Die ökonomische Entwicklung weiß durchaus zu beeindrucken. Indien ist mit 1,4 Milliarden Menschen nicht nur das bevölkerungsreichste Land der Erde, seine Wirtschaft wächst seit langer Zeit – mit kurzer Unterbrechung durch die Corona-Pandemie – mit hohen einstelligen Raten. 7,8 Prozent waren es im ersten Quartal 2024 auf ein Jahr hochgerechnet – bei 7,6 Prozent Arbeitslosenquote und einer für ein Schwellenland vergleichsweise moderaten Inflation von 4,75 Prozent. Ein Ende des Booms ist nicht abzusehen – kein Wunder, dass das Land auch Begehrlichkeiten in Österreichs Wirtschaft weckt.

Bundeskanzler Karl Nehammer und der indische Premierminister Narendra Modi am Dienstagabend in einem Innenstadtlokal mit Blick auf den Stephansplatz.
APA/BUNDESKANZLERAMT/ANDY WENZEL

Mehrfach haben österreichische Politiker und Wirtschaftsdelegationen zuletzt bereits den Subkontinent bereist, etwa ÖVP-Wirtschaftsminister Martin Kocher im Februar in Begleitung von 18 heimischen Unternehmensvertretern, von Autozulieferern über die Chemie- bis zur Bauwirtschaft. Nun stattete Premierminister Narendra Modi Wien anlässlich des 75-Jahr-Jubiläums diplomatischer Beziehungen einen Besuch ab. Wege zu einer stärkeren wirtschaftlichen Verflechtung waren zwischen ÖVP-Bundeskanzler Karl Nehammer und dem Inder ebenso Thema wie beim Wirtschaftsforum in der Hofburg mit rund 40 Unternehmen aus beiden Ländern.

Mehr Potenzial

Als "Wachstumsmarkt schlechthin" bezeichnete der Chef der Industriellenvereinigung (IV) und Industrielle Georg Knill Indien. "Wir sind schon dort tätig, aber es gibt noch viel mehr Potenzial mitzunehmen", sagte er im Vorfeld der Veranstaltung. Besonders im Außenhandel mit der fünftgrößten Wirtschaftsmacht gibt es Luft nach oben. Im Vorjahr exportierten Österreichs Firmen gerade einmal Waren und Dienstleistungen im Wert von knapp 1,3 Milliarden Euro dorthin, mit Schwerpunkt auf Maschinen, Kfz-Güter, Leder und Papier. Das reicht nur für Rang 27 unter den Ausfuhrdestinationen. Zum Vergleich: Österreichs jährliches Exportvolumen nach China betrug zuletzt mehr als fünf Milliarden Euro.

Um die Zusammenarbeit beider Länder auf wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Ebene dauerhaft zu vertiefen, wird Modi zufolge ein umfassender Zehnjahresfahrplan für die Kooperation ausgearbeitet. Nehammer nannte Infrastruktur, Stadtentwicklung und erneuerbare Energien als mögliche Bereiche bilateraler Zusammenarbeit. Zudem wurde eine Start-up-Partnerschaft zwischen Indien und Österreich auf Schiene gebracht.

Knill, dessen Firma bereits in Indien tätig ist, betonte, dass eine Vielzahl heimischer Unternehmen bereits in Indien aktiv sei, von wo aus man auch den afrikanischen Markt gut abdecken könne. Die Chancen für heimische Firmen sieht der IV-Präsident besonders im "Greentech-Bereich", wo man ganz vorn dabei sei. Auch in Energie-Infrastruktur- und Digitalbereichen seien Unternehmen aus der Alpenrepublik gefragt. Der Modi-Besuch sei "sehr wertvoll, um unsere österreichischen Technologien noch bekannter zu machen", ergänzte Knill.

"Wichtiger Wachstumsmarkt"

Beim Wirtschaftsforum dabei ist auch der oberösterreichische Technologiekonzern Miba. "Indien ist für uns ein wichtiger Wachstumsmarkt", sagte Vorstandschef F. Peter Mitterbauer auf Anfrage. Man beschäftige dort mittlerweile rund 500 Mitarbeitende und produziere nach einer Local-to-Local-Strategie, da Miba stets direkt in den jeweiligen Regionen mit Werken vertreten sei und dort für die jeweiligen Märkte produziere. "Rund 27 Millionen Euro haben wir bereits in unsere Standorte in Indien investiert", ergänzt Mitterbauer.

Potenzial zur Linderung des Facharbeitermangels sehen viele Unternehmen auch in indischen Arbeitskräften, weshalb Wirtschaftsminister Kocher das Thema im Februar auf der Rechnung hatte. Denn das Land gilt generell als IT- und Softwarehochburg und bildet in diesen Bereichen hochqualifiziertes Personal aus. Allerdings sind derzeit gerade einmal 813 Arbeitskräfte mit indischer Staatsbürgerschaft in Besitz eines Aufenthaltstitels in Österreich über die Rot-Weiß-Rot-Karte. Es gibt also durchaus noch Luft nach oben. (Alexander Hahn, 10.7.2024)