Der Straßburger Weihnachtsmarkt öffnete am Freitag wieder. Er stand unter strenger Bewachung.

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Der Attentäter von Straßburg konnte dank eines telefonischen Hinweises einer Anwohnerin gestellt werden – das bestätigte am Freitag Staatsanwalt Rémy Heitz. Eine Spezialeinheit der Elitetruppe Raid konnte ihn zuerst nicht finden, danach hielt ihn aber eine Polizeipatrouille im Stadtviertel Neudorf an. Chérif C. habe daraufhin eine Pistole auf sie gerichtet und geschossen, aber nur den Polizeiwagen getroffen. Zwei der drei Polizisten hätten das Feuer erwidert und den Attentäter, der vier Menschenleben und ein Dutzend Verletzte auf dem Gewissen hatte, erschossen.

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Die Arbeit der französischen Polizei ist damit aber nicht zu Ende, wie Heitz betonte: Die Suche nach Komplizen gehe weiter, es seien bereits sieben Verhaftete aus der Familie und Bekanntschaft des Attentäters verhört worden. Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) reklamierte den Anschlag für sich. Innenminister Christophe Castaner dankte den Polizeikräften, als er der Wiedereröffnung des Straßburger Weihnachtsmarktes beiwohnte. 700 Polizisten hatten im Rest Frankreichs an der Fahndung teilgenommen, 1900 Mann waren und sind im Elsass mobilisiert.

Macron besuchte Straßburg

Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron traf indes am Freitagabend in der elsässischen Metropole ein. TV-Bilder zeigten den 40-Jährigen auf dem Place Kleber im Herzen der Stadt. Macron legte unter dem Denkmal für den elsässischen General Jean-Baptiste Kleber eine weiße Rose nieder. Macron dankte anschließend den auf dem Platz versammelten Sicherheitskräften.

Die Antiterrorwarnung bleibt vorerst auf einer hohen Stufe. Castaner warnte vor Nachahmern. Auch wenn es niemand offen sagt, befürchten die Behörden, dass sich psychisch labile und radikalisierte Gewalttäter wie C. auch durch die ohnehin angespannte Lage im Land durch die teils gewaltsamen Proteste der "Gelbwesten" anstecken lassen könnten.

Macron legte eine weiße Rose nieder.
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Solche sozialpolitischen Fieberschübe kennt das Land seit der großen Revolution von 1789. Sie gefährden zwar nicht die Republik selbst, gehören sie doch fast zu ihren Ausdrucksarten; aber sie versetzen die Bürger in einen Zustand kollektiver Erhitzung, die nach Ventilen sucht – und die durchaus auch Selfmade-Jihadisten wie C. auf den Plan rufen können.

Die Gelbwesten haben mit ihnen natürlich nichts zu tun. Dennoch ruft die Regierung die Protestierenden seit dem Straßburger Attentat zu "vernünftigem" Handeln auf. Die Mehrheit der Gilets jaunes (so ihr französischer Name) hält aber an weiteren Protestaktionen an diesem Samstag fest. Der Aktivist Éric Drouet wirft der Regierung vor, das Straßburger Attentat für ihre Zwecke zu "instrumentalisieren". Theorien, die Behörden selbst hätten das Ende des Attentäters inszeniert, blühen in den sozialen Medien.

Zahlreiche Spekulationen

Solche Mutmaßungen zeugen nicht von der Intelligenz ihrer Autoren, die gleichzeitig das Offensichtliche übersehen: Die Regierung verfolgt durchaus eine Taktik – allerdings nicht mit Fake-News, sondern mit dem Versuch, die Gelbwesten zu spalten; wie dies schon früher mit den Gegnern der Arbeitsmarkt- und der Eisenbahnreform probiert wurde. Darauf zielten am Montag die finanziellen Konzessionen von Präsident Emmanuel Macron ab, und das bezwecken auch die Regierungsappelle, an diesem Samstag nach dem Attentat in Straßburg Ruhe zu wahren.

Gemäßigte Gilets jaunes sind durchaus bereit dazu. Die Pionierin Jacline Mouraud ist für eine "Pause", und ihr Mitstreiter Benjamin Cauchy meint: "Wir wollten immer vermeiden, dass sich uns Schläger anschließen. Das gilt mehr denn je. Lassen wir die Ordnungskräfte ihre Arbeit machen."

Die Polizei ist gemäß ihrem Berufsvertreter Frédéric Lagache "erschöpft, gehetzt und überarbeitet". Seit Tagen muss sie sich auch mit der Protestbewegung der Mittelschüler herumschlagen, die gegen eine Maturareform antreten und sich ausdrücklich mit den Gelbwesten solidarisieren.

Ganz ähnlich die beiden radikaleren Gewerkschaften CGT und SUD: Sie sind am Freitag für ähnliche Salärforderungen wie die Gilets jaunes selbst auf die Straße gegangen, um sich von den Ereignissen nicht überrollen zu lassen.

Die Polizei markierte auch dabei Präsenz. Für den Protestsamstag musste die Gendarmerie wieder tausende Reservisten aufbieten. Ob Frankreich danach wieder zur Ruhe kommt, vermöchte vorerst niemand zu sagen. (Stefan Brändle aus Paris, 14.12.2018)