In den zehn Jahren seit Lehman hat sich in weiten Teilen der Gesellschaft die Ansicht durchgesetzt, dass in der Finanzkrise nur die Reichen gerettet wurden. Den Banken wurden milliardenschwere Notpakete nachgeworfen, um Spekulanten und Gläubiger aufzufangen, während die Steuerzahler die Verluste umgehängt bekamen, so der Vorwurf. Und tatsächlich waren Geldgeber der großen Finanzinstitute lange Zeit tabu: Ihre Forderungen wurden beglichen, ganz gleich, wie viel Steuergeld dafür verwendet wurde.

Ein Blick zurück auf die entscheidenden Wendepunkte zu Beginn der Finanzkrise 2008 zeigt, dass sich diese Geschichte für die handelnden Akteure etwas anders darstellte. Chaotisch und improvisiert liefen die Rettungsaktionen in der Finanzwelt an. Oft hatte niemand den Überblick – und gerettet wurden eben nicht "nur" die Reichen.

Der Epilog zu Lehman beginnt am 11. März 2008 mit der Investmentbank Bear Stearns. Das Haus zählt nicht zu den größten an der Wall Street, gerät aber an diesem Dienstag in die Schlagzeilen.

Ein Investmenthaus etabliert sich

Bear Stearns hatte sich nach der Jahrtausendwende als Player am Markt mit Hypothekarkrediten etabliert. Bear kaufte Geschäftsbanken in den USA Kredite ab, die lokale Banken an Häuslbauer vergeben hatten. Bear nahm diese Kredite und baute daraus komplexe Wertpapiere, die Investoren erwerben konnten. Bei jeder Transaktion schnitt man mit.

Das Problem war die kurzfristige Finanzierung: Die Investmentbank war ständig auf Kredite von anderen Banken und Hedgefonds angewiesen, um seine Geschäfte abzuwickeln. Dabei borgte sich Bear für ein paar Stunden oder maximal einen Tag Finanzmittel. 100 Milliarden US-Dollar an kurzfristigen Verbindlichkeiten hatte die Bank Anfang März in ihrer Bilanz stehen. Möglich war das dank der laxen Regulierung. In den Vorschriften gab es nichts, was gegen diese Form der Finanzierung sprach.

Die Häuserpreise in den USA waren im Frühjahr 2008 bereits im Fall, Bear Stearns hatte erste Verluste gemacht, und plötzlich wurden andere Kreditgeber misstrauisch. Sie verweigerten der Bank neue Kredite.

Binnen weniger Tage ging Bear das Geld aus. Die US-Notenbank Fed sprang ein und vergab zunächst einen Notkredit. Nach hektischen Verhandlungen, in die Finanzminister Henry Paulson, Notenbankchef Ben Bernanke und der Chef des New Yorker Ablegers der Nationalbank, Timothy Geithner, involviert waren, stand die erste Bankenrettung in den USA.

Das Geldhaus JPMorgan erwarb Bear Stearns. Die Gläubiger und Investoren von Bear verloren keinen Cent. Dafür übernahm die US-Notenbank Fed eine Garantie über 29 Milliarden Dollar für problematische Vermögenswerte bei Bear.

Die erste Rettung

Warum ist die Fed eingeschritten? Bear war von der Größe her keine systemrelevante Bank, wie Bernanke und Geithner später zu Protokoll gaben. Doch für die Aufseher war das Institut zu vernetzt, um es pleitegehen zu lassen. Der Markt für kurzfristige Finanzierung, wie Bear sie nutzte, war in den USA in wenigen Jahren auf ein Volumen von 2700 Milliarden Dollar angewachsen.

Unmittelbar nach der Rettung von Bear Stearns gab es Proteste dagegen, dass mit öffentlichen Mitteln eine Bank aufgefangen wurde.
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Viele Geschäftsbanken waren davon abhängig, an die kurzfristigen Kredite zu kommen. Die Fed fürchtete, dass eine Bear-Pleite den Markt für diese Form der Finanzierungen kollabieren lassen würde. Keine Bank käme an Geld.

Und Bear Stearns gab als Sicherheit für Kredite die erwähnten schwindeligen Wertpapiere her, die auf den Hypothekenkrediten beruhten. Wenn Bear pleitegehen sollte, hätten die Kreditgeber der Bank diese Sicherheiten, ihre Wertpapiere, sofort auf den Markt geschmissen, um sie zu verkaufen.

Die Folge wäre ein Wertverfall der Hypothekenpapiere gewesen. Mehr Banken, die auf das gleiche Modell setzten, hätten Probleme bekommen. Die richtige Bewertung der Bankbilanzen entwickelte sich angesichts der vielen dubiosen Finanzpapiere überhaupt als zentrale Herausforderung für die Akteure. Im Februar war eine Bear-Stearns-Aktie 93 Dollar wert gewesen. JPMorgan bot den Bear-Aktionären dann im März zwei Dollar für die Übernahme der Bank und zahlte schließlich zehn. Was war eine Bank wert? Keiner wusste es im Frühjahr 2008.

Dieser Punkt sollte bald bei Lehman eine entscheidende Rolle spielen. Die Notenbank Fed steckte für die Rettung von Bear heftige Kritik ein, die Republikaner sprachen von "Sozialismus". Schon bald kamen Gerüchte über Probleme bei der Investmentbank Lehman auf.

Mitarbeiter von Lehman Brothers werden im September 2008 über die Zukunft der Investmentbank informiert.
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Lehman war nicht nur größer, mit einer Bilanz von 700 Milliarden US-Dollar. Die Bank war stärker von kurzfristigen Krediten abhängig. Mitte September saß Lehman auf dem Trockenen, konnte sich nicht refinanzieren.

Die Fed und das US-Finanzministerium schickten ihre Prüfer. Die entscheidende Frage war, wie Bernanke und Co später vor dem Kongress sagen sollten, ob auch Lehman einen Notkredit der Notenbank bekommen sollte. Möglich war es: Die Bank durfte dafür nicht überschuldet sein, das Vermögen musste höher bewertet werden als die Verbindlichkeiten.

Der Wert von Lehman

Noch Anfang September hatte Lehman in einem Bilanzbericht fast 30 Milliarden US-Dollar an Eigenmitteln ausgewiesen.

Doch diese Rechnung beruhte auf einer riskanten Annahme: Lehman Brothers hatte vor allem in kommerzielle Kredite investiert und bewertete diese Papiere mit 90 Milliarden Dollar. Wenn diese Papiere aber in Wahrheit nur zwei Drittel dieses Wertes haben sollten, wäre das Eigenkapital von Lehman weg. Bis heute besteht keine Einigkeit darüber, ob die Bank Mitte September 2008 genug Vermögen hatte.

Der frühere Lehman-Chef Richard Fuld ist bis heute überzeugt, dass Lehman nicht überschuldet war. Das spätere Konkursverfahren aus dem Jahr 2010 zeigt, dass Lehman seine Bilanzpositionen korrekt bewertet hatte.

Doch für Notenbankchef Bernanke war klar, dass Lehman nicht zu retten sei. Der Chef von JPMorgan, Jamie Dimon, sagte nach dem Herbst 2008 zu dieser Frage: "Ob Lehman überschuldet war, kann ich bis heute nicht sagen."

Ben Bernanke, Chef der US-Notenbank Fed, im Herbst 2008.
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Tatsache ist, dass die Fed und das Finanzministerium eine Verkaufsoption suchten. Die Bank of America, eine koreanische Bank und Barclays sprangen ab. Lehman galt als zu riskant. Weder das US-Finanzministerium noch die Fed waren diesmal bereit, Haftungen und Garantien zu geben.

Alan Blinder, Ökonom und Ex-Vize-Chef der Fed, argumentiert in seinem Buch über die Finanzkrise, "After the Music Stopped", dass in der komplexen Situation nicht harte Fakten den Ausschlag gaben. Weder Finanzminister Paulson noch Notenbankchef Bernanke wollten als ewige Bankenretter in die Geschichtsbücher eingehen. Deshalb sagten Sie Nein zur Rettung von Lehman.

Beide meinten später, dass sie sich erwartet hatten, dass nach Bear Stearns Banken bessere Vorkehrungen für Verluste getroffen haben. Ob eine Rettung von Lehman etwas geändert hätte? Wohl kaum. Die Verluste im Finanzsystem waren zu dieser Zeit bereits entstanden. Die Hypotheken-Papiere und viele auf sie aufbauende Finanzprodukte galten plötzlich als wertlos.

Der Fokus lag zunächst nicht bei Lehman

Hinzu kam bei der Lehman-Entscheidung, dass die Aufseher Lehman Mitte September nur begrenzt Aufmerksamkeit schenken konnten. Rund um das Lehman-Wochenende am 14 September stellte sich nämlich heraus, dass der größte Kreditversicherer der Welt, AIG, am Ende war. AIG war größer als Lehman, mit einer Bilanzsumme von 1,2 Billionen Dollar.

Das Unternehmen agierte als Versicherer und war daneben der Prototyp des unregulierten Finanzkapitals: AIG hatte massenhaft Wertpapiere besichert, mit den berüchtigten Credit Default Swaps (CDS). CDS sind selbst ein komplexes Finanzprodukt, ein Derivat. So wie alle Derivate waren sie 2008 nicht reguliert. Niemand wusste, wer genau Verträge mit AIG hatte.

Der vergessene Gigant AIG.
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Als Mitte September der Versicherer nicht mehr an Geld kam, musste die Fed entscheiden, ob sie die Ein-Billionen-Dollar-Pleite bei AIG zulassen soll. Untergegangen wäre mit AIG auch das normale Versicherungsgeschäft des Unternehmens, zehntausende Kunden hatten ganz klassische Versicherungen bei AIG geschlossen. Die Fed entschied sich dagegen AIG fallen zu lassen: Am 16. September, einen Tag nachdem Lehman Insolvenz anmeldete, vergab die Fed einen Notkredit über 85 Milliarden Dollar an AIG. Der Versicherer wurde später notverstaatlicht.

Zu diesem Zeitpunkt war die Welt schon auf die Folgen von Lehman konzentriert. All das, was bei Bear Stearns vermieden wurde, trat nun ein: Die Geldmärkte trockneten aus, binnen weniger Tage vergab keine Bank einer anderen Kredite. Washington Mutual und Wachovia, zwei klassische Banken, die Vermögen und Spareinlagen verwalteten, kollabierten in den USA. Nun ging es um die Sicherheit der Sparer. Nicht Investmentbanken, sondern die Hausbank an der Ecke strauchelte nun.

Angesichts der Kettenreaktion wurde in den USA Anfang Oktober ein Notfallprogramm ins Leben gerufen. 250 Milliarden Dollar wurden für die Notrettung der Banken vom Kongress bereitgestellt. Die Hälfte des US-Finanzsystems wurden in den folgenden Tagen und Wochen verstaatlicht.

Das war eben eine Lehre aus Lehman: Um den Kollaps aufzuhalten, bedurfte es einer umfangreichen staatlichen Intervention. Die nächste Krisenphase hatte begonnen. (András Szigetvari, 15.9.2018)