28 Jahre und 88 Tage hat die Berliner Mauer die Stadt in zwei Hälften geteilt – vom 13. August 1961 bis zum 9. November 1989. Seitdem vergingen bis 5. Februar noch einmal 28 Jahre und 88 Tage. Dann ist die Mauer exakt so lange Geschichte, wie sie stand.

Foto: Reuters/Bensch

Dieses sogenannte Zirkeldatum markiert eine weitere Etappe auf dem Weg der Berliner Mauer von der kollektiven Erfahrung in die Annalen der Geschichte. Eine ganze Generation wurde seit der Wiedervereinigung erwachsen. NS-Diktatur und SED-Herrschaft sind für Schüler inzwischen nur noch nebeneinanderliegende Punkte auf einem Zeitstrahl des vergangenen Jahrhunderts.

Foto: Reuters/Peter

Zugleich stellen Schulklassen das treueste Mauerpublikum. Selbst im nasskalten Jänner wandert eine Klasse aus dem Ruhrgebiet die Informationstafeln an der Gedenkstätte in der Bernauer Straße ab. Die Neuntklässler rätseln: "Wo war hier jetzt die DDR?" Die Teilung der Stadt ist zumindest im Zentrum kaum noch zu erkennen.

Foto: Reuters/Bensch

Rund 45.000 Betonsegmente umschlossen einst den Westteil der Stadt. Jenseits der Mauer konservierte der Grenzwall in der DDR ein Berlin, das nach der Wende rasant der Moderne wich. Ob Einschusslöcher in den Fassaden oder mit Schutt übersäte Brachen weggebombter Häuser – mit der Wiedervereinigung verschwanden die Spuren des Kriegs aus Berlin, dafür kamen die Touristen.

Foto: Reuters/Hanschke

12,7 Millionen Besucher zählte Berlin im Gesamtjahr 2016, eine Vervierfachung gegenüber 1996. Der Mauerfluch von einst entwickelte sich zu einem Segen für Berlins Image in der Welt.

Foto: Reuters/Stringer

"Der Kern unserer Marke ist die Stadt der Freiheit", sagt Burkhard Kieker, Geschäftsführer vom Tourismusverband Visitberlin. Touristen wollten in Berlin Geschichte authentisch erleben.

Foto: Reuters/Stringer

"'Which way to the wall, wo geht es zu Mauer?' – das ist die wohl meistgestellte Frage an unseren Touristeninformationen", sagt Kieker. Auch für die Gäste von Berlin on Bike, einem der größten Anbieter für geführte Fahrradtouren, sei die Mauer ein absolutes Muss, sagt Unternehmenssprecher Sascha Möllering. "Die Mauertour ist neben der allgemeinen Stadtrundfahrt am stärksten nachgefragt."

Foto: Reuters/Stringer

Allein die Gedenkstätte in der Bernauer Straße zählte im vergangenen Jahr 956.000 Gäste. Hinzu kommen das privat geführte Mauermuseum am Checkpoint Charlie und das Museum "The Wall" an der Oberbaumbrücke. Der Erfolg der Museen ist auch dem Umstand geschuldet, dass von rund 155 Kilometern Berliner Mauer keine zwei Kilometer mehr zu sehen sind.

Foto: Reuters/Bensch

Die von Künstlern gestalteten 1,3 Kilometer Mauer an der Eastside Gallery sind sommers überlaufen. Zudem soll ein Absperrgitter Touristen von weiteren Kritzeleien abhalten. Das Mauerstück an der Bernauer Straße ist 220 Meter kurz. Hinzukommen einzelne Mauersegmente wie auf dem Potsdamer Platz, Wachtürme und der Radwanderweg entlang der früheren Mauer.

Foto: Reuters/Bensch

"Wir müssten noch einmal einen halben Kilometer Mauer nachbauen, mit Grenzzaun und allem Drum und Dran, um es anschaulicher zu machen", meint Kieker. Rückblickend könnte der schnelle und umfassende Mauerabriss also vielleicht zu rigoros erfolgt sein. Viele wünsche sich mehr Raum, um Geschichte zu erfahren – und um der 136 Mauertoten sowie des Leids voneinander getrennter Familien zu gedenken. (Sebastian Huld, AFP, APA, 5.2.2018)

Foto: Reuters/Hanschke