Für Martin Schulz ist es gerade sehr hart.

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Immerhin: Es gibt einen deutschen Sozialdemokraten, dem es gut geht und der auf der rosaroten Wolke schwebt. "Ja, es ist Liebe", titelt das People-Magazin "Bunte" diese Woche und zeigt, wie der verliebte deutsche Ex-Kanzler Gerhard Schröder mit seiner neuen Partnerin aus Korea posiert. Man erfährt auch, dass er zu Frau Soyeon Kim schon "Ich liebe dich" auf Koreanisch sagen kann.

In Berlin, auch in der SPD, sorgt das für Kopfschütteln, von "Fremdschämen" ist die Rede und von Ex-Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD), dessen Karriere nach freizügigen Pool-Fotos auf Mallorca endete.

Aber vielleicht sind manche Sozialdemokraten auch nur neidisch, denn sie haben es zurzeit weniger lustig und locker als "der Gerd". Am Sonntag steht in Bonn der SPD-Parteitag auf dem Programm, 45 Vorstandsmitglieder und 600 Delegierte stimmen darüber ab, ob es nach der Sondierung Koalitionsgespräche mit der Union geben soll.

Blamage droht

Sagt der Parteitag Nein, dann ist SPD-Chef Martin Schulz blamiert und kann nur noch zurücktreten, da er seine Basis nicht zu überzeugen vermochte. Und eigentlich müssten auch jene Vorstandsmitglieder den Hut nehmen, die die GroKo wollen. Doch keine Frage: Für Schulz wäre die Lage am bittersten. Es würde eine kurze Karriere an der SPD-Spitze enden, die erst vor zehn Monaten äußerst verheißungsvoll begonnen hatte.

Als Schulz am 19. März 2017 zum SPD-Chef gewählt wurde, bekam er 100 Prozent. Das war eine Sensation. Überall in der Partei war Aufbruchstimmung zu spüren. Mit Schulz, so der Tenor, könnte Kanzlerin Angela Merkel, die ohnehin wegen ihrer Flüchtlingspolitik unter Druck war, zu schlagen sein.

Schulz kam damals sehr gut bei den Leuten an, besser als sein oft launischer Vorgänger Sigmar Gabriel. Zudem gelang es ihm, die Legende zu stricken, dass er ja von außen – nämlich aus Brüssel – komme und mit den ganzen Berliner Beschlüssen gar nichts zu tun habe. Dass er seit 1999 im SPD-Vorstand sitzt: geschenkt.

Fehler nach dem Hype

Doch dann machte Schulz eine Reihe von Fehlern: Er flirtete vor der Saarland-Wahl (26. März) zu offensichtlich mit den Linken, er ließ sich mit inhaltlichen Aussagen Zeit, im Frühjahr schien er überhaupt abgetaucht zu sein. Merkel machte Boden gut, und schließlich war doch die Union klar stärkste Partei bei der Bundestagswahl am 24. September.

Noch am Wahlabend verkündete die SPD den Gang in die Opposition. Doch sie blieb nicht dabei. Nach dem Scheitern der Jamaika-Gespräche wurde der Druck auf die SPD so groß, dass sie sich zu Sondierungen mit der Union bereiterklärte.

Das Problem für Schulz: Namhafte SPD-Politiker stehen hinter ihm. Aber es ist nicht klar, ob er die Basis auch überzeugen kann.

In den vergangenen Tagen reiste er durch Nordrhein-Westfalen, Bayern und Rheinland-Pfalz, um wichtige Landesverbände auf Linie zu bringen. In einem Brief an alle Parteimitglieder warb er noch einmal für die große Koalition.

Die SPD habe in den Sondierungen viel für Eltern, Kinder und Arbeitnehmer erreicht, die Wähler hätten einen Anspruch auf ein besseres Leben. "Einlösen können wir ihn aber nur, wenn wir gemeinsam Verantwortung übernehmen", so Schulz. Im Spiegel warnt er zudem vor Neuwahlen: "Wenn es den Parteien nicht gelingt, mit den Mehrheiten im Bundestag eine Regierung zu bilden, würden sie von den Wählern abgestraft."

Umfragewerte im Keller

Die Umfragewerte für die SPD sind aktuell ohnehin desaströs. Im ZDF-Politbarometer rutschte sie auf den Tiefstwert von 20 Prozent ab – das sind minus drei Punkte im Vergleich zum Vormonat.

Viel wird am Sonntag von Schulz’ Rede abhängen, ob er noch einige Unentschlossene auf seine Seite ziehen kann. Sein innerparteilicher Gegenspieler, Juso-Chef Kevin Kühnert, war in den vergangenen Tagen auch noch sehr aktiv.

Die roten Landesverbände Berlin, Thüringen und Sachsen -Anhalt sprechen sich gegen eine große Koalition aus, Brandenburg, Saarland, Sachsen und Niedersachsen dafür. Unklar ist die Lage in den beiden großen Landesverbänden Bayern und Nordrhein-Westfalen, wo es wie in Schleswig-Holstein keine Empfehlung durch Gremien gibt.

Und selbst für jene Delegierte, deren Landesverband sich klar positioniert hat, gilt: Man muss sich nicht dran halten, jeder einzelne kann am Sonntag stimmen, wie er möchte.

Schafft es Schulz, eine Mehrheit hinter sich zu bringen, dann können die Koalitionsgespräche sehr rasch starten. Vor Ostern soll die neue Regierung stehen. Davor allerdings hat noch einmal die Basis der SPD das Wort. (Birgit Baumann aus Berlin, 19.1.2018)