Dieter Nuhr in seiner Ausstellung "Woanders ist überall".
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Eigentlich ist Dieter Nuhr als Satiriker bekannt – und umstritten. In Wien ist jetzt seine Ausstellung Woanders ist überall zu sehen, denn Nuhr hat einst Kunst studiert und malt. Bis Anfang August ist die Schau im Kunstforum eingemietet, bis 2028 soll sie an zehn Stationen getourt sein.

STANDARD: Finden Sie sich selbst lustig?

Nuhr: Das ist keine Frage, die ich mir jemals gestellt hätte. Jeden Abend kommen tausende Leute zu meinen Auftritten, insofern hat mich der Verlauf meiner Karriere davon überzeugt, dass ich offenbar lustig bin.

STANDARD: Sie stehen gerade in Ihrer Ausstellung. Man kennt Sie als Kabarettisten, weniger bekannt ist, dass Sie auch fotografieren, malen und zeichnen. Finden Sie es schade, dass das weniger Menschen wahrnehmen, als wenn Sie plumpe Witze übers Gendern machen?

Nuhr: Ich glaube nicht, dass ich plumpe Witze mache. Meine Witze haben mit der Realität zu tun, deswegen gefallen sie so vielen Leuten. Wenn es plumpe Witze wären, würde ein anderes Publikum kommen.

STANDARD: In der Presse kritisierten Sie zuletzt, dass Kunst heute oft ideologischen Kriterien unterworfen ist. Ihre Arbeiten hier beschäftigen sich mit Ihrer Heimat, dem Ruhrgebiet. Machen Sie unpolitische Kunst?

Nuhr: In meinen Bildern wird man kaum politische Themen finden. Ich habe das Gefühl, die Möglichkeiten der Kunst waren früher breiter. In dem Moment, wo die Kunst bildnerisch arbeitet, ist sie für das Emotionale zuständig, finde ich, für das Unsagbare, für das Assoziative. Wenn ich die Großausstellungen der letzten Jahre sehe, habe ich das Gefühl, dass Kunst sich heute auf ideologische Positionen wie Postkolonialismus oder Feminismus reduzieren lässt.

STANDARD: Ihr Kabarett hingegen ist sehr politisch.

Nuhr: Genau, wenn ich mit Worten arbeite, kann ich andere Themen verhandeln. Ich finde es sogar sehr gefährlich, wenn man anfängt, mit Bildern politisch zu werden. Dann wird der Diskurs über Emotionen gesteuert. Ein gutes Beispiel ist die Migrationsdebatte in Deutschland, die 2015 mit dem Bild eines angeschwemmten Kindes an der türkischen Küste begann. Das war ein ikonisches Bild, das unfassbar viel Empathie erzeugt hat. Grundsätzlich ist Empathie keine schlechte Sache, aber ich glaube, dass wir die Probleme der Welt trotzdem rational verhandeln müssen. Sonst ist man schnell im populistischen Bereich.

Dieter Nuhr erklärt seine Bilder.
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STANDARD: Darf man über dieses Bild des angespülten Flüchtlingskindes Witze machen? Hat Humor Grenzen für Sie?

Nuhr: Grundsätzlich gibt es juristische Grenzen, die sollte jeder einhalten. Alle anderen sind Geschmacksgrenzen, die jeder für sich selbst ziehen muss. Meine Grenzen sind eng gesteckt, sonst hätte ich nicht so ein riesiges Publikum in der Mitte der Gesellschaft. Meine Geschmacksgrenzen stimmen mit jenen eines großen Teils der Gesellschaft überein.

STANDARD: Wo sind Ihre Grenzen?

Nuhr: Kann ich nicht benennen. Wenn man die richtige Pointe findet, kann man über fast alles Witze machen.

STANDARD: Sie machen gerne Witze über kontroverse Themen wie den Islam, Greta Thunberg oder das Gendern. Haben Sie das Gefühl, dass Sie etwas nicht mehr sagen dürfen?

Nuhr: Nein.

STANDARD: Im Zeit-Magazin wurde eine Diskussion zwischen Ihnen und Michael Mittermeier zitiert. Dort sagt Mittermeier: "Diejenigen, die behaupten, dass man ja gar nichts mehr sagen dürfe, verstehe ich nicht. Man darf alles sagen." Darauf sagen Sie: "So kann man nur reden, wenn man die Konsequenzen noch nie tragen musste." Was war damit dann gemeint?

Nuhr: Die sozialen Konsequenzen. Ich muss Interviews wie dieses hier führen, die sich mit diesen Klischees beschäftigen. Das langweilt mich seit Jahren. Es geht doch um meine Bilder, um meine Ausstellung, in der ich hier gerade stehe.

STANDARD: Im Zeit-Magazin sagen Sie auch: "Es gibt Leute, die werden mundtot gemacht. Das reicht bis zur Vernichtung von Existenzen!" Wen meinen Sie damit?

Nuhr: Das weiß ich nicht mehr, das habe ich vor Jahren gesagt. Aber es wird natürlich anders aufgenommen, wenn man denselben Witz über die Grünen macht oder über Friedrich Merz. In meiner Sendung behandle ich Linke genauso wie Rechte.

STANDARD: Als Gründungsmitglied der Grünen waren Sie selbst einmal so was wie ein Linker.

Nuhr: Ich bin noch immer weit linker als viele, die sich heute als links fühlen. Auf meinen Bildern sind Menschen aus der ganzen Welt. Ich empfinde kulturelle Aneignung als lächerlichen Vorwurf. Alles, was wir tun, ist kulturelle Aneignung. Ich bin Internationalist und in dem, was ich denke, nicht Indigenen verpflichtet, sondern allen Menschen.

STANDARD: Viele Ihrer Witze gehen auf Kosten einer "links-grünen Verbotsgesellschaft".

Nuhr: Ich glaube, Sie gucken meine Sendung nicht, sonst wüssten Sie, dass ich über alle Witze mache. Nicht nur über die links-grün-woke Verbotsgesellschaft. Ich beklage mich nicht die ganze Zeit darüber, dass überall Verbote sind. Wenn ich Dinge mit Humor betrachte, nehme ich Bilder, lasse sie aufeinanderfallen, löse so eine Reaktion aus. Solche Fragen finde ich ehrlicherweise armselig. Sie stellen Fragen, die das reproduzieren, was schon überall steht.

Die Ausstellung soll bis 2028 touren.
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STANDARD: Ich will nur herausfinden, was Sie wirklich denken. Ich weiß nicht, was überall steht. Aber in Ihrer Sendung reproduzieren Sie gewisse Klischees.

Nuhr: Nein, das tue ich nicht. Ich werde von den Menschen extrem freundlich aufgenommen. Ich habe ein extrem großes Publikum. Ich habe eine extrem hohe Einschaltquote. Wenn ich durch Wien gehe, werde ich extrem freundlich behandelt. Ich kriege den ganzen Tag sensationell positives Feedback. Ich schwebe auf dieser Wolke der Zuneigung.

STANDARD: Wann haben Sie sich von dem, was parteipolitisch als links gilt, entfernt?

Nuhr: Früh schon, ich habe bereits in den 1980ern Witze über meine eigene Szene gemacht. Darüber, wie wir selber aussahen und wie die alternativen Kulturinstitute aussahen, in denen wir waren. Das fanden wir selbstironisch und anarchisch. Da haben wir schon gemerkt, dass uns manche nicht einladen, weil wir Witze über die falschen Leute machen. Damals habe ich gelernt, dass Offenheit und Toleranz mehr in der Mitte der Gesellschaft verankert sind als auf den Seiten.

STANDARD: Sowohl politisch als auch ökonomisch wird die Mitte immer kleiner, und die Ränder werden stärker.

Nuhr: Das halte ich für ein mediales Phänomen. Ich glaube nicht, dass die Mitte ausstirbt. Die Menschen, die ich beim Sport treffe, werden nicht weniger. Ich komme gerade aus Indien zurück – wenn ich zu Hause lese, dass die Mitte ausstirbt, würde ich diesen Menschen gerne einmal mitteilen, sie sollen ihren Hintern heben und sich aus der eigenen Blase bewegen. Es gibt auf der Welt nirgendwo so eine starke Mitte wie bei uns.

STANDARD: Kann es sein, dass Sie nicht gut mit negativer Kritik umgehen können?

Nuhr: Ich gehe doch sehr gut damit um. Ich weiß nicht, wie Sie darauf kommen, dass ich nicht damit umgehen kann. Ich rede doch mit Ihnen, sonst hätte ich das Gespräch schon beendet. Offenbar haben Sie ein Problem, beim Interview Widerworte zu hören.

STANDARD: Damit habe ich kein Problem. Für mich ist das interessant.

Nuhr: Für mich nicht. (Jakob Thaller, 10.7.2024)