Bundeskanzler Karl Nehammer und Premierminister Narendra Modi im Rahmen der Begrüßung mit militärischen Ehren in Wien.
Heribert Corn

Pünktlich um zehn Uhr stimmte die Garde die Fanfare an. Eine Limousine fuhr vor dem Kanzleramt in Wien vor, aus dem Auto stiegen: Karl Nehammer, der österreichische Bundeskanzler, und Narendra Modi, der Premierminister von Indien. Das Medieninteresse beim Staatsbesuch des Regierungschefs des riesigen Lands in Asien war am Mittwoch groß – auch aus Indien waren über ein Dutzend Journalisten und Journalistinnen angereist und machten ihre Live-Schaltungen nach Delhi.

Modi stand stramm, aber entspannt neben Nehammer, gekleidet in eine weiße Kurta, die ihm der Tradition entsprechend bis über die Knie reichte. Darüber trug er eine dunkelgraue, ärmellose Weste.

Nichts dem Zufall hinterlassen

Modi lässt seine Kleidung dem Vernehmen nach in seinem Heimatbundesstaat Gujarat fertigen – und überlässt dabei nichts dem Zufall. Wenn er in Indien Tempel einweiht, dann gern mit bunter, traditioneller Kopfbedeckung. Vor seinen Anhängern in Indien trägt er oft Orange – die Farbe seiner BJP-Partei. Für Schlagzeilen sorgte sein Outfit 2015, als er Barack Obama in Delhi empfing: Da trug er gar einen Anzug, auf dem sein Name "Narendra Damodardas Modi" als Nadelstreifen eingestickt war.

Beim "Power-Dressing" in Wien setzte er aber auf schlicht. Auf dem roten Teppich lauschte er mit Nehammer erst der indischen, dann der österreichischen Hymne. Also Land der Berge nach Jana Gana Mana: Die indische Hymne ist auch in der Version einer österreichischen Militärkapelle ansprechend.

Während sich die zwei Regierungschefs ins Kanzleramt zu offiziellen Arbeitsgesprächen zurückzogen, wurde der rote Teppich auch schon wieder eingerollt. Rund eine Stunde später gaben sie ihre Pressestatements ab – Fragen waren dabei nicht erlaubt. Die erste Reihe war von Modis Delegationsspitzen besetzt, darunter dem Außenminister Subrahmanyam Jaishankar, dem Nationalen Sicherheitsberater Ajit Doval oder auch dem indischen Botschafter in Wien, Shambhu Kumaran.

"Nicht die Ära des Kriegs"

In beiden Stellungnahmen war Russland großes Thema. Modi war ja am Dienstag direkt aus Moskau angereist. Sein Besuch war eigentlich bereits seit 2020 geplant, Covid machte dann aber einen Strich durch die Rechnung. Auf Hindi und ohne Vorlage betonte er in Wien, dass "jetzt nicht die Ära des Kriegs" sei. Probleme könnten "nicht auf dem Schlachtfeld gelöst werden", sondern "durch Dialog und Diplomatie". Diese Formulierung hatte der indische Regierungschef bereits im September 2022 gegenüber Wladimir Putin gewählt – was damals als bis dato deutlichste Kritik am russischen Angriffskrieg gewertet worden war.

Narendra Modi wurde von Bundespräsident Alexander Van der Bellen in der Hofburg empfangen.
APA/ROLAND SCHLAGER

Verurteilt hat er den russischen Überfall freilich erneut nicht – Indien versucht einen Spagat zwischen dem Westen und Russland. Das Land in Asien braucht beide Pole – etwa um sich gegen China zu behaupten. Dass Modi in Europa abermals seine Worte wiederholte, es sei "nicht die Ära des Kriegs", zeigt, dass es Delhi mit der Gunst des Westens Ernst ist. Österreich ist für Indien da ein passendes Reiseziel in Europa: neutral, und die Beziehungen zu Putin sind hierzulande nicht ganz zerschlagen.

Unstimmigkeiten in Moskau?

Der Kreml dementierte unterdessen, dass es bei dem Treffen mit Putin am Dienstag zu Unstimmigkeiten gekommen sei. Modi hatte da Bezug auf den Angriff auf ein Kinderspital in Kiew genommen und betont, dass der Tod unschuldiger Kinder "schmerzhaft und erschreckend" sei. Eine eigentlich geplante Gesprächssession zwischen der russischen und indischen Delegation war abgesagt worden. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow betonte am Mittwoch: "Das hat absolut nichts mit irgendwelchen Meinungsverschiedenheiten oder problematischen Situationen zu tun." Die Agenda sei eben schon abgearbeitet gewesen.

Nehammer holte in Wien bezüglich der Ukraine weiter aus. Eben weil Modi gerade aus Moskau kam, habe ihn Modis Einschätzung, was Putins Absichten bezüglich des Friedensprozesses betrifft, besonders interessiert. Mit Indien sei man sich einig, dass man einen "umfassenden, gerechten und dauerhaften" Frieden "im Einklang mit der UN-Charta" anstrebe. Im Globalen Süden hätte Indien dabei eine einzigartige Stellung und "große Glaubwürdigkeit".

Indien, erinnert der Kanzler an die Geschichte, habe bereits in den 1950ern eine wichtige Rolle bei Friedensverhandlungen spielen können, etwa bei jenen um den Staatsvertrag für Österreich. Die Verhandlungen mit der Sowjetunion seien 1953 zum Stillstand gekommen. Nach einem Austausch zwischen dem damaligen Außenminister Karl Gruber und dem indischen Regierungschef Jawaharlal Nehru hat sich Letzterer dann in Moskau für Österreich eingesetzt, sagte Nehammer.

Modi drang noch weiter in die Geschichte ein: Schon der Wiener Kongress im 19. Jahrhundert habe "die Richtung für Frieden und Stabilität in Europa" vorgegeben. So gefielen sich beide Regierungschefs offenkundig in ihrer Rolle als kleiner und als großer Brückenbauer.

Auf dem Weg zum Wirtschaftsforum von Österreich und Indien musste Zeit für ein Selfie sein: Karl Nehammer und Narendra Modi auf dem Heldenplatz.
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Am Nachmittag wurde Modi noch von Alexander Van der Bellen in der Hofburg empfangen. Außerdem gab es vor seiner Rückkehr nach Indien am Abend ein Treffen mit indischen und österreichischen Wirtschaftstreibenden. Modi lud seinen österreichischen Amtskollegen zum Gegenbesuch nach Delhi ein: Ob es wirklich Nehammer treffen wird, werden die Wahlen im September zeigen. Für ebendiese übermittelte Modi "im Namen der Mutter der Demokratie" im Übrigen seine besten Wünsche. (Anna Sawerthal, 10.7.2024)