Das weltbekannte "Eingangstor zur Hölle" von Auschwitz-Birkenau mit den Bahngeleisen.
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Als am 27. Jänner 1945 ein Bataillon der 322. Infanteriedivision der 60. Armee der I. Ukrainischen Front der Roten Armee den riesigen Komplex des Konzentrationslagers Auschwitz bei der gleichnamigen südpolnischen Stadt (polnisch: Oświęcim) erreichte, bot sich dem Kommandeur Anatoly Shapiro folgender Anblick: "Skelette von Menschen kamen uns entgegen. Sie trugen Streifenanzüge, keine Schuhe. Es war eisig kalt. Sie konnten nicht sprechen, nicht einmal die Köpfe wenden."

Es waren noch etwa 7600 Häftlinge am Leben, überwiegend Juden. Wenige Tage zuvor waren es noch rund 67.000 gewesen. Sie wurden aber vor der heranrückenden Sowjetarmee von der SS auf einen Todesmarsch getrieben. Davor, Ende 1944, waren noch rund 714.000 Häftlinge in dem Lagerkomplex am Leben gewesen.

Video: Das KZ Auschwitz ist Symbol für den Massenmord an Juden durch die Nazis
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Auschwitz war ein sogenanntes Vernichtungslager. Der Machtbereich der Nazis hatte sich an seinem Höhepunkt über fast ganz Europa erstreckt und beinhaltete ein Netz von sogenannten Konzentrationslagern, viele davon im besetzten Polen. Auschwitz war aber der Kulminationspunkt der "Endlösung der Judenfrage", mit der Adolf Hitler und seine Helfershelfer alle Juden Europas umbringen wollten. Von den 5,8 Millionen durch die Nazis getöteten europäischen Juden wurde der größte Teil, 960.000, in Auschwitz ermordet. Insgesamt starben in Auschwitz 1,1 Millionen Menschen.

"Ineinandergreifen von Interessen"

Der deutsche Historiker Ernst Piper, der an der Universität Potsdam lehrt, schreibt in seiner neuen Monografie Auschwitz. Die Topografie der Vernichtung, die im Frühjahr bei der Bundeszentrale für politische Bildung erscheinen soll:

"Der Lagerkomplex Auschwitz war aus vielen Gründen einzigartig innerhalb des nationalsozialistischen Lagersystems. (…) Das Ineinandergreifen von deutscher Herrschaftsentfaltung, Umsetzung des rassenideologischen Vernichtungswillens und wirtschaftspolitischen Interessen der deutschen Industrie zeichnete Auschwitz aus, ebenso die unmittelbare Nachbarschaft und Verwobenheit von Stadt und Lager. Das Lagersystem bestand, als es seine größte Ausdehnung erreicht hatte, aus dem Stammlager (Auschwitz I), dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau (Auschwitz II) und dem Arbeitslager Monowitz (Auschwitz III) zur systematischen Ausbeutung von Häftlingen als Zwangsarbeiter durch die IG Farben AG."

Gedränge im Weltkulturerbe

Es gibt eine Unmenge von Literatur über Auschwitz, wissenschaftliche Abhandlungen, Erlebnisberichte von ungeheurer Wucht. Das Lager, eine Stunde Bahnfahrt von Krakau entfernt, ist auch Weltkulturerbe und hat so viele Besucher, dass oft ein individuelles Verweilen vor den Bergen von Haaren, Brillen und Schuhen der Getöteten, die man sehen kann, kaum möglich ist. Österreichische Schulklassen mussten erleben, dass sich Gruppen um den Zugang zu Zeitzeugen stritten.

Wer Auschwitz besucht, sieht im Wesentlichen zwei Komplexe: den alten Teil mit Backsteinbauten einer Kaserne mit der Aufschrift "Arbeit macht frei" über dem Eingangstor, wo die erwähnten Habseligkeiten der Ermordeten ausgestellt sind (aber auch die Erschießungsmauer und Folterpferche, in denen Häftlinge auf winzigem Raum stehen mussten); und das Lager Auschwitz-Birkenau, wo die industrielle Vernichtung durch Gas und die unablässige Verbrennung der Leichen stattfanden. Die Gaskammern und Krematorien wurden von der abziehenden SS großteils gesprengt, übrig blieb als weltweit bekanntes Symbol das Eingangstor mit den Bahngeleisen, wo die Deportationszüge aus ganz Europa ankamen und an der "Rampe" die Menschen "selektiert" wurden: sofortiger Tod oder eine Zeitlang noch als Zwangsarbeiter weiterleben.

Dieses Foto wurde vom SS-Mann Bernhard Walter in Auschwitz aufgenommen: Es zeigt eine alte Frau mit Kindern und einem Säugling im Arm, die "selektiert" wurden und auf dem Weg in die Gaskammer sind, wenige Minuten vor ihrem Tod.
Bundesarchiv

Auschwitz war der Kulminationspunkt von Hitlers absolutem Vernichtungswillen. Er hatte die Idee (in Grundzügen schon 1924), seine Mitarbeiter den Plan, und die Tat wurde von rund 300.000 Menschen im Deutschen Reich durchgeführt. Hitler hatte sie auch angekündigt – in einer Rede vom 30. Jänner 1939: „Wenn es dem internationalen Finanzjudentum (…) gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis (…) die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa (sein)“.

Deutsche Idylle im KZ

Nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 begannen bereits Massenerschießungen von Juden durch "Einsatzgruppen" von Polizei und Waffen-SS (in einer war der spätere FPÖ-Obmann Friedrich Peter Mitglied; er wollte nichts getan und nichts gewusst haben). Hitlers endgültiger Entschluss zur Tötung aller Juden, und zwar durch Gas, dürfte im Winter 1941 gefallen sein, als er erkennen musste, dass sein Eroberungskrieg bereits im Wesentlichen vor den Toren Moskaus gescheitert war. Organisiert wurde das in der "Wannsee-Konferenz" im Jänner 1942 (siehe Der ungeschriebene Befehl. Hitler und der Weg zu "Endlösung" von Peter Longerich).

Das Buch von Ernst Piper ist eine genaue Dokumentation, beleuchtet aber auch schlaglichtartig die ungeheuerlichen Details der Maschinerie. Das Quälen der Häftlinge, aber auch die deutsche Idylle mit züchtiger Hausfrau und Schäferhund, die unmittelbar daneben zelebriert wurde: "Es gab 32 Einfamilienhäuser für die SS-Führer, Schlachthof und Laden, Schule und Kindergarten, Schwimmbad, Bibliothek (…). Den Ehefrauen der SS-Männer fehlte es an nichts in Auschwitz. Ihre Schränke waren gefüllt mit den Kleidern der Ermordeten, ihre Vorratskammern quollen über von Lebensmitteln jeder Art, die man den Ankommenden an der Rampe abgenommen hatte."

Die Frage der Einzigartigkeit

"Die Ermordung der Juden war ein offenes Geheimnis. Die fünf Meter hohen Stichflammen, die aus den Kaminen der Krematorien loderten, konnte man bei gutem Wetter selbst noch in weiter Entfernung sehen, in Oświęcim ohnehin, nicht zu reden von den schwarzen Rauchwolken."

Piper hält außerdem fest: "Im Zentrum des 'Geschehens Auschwitz' steht die Gaskammer. Es ist die heimtückischste Art, Menschen zu ermorden, zugleich die unbegreiflichste. Keiner von denen, die dort hineingeführt wurden, hat es überlebt. Niemand hat es je aus der Nähe beobachtet. Es gibt keine Mörder, nur Desinfektoren, die Büchsen entleeren. Es gibt keine Opfer, am Ende bleibt nur ein wenig Asche."

Historiker Ernst Piper, Autor von "Auschwitz. Die Topografie der Vernichtung".
Reto Klar / Funke Foto Services

Hier sei auch der Ausgangspunkt für die "Auschwitz-Lüge", "die lange Jahre Konjunktur hatte". Bestritten wurde nicht, dass es das KZ gab, als Lager für Zwangsarbeiter der IG Farben, sondern die Vernichtung durch Gas.

Ernst Piper sagt, dass der Erinnerungsort Auschwitz heute vor mehreren Herausforderungen stehe. Zunächst dem Sterben der letzten Zeitzeugen, aber auch dem "Angriff der Postkolonialisten auf unsere Erinnerungskultur". "Die Ineinssetzung von Antisemitismus und Rassismus" vor allem durch linke Anti-Kolonialisten habe "das Ziel, den Holocaust in den Strom der Gewaltgeschichte als ein Ereignis unter vielen einzuordnen".

Im Gespräch mit dem STANDARD geht Piper noch darauf ein: Der Kolonialismus habe darauf gezielt, Menschen auszubeuten, der Holocaust, sie auszurotten. Und: Auschwitz und der Holocaust hätten bisher nicht Gleichartiges gefunden, das bedeute nicht, dass es nicht künftig Gleichartiges geben könne. (Hans Rauscher, 27.1.2025)