So ist das also: Die Vereinigten Staaten von Amerika sind ein böses Mädchen gewesen, und mit seiner möglichen zweiten Präsidentschaft kommt "Daddy" Donald Trump nach Hause, um dem bösen Mädchen Amerika "ordentlich den Hintern zu versohlen".
Das jedenfalls formulierte kürzlich Tucker Carlson, der ehemalige Moderator des TV-Senders Fox News, auf einer Rally vor der Anhängerschaft des verurteilten Wirtschaftskriminellen und Sexualstraftäters Trump. Dass Carlson, der es zuvor mit erratischen Ausbrüchen, faschistoiden Lügen und Putin-Anbiederung geschafft hatte, seinen diesbezüglich doch eher toleranten Arbeitgeber Fox zu verärgern, und Trump laut eigener Aussage noch 2021 "leidenschaftlich hasste", mit diesen Aussagen einmal mehr sein Fähnchen in den Wind hängt, ist nicht weiter überraschend. Derlei Kehrtwenden moralisch unbeschenkter Leute sind in der US-Politik durchaus üblich. J. D. Vance, der sich an der Seite von Trump um das Amt des Vizepräsidenten bewirbt, nannte seinen heutigen Chef einst einen "Idioten" und verglich ihn mit Adolf Hitler.
Vaterkomplex oder Daddy-Issues
Und auch die Tatsache, dass sich insbesondere konservative Politiker sexistischer Sprache bedienen, ist keinesfalls neu, sondern spätestens seit Donald "Grab them by the pussy" Trump Teil des Programms und Mittel zum Zweck. Aber der Vergleich einer Nation mit einem bösen Mädchen, das aufgrund seines Fehlverhaltens eine Tracht Prügel verdient hat, ist dann doch so ungewöhnlich, dass es sich lohnt genauer hinzuschauen. Also lassen Sie uns heute über sogenannte "Daddy-Issues" reden.
Daddy-Issues haben angeblich junge erwachsene Frauen, die mit emotional distanzierten Vätern oder in vollkommener Abwesenheit von Vätern aufgewachsen sind und deshalb viel Zeit und Energie darauf verwenden, das Wohlgefallen von Männern zu erlangen, die sich ähnlich abwesend, abweisend, kalt oder übergriffig verhalten wie ihre Väter. Früher hießen Daddy-Issues mal Vaterkomplex und waren der Grund, warum sich Sigmund Freud und Carl Gustav Jung zerstritten: Während Freud damit nur Vater-Sohn-Beziehungen beschrieb, nutzte Jung den Vaterkomplex zur Deutung des Verhaltens von Männern und Frauen.
Heutzutage wird der Begriff Daddy-Issues jedoch hauptsächlich dazu verwendet, um in irgendwelchen Foren und Gruppen von selbsternannten Aufreißern und Pick-up-Artists auf die besondere Manipulierbarkeit sexuell attraktiver Frauen zu referieren. Daddy-Issues sind in dieser Welt eine Art erwünschte Beschädigung von Frauen, die dazu führt, dass Mann bei Frauen seine Zeit nicht mit solchen Kinkerlitzchen wie Aufrichtigkeit, Güte, Warmherzigkeit und Loyalität verplempern muss. Stattdessen benimmt er sich lieber wie ein arroganter, desinteressierter Klugscheißer, unter dessen Würde es eigentlich ist, sich mit der jeweiligen Frau abzugeben – und zwar, um genau das zu bekommen, was er will: Sex. Macht. Anerkennung. Gehorsam.
Extra viel Mühe
Vereinfacht formuliert funktioniert dieses Prinzip so: Wenn sich der erste wichtige Mann im Leben einer Frau schlecht benimmt, sie aber aus ihrem kindlichen Bedürfnis heraus auf dessen Liebe und Zuwendung angewiesen ist, dann bleibt sie es auch als erwachsene Frau. Dann wird sie sich bei ähnlich miesen Vertretern des männlichen Geschlechts immer extra viel Mühe geben und einiges bis alles dafür tun, um deren Wohlgefallen zu erringen. Deswegen wird auf Daddy-Issues auch immer wieder popkulturell referenziert. Daddy-Issues müssen eine Sache bleiben, die Frauen haben können, damit sie für die entsprechenden Männer verfügbar bleiben.
Sie sollen sich schämen, als Töchter nicht gut behandelt worden zu ein, und in der Scham verbleiben, damit andere selbsternannte "Daddys" Zugriff auf sie haben. Aber hier wie in vielen anderen Zusammenhängen "muss die Scham die Seite wechseln". Denn es ist beschämend, wie häufig Frauen eingeredet wird, sie seien falsch, unzureichend und beschädigt, nur damit sie sich einreden, sie bräuchten das (sexuelle) Interesse von unterwältigenden Männern, um sich richtig und vollständig zu fühlen. Es ist beschämend, dass die Menge bei dieser Rally auf einen solchen Vergleich ernsthaft mit Rufen wie "Daddy Trump!" und "Daddy's home!" reagiert. Sie feiert damit einen Mann, der über seine Tochter sagt, dass er sie daten würde, wenn sie nicht seine Tochter wäre. Und wenn er nicht "glücklich verheiratet und, na ja, du weißt schon, ihr Vater wäre, dann …"
Zu viele schlechte Väter
Wir sollten mehr über schlechte Väter und die Macht der Männlichkeitsvorstellungen reden, die sie entweder zu schlechten Vätern macht oder ihnen erlaubt, schlechte Väter zu sein ohne als schlechte Menschen zu gelten. Daddy-Issues sind ein Ablenkungsmanöver. Eine Schamverschiebung auf Frauen, die nachvollziehbarerweise Probleme wegen enttäuschenden Vätern haben. Wir sollten zugleich auch über jene Männer reden, die sich aus niederen, berechnenden Motiven wie die schlechten Väter von Frauen geben und sich als solche bezeichnen bzw. bezeichnen lassen. Donald Trump zum Beispiel nennt sich den "Vater der künstlichen Befruchtung", obwohl er nach eigener Aussage gerade erst herausgefunden hat, was künstliche Befruchtung überhaupt bedeutet.
Daddy hier, Vater da. Das sprachliche Anzeigen von Vaterschaft und Daddyhaftigkeit hat in diesen Zusammenhängen nichts mit konkreter väterlicher Verantwortung oder männlicher Wertschätzung von Frauen zu tun – aber alles mit patriarchaler Verfügungsgewalt.
Denn der eigentliche Vaterkomplex sieht doch so aus: Zu viele Männer sind ihren Töchtern schlechte Väter. Und zu viele Männer können sich darauf verlassen, dass die von ihnen begehrten Frauen schlechte Väter hatten. Höchste Zeit also, nicht nur Mädchen, sondern allen Kindern bessere Väter zu sein. Und wo wir schon dabei sind, auch gleich ekligen Typen ins Wort zu fallen, die von der Manipulierbarkeit von Frauen faseln und das als Ausrede zu benutzen, um sie schlecht zu behandeln: Zeit, dass die Scham die Seite wechselt. (Nils Pickert, 5.11.2024)