Gestellte Aufnahme eines Mannes, der die Faust gegen eine Frau erhebt, die die Hände schützend vor dem Gesicht hat,
Körperliche Attacken sind in manchen Beziehungen leider Alltag. Im Fall eines jungen Paares soll die Gewalt wechselseitig ausgeübt worden sein.
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Wien – Dass es in einer Partnerschaft statt Liebe und Zuneigung regelmäßig körperliche Gewalt gibt, ist bedauerlicherweise gar nicht so selten. "Fortgesetzte Gewaltausübung", wie das Delikt juristisch heißt, findet sich mehrmals pro Woche auf dem Verhandlungsplan des Landesgerichts für Strafsachen Wien. Der Fall von Frau L., über den Richterin Michaela Röggla entscheiden muss, ist allerdings etwas ungewöhnlich: Wird der heute 19-Jährigen doch vorgeworfen, vor zwei Jahren ihren Freund regelmäßig attackiert zu haben.

Losgetreten hat die unbescholtene Angestellte die Sache selbst. Als die Beziehung im Vorjahr auseinanderging, zeigte sie ihren ein Jahr älteren Freund an, da er ihr regelmäßig Ohrfeigen gegeben haben soll. Als der Mann als Beschuldigter von der Polizei einvernommen wurde, gab er das zu – sagte aber auch aus, dass L. ihn von April bis Dezember 2022 zwei- bis dreimal pro Woche geohrfeigt und ihm blutige Kratzer im Halsbereich zugefügt habe. Auf Anraten des Beamten zeigte er die Ex-Freundin daher ebenso an.

Richterin Röggla hätte beide Verfahren gerne gleich in einem Aufwaschen erledigt, was aber offenbar aus organisatorischen Gründen scheiterte. So verhandelt sie also gegen die zierliche Österreicherin, die ohne Verteidigerin vor Gericht erschienen ist. "Grundsätzlich würde es die Möglichkeit einer Diversion geben, mir schwebt ein außergerichtlicher Tatausgleich vor. Da entschuldigen Sie sich gegenseitig. Wir können aber auch verhandeln, und am Ende steht eine Strafe oder ein Freispruch", klärt Röggla die Angeklagte auf.

Kein Kampf um Freispruch

Interessanterweise ist L. dazu bereit, obwohl sie, wie bereits bei der Polizei, von Notwehr spricht. "Das mit dem Kratzen stimmt, weil ich mich gewehrt habe. Aber geschlagen habe ich ihn nie", sagt sie leise. Dennoch will sie die Verantwortung übernehmen, um die Sache rasch zu erledigen. "Wir sind erwachsen und sollten das so regeln", stimmt sie Röggla zu.

Also wird der 20-Jährige, dessen Verfahren später bei einem anderen Richter stattfinden wird, in den Saal gebeten. "Es ist etwas ungewöhnlich, dass sich Leute bei einer Trennung gegenseitig anzeigen", sagt die Richterin zu ihm, ehe sie auch ihm die Möglichkeit des außergerichtlichen Tatausgleichs erläutert. Der Zeuge, der um einen Kopf größer als die Angeklagte ist, ist ebenso damit einverstanden. Die Richterin fordert das ehemalige Paar zu einem Shakehands auf, das auch stattfindet: "Es tut mir leid", sagt er, "Mir auch", antwortet sie.

Röggla protokolliert die diversionelle Erledigung des Verfahrens und formuliert noch einen Wunsch an die beiden: "Ich hoffe, Sie sind so vernünftig, dass Sie es in dem anderen Verfahren auch so machen. So bleiben Sie beide unbescholten." Bevor die jungen Menschen den Raum verlassen, lässt die Richterin sie am Ende noch an ihrer Lebenserfahrung teilhaben: "Und als Lehre: Man kann sich in einer Beziehung streiten. Aber vielleicht sollten Sie die Handgreiflichkeiten künftig einfach auslassen." (Michael Möseneder, 10.7.2024)