Ein Mann sitzt in einem Café, trägt eine Jeansjacke, liest ein aufgeschlagenes Buch und hält ein Glas Eiskaffee mit Strohhalm in der Hand. Auf dem Tisch steht eine grüne Topfpflanze.
Fehlt nur noch die Umhängetasche, und der Look eines Performative Male wäre komplett.
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Auf Social Media werden immer wieder neue gesellschaftliche Trends und Typologien von Menschen diskutiert. Zum Beispiel geistert gerade das Princess-Treatment herum, Frauen, die wie Prinzessinnen von ihren Partnern behandelt werden möchten. Ein neues Phänomen, das in den vergangenen Wochen international für Schlagzeilen sorgte, ist auch jenes des Performative Male. Gemeint ist damit ein Mann, der seine Sensibilität und sein modernes wie aufgeklärtes politisches, gesellschaftliches wie popkulturelles Bewusstsein nicht nur lebt, sondern als sorgfältig kuratiertes Image präsentiert.

Das sieht man an kleinen Accessoires, die zu seinen Erkennungszeichen geworden sind: Matcha-Latte im Becher, eine Tote Bag lässig über die Schulter gehängt, ein Labubu am Gürtel festgemacht, ein feministischer Klassiker oder Werke angesagter Autorinnen (nicht gegendert!) bei der Hand, sodass alle um ihn herum sehen können, was er da liest. Im Vinyl-Regal zu Hause findet man Sängerinnen wie Clairo und Chappell Roan. Was nach harmlosen Lifestyle-Details klingt, wird plötzlich zum Symbol dafür, wie sehr Männlichkeit heute von Codes und Zeichen konstruiert wird.

A comprehensive review of the Performative Male inventory
ash callaghan

Ein besseres Bild von sich

Ein Performative Male bricht mit alten Klischees und inszeniert sich als sensibel. Er ist sanft, nahbar, aber auch aufgeklärt, gar "woke". Er scheint sich um Frauenrechte ebenso zu bemühen wie um das Klima, er zeigt sich als perfekter moderner – und wichtig! – nichttoxischer heterosexueller Mann. Der Performative Male ist an einem bestimmten Look erkennbar. Er trägt weite Hosen, Ringe oder anderen Schmuck, ein übergroßes Flanellhemd oder ein kastig geschnittenes Hemd. Er zeigt sich gern leicht bauchfrei und hat Loafers mit weißen Socken an.

"Performative", also als sich betont darstellend, wird dieser Typus bezeichnet, weil das häufig alles Schall und Rauch ist. Der Performative Male sagt zwar, er lese Jane Austen oder höre Joni Mitchell, wenn man ihn aber nach seinem Lieblingsbuch oder -song fragt, wird er selten eine gewichtige Antwort finden. Kritikerinnen und Kritiker sehen in den Performative Males mehr die Inszenierung als eine echte Haltung. Aktuelle gesellschaftliche Themen, Popkultur, politische Ereignisse interessieren den Performative Male nicht, und er beschäftigt sich auch nicht damit. Feminismus, Empathie, Aufgeklärtheit verkommen zu Accessoires, die auf Social-Media-Posts und Dating-Apps vorgeführt werden, um ein besseres Bild von sich zu zeigen. Warum das alles? Ganz simpel: um bei Frauen besser anzukommen.

Schauspieler Paul Mescal in Shorts
Der Schauspieler Paul Mescal ist ein Vorbild für die progressiven Männer.
BFA / Action Press / picturedesk

Vielen Performative Males ist bewusst, dass Männlichkeit heutzutage ein problembehaftetes Thema ist. Männer und Männlichkeit werden von der Gesellschaft genau beobachtet und häufig kritisiert. Ein richtiges Verhalten ist kaum noch möglich, vieles gilt als "Red Flag" oder toxisch. Da hinein spielt der Akt des Performative Male: Es handelt sich um eine Form der Männlichkeit, die problemlos wirkt, genau das verkörpert, was moderne junge Frauen in einem Partner suchen, jemand "Gutes" in der ewigen Diskussion vom guten versus bösen Mann.

Nur das alleine ist schon wieder ein Problem. Vor dem manipulativen Performative Male wird derzeit gewarnt. Literatur, Drinks und Outfits sind Mittel zum Zweck, um Frauen aufzureißen und ins Bett zu bekommen.

Nicht wie die Manosphere

Derzeit wird das Phänomen auf die Spitze getrieben, die Inszenierung im Netz durch den Kakao gezogen. In einigen US-Städten, London und auch in Berlin wurde mittlerweile zu Performative-Male-Wettbewerben aufgerufen. In der Hand halten Teilnehmer den genannten Matcha, auf ihrem Haupt thront ein Cappy, aus ihrer mit feministischen Zitaten bedruckten Tasche holen sie ein Buch und zitieren daraus. Sie sprechen über ihr Sternzeichen, Aszendenten oder beschreiben ihre Skin-Care-Routine.

Der Guardian beschreibt den Aufstieg des Performative Male als männliches Gegenstück zu den sogenannten Tradwives – Frauen, die sich demonstrativ der traditionellen Rolle als Mutter und Ernährerin verschreiben. Gemeint ist eine übersteigerte Zurschaustellung von Weiblichkeit und Männlichkeit in einer Zeit, in der viele Menschen nach Halt und Identität in einer als chaotisch empfundenen Welt suchen. Besonders im Hinblick auf Männlichkeit knüpft dieses Phänomen an die Dynamiken der Manosphere an, in der Hypermaskulinität propagiert wird, verbunden mit der Überzeugung, feministische Errungenschaften hätten Männer benachteiligt und traditionelle Rollenbilder müssten wiederhergestellt werden.

Der Performative Male will hier einen klaren Gegenpart liefern und ein aufgeklärtes Bild von sich zeigen, auch wenn es hinter der Fassade anders ausschaut: "Ein Fuckboy im Schafspelz", wie die Taz so schön schrieb. Schwierig ist die Inszenierung und deren Entlarvung halt für jene, die wirklich so sind, die gern Matcha trinken, ohne gleich Frauen erobern zu wollen. Die armen Männer immer! (Kevin Recher, 10.9.2025)