stunden waren dahin: Wie kriege ich das mit dem Mindestlohn hin, wie schaffe ich es, die Verbindung zu Michael Ludwig, zu den Gewerkschaften wiederherzustellen? Es herrschte Fassungslosigkeit. Ich war wohl der Ruhigste. Und ich dachte mir: 'Es wird schon einen Sinn haben, dass es so gekommen ist.'"

Doskozil erinnert sich an den Weg seiner Karriere, vom mittelmäßigen Schüler, der gern Fußball und später auf der Straße Tennis spielte, über seine Dienstjahre bei der Polizei bis hin zu den politischen Ämtern, die er bekleidete und immer noch innehat. So tief Doskozil in seine Gedankenwelt blicken lässt, so wenig Privates teilt er mit den Leserinnen und den Lesern – abgesehen von dem Abschnitt über seine Kehlkopferkrankung. Aber auch diese hat ja vor allem beruflich starke Auswirkungen, wurde ja immer wieder bezweifelt, dass er mit dieser Stimme politisch aktiv sein kann. Das Kapitel, in dem er über seine Beziehung zu seiner Frau Julia spricht, ist nur etwas mehr als drei Seiten lang. Da wird seiner engen Beziehung zu Johanna Mikl-Leitner und der komplizierten zur Mutterpartei weit mehr Platz eingeräumt.

Andreas Babler und Hans Peter Doskozil nach der Bekanntgabe des Wahlergebnisses am Linzer Parteitag.
Andreas Babler applaudierte Hans Peter Doskozil am Parteitag, als es noch den Anschein hatte, dass Doskozil die Wahl um den Parteivorsitz gewonnen hat.
Foto: APA / Helmut Fohringer

"Wenn ich darüber nachdenke, wie es mir mit meiner Partei, der SPÖ, geht, dann mischen sich die Gefühle. Die SPÖ, die meine Eltern gewählt haben, war eine ganz andere. Die SPÖ, der ich als junger Mann beigetreten bin, ebenso", schreibt Doskozil in seinem Buch. Er weiß aber auch: "Alle politischen Parteien mit tiefen historischen Wurzeln haben diese gekappt. Das gilt in Österreich ganz besonders für die ÖVP, die SPÖ sowie die FPÖ. Selbst die Grünen haben ihre ursprünglichen Inhalte und Ziele schon vor Längerem über Bord geworfen, was ihre aktuelle Politik zeigt."

Er versteht die Aufmärsche der SPÖ am 1. Mai nicht, wo sich die Parteigranden auf einer Tribüne bejubeln lassen wollen – was ja gerade damals nicht klappte, als er als Verteidigungsminister neben Werner Faymann stand und dieser ausgepfiffen wurde. "In Wahlkämpfen heften wir uns immer noch auf die Fahnen, die Partei des sogenannten kleinen Mannes zu sein, der Unterprivilegierten, um Wählerstimmen zu sammeln. In Wirklichkeit vertreten wir diese Gruppen gar nicht mehr", bemerkt er und analysiert auch: "In der Rückschau muss ich feststellen, dass es drei große Enttäuschungen zwischen mir und meiner Partei gab: erstens die Dissonanzen in der Asyl- und Flüchtlingspolitik, zweitens die Unstimmigkeiten beim Mindestlohn und eben drittens diese Anbiederung an die Kickl-FPÖ."

Schleppertragödie

Viel Raum bekommt die Tragödie mit den 71 tot aufgefundenen Flüchtlingen in einem Kleinbus in Parndorf – wo er abermals recht genau erklärt, warum er wann wie gehandelt hat. Wie es zu seinem Zerwürfnis mit der Wiener SPÖ und vor allem Michael Ludwig kam. Mindestlohn, Pflege, Gesundheit sind ebenfalls eigene Kapitel gewidmet, wie seiner Klage gegen Eurofighter, der Beschwerde gegen das ORF-Gesetz und selbstverständlich auch dem Neusiedler See und seinem Erhalt. Bei Letzterem kann man auch herauslesen, dass bis zur Landtagswahl im Jänner angedacht ist, noch einiges zu erledigen: "Bis zu einem gewissen Grad ist die Wasserproblematik hausgemacht. Die gesamte Wasserentnahme aus dem Grundwasserkörper ist grundsätzlich in einem Umfang von 21 Millionen Kubikmetern pro Jahr veranschlagt und bewilligt (Stand 2024). Man kann davon ausgehen, dass beträchtliche Mengen darüber hinaus entnommen werden. Das könnte durch Zähler kontrolliert werden."

Sogar seine wirtschaftspolitische Einstellung, die er selbst "Doskonomics" nennt, erläutert er im Detail und anhand diverser Beispiele wie etwa der Rettung der Therme Stegersbach oder von Sanochemia in Neufeld – wo ihm die Opposition regelmäßig vorwirft, das Geld der Steuerzahler beim Fenster hinauszuhauen: "Nein, wir verschulden uns durch die oben beschriebenen Maßnahmen nicht zusätzlich, weil auch hier gilt, dass sich die Beteiligungen selbst tragen und refinanzieren müssen. Daher haben wir aktuell das beste Budget aller Bundesländer und nehmen als einziges Bundesland 2024 kein Darlehen auf. Das ist österreichweit einmalig!"

Noch einmal Migration und Asyl

Am Ende folgt Doskozil nicht dem weisen Rat seines Pressesprechers und lässt einen türkischen Friseur über die Ausländer herziehen, die nichts leisten und alles geschenkt bekommen. Damit leitet er ein, um noch einmal seine Einstellung zu den Themen Migration und Asyl zu erklären. Wie er zum Thema Leistung steht, breitet er schon weitaus früher aus. Dort wird klar, warum er gegen eine Arbeitszeitverkürzung ist – und warum das Private in dieser Autobiografie so wenig Platz einnimmt. Vermutlich nimmt es auch in seinem Leben wenig Platz ein.

Der burgenländische Landeshauptmann Hans Peter Doskozil (SPÖ) will mit dem Buch kein bundespolitisches Comeback einläuten.
APA/HANS KLAUS TECHT

Die Vorarbeiten zu dem Buch begannen vor rund zwei Jahren. Damals war von einem Schritt an die Bundesparteispitze noch nicht die Rede – doch gerade diese Umwürfe haben Doskozil das Buchprojekt Hausverstand für einige Zeit auf Eis legen lassen. Nun hat er dieses Kapitel abgeschlossen und schreibt in seiner Autobiografie: "Nein, dieses Buch ist keine Vorlage für ein bun­despolitisches Comeback. Das hat sich für mich erledigt, aus ganz lebenspragmatischen Gründen. 2023/24 wäre das ideale Zeitfenster für mich gewesen, meine burgenländischen Projekte auch im Bund umzusetzen: den Mindestlohn vorantreiben, die Pflege- und Gesundheitsmisere mit eigenen Ideen angehen, den Dauerbrenner leistbares Wohnen behandeln. Es wollte nicht sein, das muss man akzeptieren."

Ausreden lassen

Doskozil sieht aber auch seine politischen Zwischenrufe nicht als Aktionen eines Heckenschützen, der seine Mutterpartei sturmreif schießen will: "Sobald ich mich öffentlich äußere, wird mir von gewissen Parteikreisen und auch von manchen Medien alles, was ich sage, als Kritik an der Parteispitze ausgelegt. Nur: Wenn ich eine Pressekonferenz oder ein Interview gebe, dann weil ich inhaltlich etwas zu sagen habe und nicht, weil ich irgendwem etwas ausrichten will." Und das ist auch, was in diesem Buch auffällt. Doskozil erklärt, wie er Politik versteht, wie er denkt und handelt – niemals unterbrochen von Fragen eines Journalisten, der auf die nächste überspitzte Aussage drängt. Und dennoch wird Hausverstand nie zu einem Schwafelwerk, bei dem man sich denkt: "Komm bitte endlich auf den Punkt! Drück dich klarer aus!" (Guido Gluschitsch, 10.7.2024)