Sind Wiener wirklich im Schnitt fauler als die übrigen Österreicher? Nachdem der Schlagabtausch zwischen Kanzler Sebastian Kurz und der Wiener SPÖ zumindest in den sozialen Medien munter weitergeht, hat sich DER STANDARD auf die Suche nach Zahlen und Fakten zum Thema gemacht.

Das Marktforschungsinstitut Marketagent hat soeben eine Auswertung zum Thema "24 Stunden" in Österreich fertiggestellt. Dabei wurden 3000 Menschen für eine repräsentative Erhebung online befragt. Ergebnis nach Bundesländern: Die Wiener zählen in der Tat nicht zu den Ganz-früh-Aufstehern, liegen aber nicht weit hinter anderen Ländern zurück.

Im Mittel stehen die Wiener demnach unter der Woche um 6.45 Uhr auf. Etwas früher, um 6.30 Uhr, geht es in den westlichen Bundesländern Tirol und Vorarlberg sowie in der Steiermark los. Über die gesamte Woche verteilt, also inklusive Wochenende, stehen die Wiener um 7.00 Uhr auf, was auch etwa den Werten aus dem Burgenland, Oberösterreich und Salzburg entspricht. Die ganz westlichen Bundesländer sind im Wochenschnitt ebenfalls früher dran.

Aufbruch in die Arbeit

Sicher ist, dass die Wiener am spätesten das Haus verlassen, im Schnitt um 8.37 Uhr. In den anderen Bundesländern ist es in der Regel um 8.00 Uhr so weit, im Burgenland erst um 8.10 Uhr. Wobei hier die öffentliche Verkehrsanbindung und die längeren Pendeldistanzen am Land eine Rolle spielen dürften.

In Wien gaben mit 14 Prozent der Befragten auch die meisten an, ihre Wohnung in den vergangenen 24 Stunden gar nicht verlassen zu haben. In Vorarlberg waren es nur sechs Prozent. Kurz hatte seine Anspielung im Hinblick auf die hohe Zahl der Mindestsicherungsbezieher gemacht, die nicht arbeiten gehen.

Gefragt nach dem Aufstehverhalten hat DER STANDARD auch seine User. 19.600 sind dem Aufruf online gefolgt. Bei dieser nicht repräsentativen Erhebung fallen die Antworten etwas anders aus. Demnach stehen die Wiener doch etwas später auf als die übrigen Österreicher. In den Bundesländern ohne Wien stehen an Werktagen Menschen im Mittel um etwa 6.41 Uhr auf, die Wiener erst um 7.13 Uhr. In dieser Befragung sind es nicht Vorarlberger und Tiroler, die am frühesten in den Tag starten, sondern die Niederösterreicher und Burgenländer.

Wer schläft am längsten in Österreich? Laut Statistik Austria sind es Pensionisten und Studierende
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Aktuelle wissenschaftliche Veröffentlichungen zu dem Thema gibt es in Österreich übrigens nicht. Die jüngste Untersuchung der Statistik Austria zur Zeitverwendung der Menschen stammt aus dem Jahr 2009. Die damalige Erhebung ist aber wegen ihrer großen Stichprobe von mehr als 8000 Befragten und der detaillierten Untersuchungsmethode – die Menschen haben 24 Stunden ein Tagebuch über alle Aktivitäten geführt – dennoch interessant.

Demnach ist Österreich ein Land der Frühaufsteher. Um 6.45 Uhr sind schon 52 Prozent der Frauen und genau 50 Prozent der Männer bereits aufgestanden (Montag bis Sonntag). Um neun Uhr morgens schlafen nur 6,4 Prozent der Frauen und 10,3 Prozent der Männer.

Pensionisten schlafen lange

Interessant ist, dass es laut dieser Erhebung wenig Unterschied macht, ob jemand erwerbstätig oder arbeitslos ist. Erwerbstätige Frauen zum Beispiel schlafen demnach im Schnitt 8:02 Stunden pro Nacht in der Woche, bei arbeitslosen Frauen sind es 20 Minuten mehr. Bei Männern ist der Unterschied etwas größer, hier beträgt die Differenz 30 Minuten.

Am längsten schlafen demnach Pensionisten, gefolgt von Studierenden und Schülern. Unterschiede gibt es auch im Stadt-Land-Vergleich: Frauen schlafen in städtischen Gebieten kürzer als Frauen am Land. Bei Männern gibt es kein solches Stadt-Land-Gefälle.

Nach Berufsgruppen ausgewertet gibt es keine Daten. Die Arbeitsmarktforscherin Gudrun Biffl sagt, dass sich einfache Kategorisierungen nicht vornehmen lassen: So gibt es sowohl in der Industrie als auch im Dienstleistungssektor Berufe, in denen früh begonnen wird. Am meisten Zeit in der Arbeit verbringen Selbstständige und Höherqualifizierte.

Für ein Politikum hält Biffl das Thema Aufstehen in Verbindung mit dem ländlichen Raum, und zwar dort, wo lange Pendlerwege oder eine absterbende Infrastruktur (Schulen, Kindergärten) Männer und Frauen dazu zwingen, noch früher aufzustehen, um rechtzeitig anzukommen. (András Szigetvari, Sebastian Kienzl, 15.1.2019)