Nasim Aghdam fühlte sich von Youtube unterdrückt und zensuriert.

Foto: Youtube/Nasim Aghdam

Bei Schüssen im Youtube-Hauptquartier im kalifornischen San Bruno sind am Dienstag zumindest drei Menschen verletzt worden. Die mutmaßliche Täterin, die 39-jährige Nasim Aghdam, hat sich laut Polizei selbst das Leben genommen.

Derweil wird nach dem Motiv geforscht. Aghdam war selbst auf Youtube aktiv und betrieb Kanäle in drei Sprachen. Auf Englisch, Türkisch und Farsi sprach sie unter anderem über Tierschutz, Sport und vegane Ernährung. Dabei übte sie auch immer wieder Kritik an Youtube selbst.

"Du wirst unterdrückt, wenn du die Wahrheit sagst"

Sie beklagte etwa, dass einige ihrer Videos nachträglich von "engstirnigen Youtube-Angestellten" altersbeschränkt worden seien. Diese hätten auch ihre Videos "gefiltert", um sie weniger sichtbar zu machen. Sie war der Ansicht, dass das Ziel gewesen sei, sie zu demotivieren.

"Es gibt keine freie Meinungsäußerung in der realen Welt, und du wirst unterdrückt, wenn du die Wahrheit sagst, die nicht vom System unterstützt wird", sagt sie in einem von Ars Technica bereitgestellten Video. "Das tun sie mit veganen Aktivisten und vielen anderen Menschen, die für ein gesundes, menschliches und intelligentes Leben eintreten."

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Dieses Foto soll Aghdam bei einer Protestaktion im Jahr 2009 zeigen.
Foto: Imago/ZUMA Press

Vater warnte

In manchen Medienberichten wird Aghdam als Mitglied der Tierrechtsorganisation PETA bezeichnet. Fotografisch belegt ist ihre Teilnahme 2009 an einer offenbar friedlich verlaufenen Demonstration gegen die Haltung von Schweinen für militärische Traumatests. Die Organisation selbst bestätigt laut NBC lediglich, dass sie "vor neun Jahren" bei mehreren Demonstrationen dabei gewesen sei. Aghdam hätte dann ihre Telefonnummer gewechselt und mit PETA nichts mehr zu tun gehabt.

Ihre Familie hatte sie schon vor der Schießerei als vermisst gemeldet, da sie bereits seit "mehreren Tagen" untergetaucht war. Ihr Vater hatte der Polizei laut eigener Aussage später auch mitgeteilt, dass sie zu Youtube unterwegs sein könnte, da sie das Unternehmen "hasse" und "verärgert" über die angebliche Zensur ihrer Videos gewesen sei. Auch Youtube selbst habe er gewarnt.

Richtlinienänderung sorgte für Ärger

Youtube hat 2016 seine Richtlinien überarbeitet, um als Plattform werbefreundlicher zu werden. Infolge dessen wurden zahlreiche Videos gesperrt oder demonetarisiert. Demonetarisierung bedeutet, dass ein Clip zwar weiter abrufbar bleibt, die Möglichkeit, von Youtube Werbung einblenden zu lassen und damit Geld zu verdienen, jedoch wegfällt.

Die Änderungen sorgten für einen Aufschrei bei einigen populären Videomachern. Auch Aghdam dokumentierte sinkende Zugriffszahlen auf ihren Kanälen und beklagte einen Einnahmenentfall.

Screenshot von Aghdams Website.
Screenshot: nasimesabz.com

Auch Beziehungstat kommt infrage

Ob das tatsächlich das Motiv für den Amoklauf am frühen Dienstagnachmittag war, ist allerdings unklar. Die Polizei ermittelt auch in Richtung einer Beziehungstat. Aghdam könnte demnach jemanden bei Youtube gekannt haben, laut mehreren Augenzeugen soll sie eine bestimmte Person im Visier gehabt haben.

Der Vorfall dürfte auch die laufende Debatte über das Waffenrecht in den USA weiter in den Blickpunkt rücken, die sich erst Mitte Februar am Amoklauf an einer Schule in Parkland, Florida neu entzündet hatte. Zuletzt demonstrierten 1,5 Millionen Menschen am 24. März beim "Marsch für unser Leben" für eine strengere Gesetzgebung. (gpi, 4.4.2018)

Update, 17:30 Uhr: Der Text wurde in Bezug auf die angebliche PETA-Mitgliedschaft der mutmaßlichen Schützin ergänzt.