Der alte und der neue Chef wollen nicht mehr streiten.

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An seinen Nachfolger Söder hat Seehofer nur einen "einzigen Wunsch", nämlich: "Verachtet mir die kleinen Leute nicht!"

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Söder will "mit Herz, Leidenschaft und Verstand für diese Partei arbeiten."

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"Servus, Servus, Grüß Dich, Hallo, Servus." Bayerns Ministerpräsident Markus Söder kommt gar nicht aus dem Grüßen heraus, als er die kleine Olympiahalle in München betritt. Seiner Begleitung ergeht es ebenso, auch CSU-Chef Horst Seehofer nickt und winkt auf alle Seiten zu den Delegierten. Gemeinsam bahnen sie sich den Weg zur Bühne, und das soll natürlich schon mal ein Zeichen für die neue Harmonie sein: Der alte und der neue Chef wollen nicht mehr streiten, der Stabwechsel am Samstag an diesem 84. Parteitag der CSU soll das Ende der Disharmonien bringen.

Zunächst verabschiedet sich Seehofer, und wird noch einmal emotional. Er hat sogar nachgezählt: 3.739 war er Parteivorsitzender, also mehr als zehn Jahre lang. "Es war ein großes Geschenk, es war die Realisierung eines Lebenstraums", sagt Seehofer sichtlich bewegt. Die CSU sei eine "bärenstarke Volkspartei", sie regiere in Berlin und in München, "das Ergebnis ist, dass die Bundesrepublik sehr gut dasteht, der Freistaat Bayern noch ein bisschen besser." Doch Seehofer räumt ein, dass es heute nicht mehr möglich sei, Wahlergebnisse von "50 plus x" einzufahren. 2008 seien die Freien Wähler in den Landtag eingezogen, 2013 die AfD – wegen "bestimmten Rahmenbedingungen, die nicht primär in München gesetzt wurden". Es ist ein Seitenhieb auf Kanzlerin Angela Merkel und ihre Asylpolitik.

Missfälligkeiten

Bei seiner Rückschau erwähnt er auch "einige Missfälligkeiten", sie sich seit der Bundestagswahl im Herbst 2018 ereignet hätten. Näher darauf geht er nicht ein. Er sagt nur: "Ich bin froh, dass ich vieles hingenommen, geschluckt und nie darüber geredet habe". Und er habe es "in Zukunft auch nicht vor". An seinen Nachfolger Söder hat er nur einen "einzigen Wunsch", nämlich: "Verachtet mir die kleinen Leute nicht!" All jene, die Kinder großziehen, in Ausbildung stehen, sich ehrenamtlich engagieren. Das seien "die Menschen, denen wir verdanken, dass wir im besten Rechtstaat und in der sichersten Demokratie leben". Wenn er nun das Amt weitergebe, so sei eines sicher: "Es bleibt bei mir ein glühendes Herz für meine politische Familie CSU."

Und dann erlaubt er sich doch noch eine kleine Spitze gegen Ministerpräsdent Söder, der nun in die Doppelrolle schlüpft: "Am schwierigsten dürfte sein, dass du dich jetzt nur noch mit dir selbst koordinieren musst." Zum Abschied bekommt Seehofer noch ein sehr spezielles Geschenk. Er ist ja bekanntermaßen ein großer Freund von Modelleisenbahnen, und die CSU-Spitze hat ihm tatsächlich ein Modell der CSU-Zentrale in München anfertigen lassen, das kann er jetzt im Hobbykeller in Ingolstadt aufstellen. Zum Schluss gibt es freundlichen Applaus, frenetisch ist dieser jedoch nicht. Man ist dankbar, aber irgendwie auch froh, dass die Ära Seehofer nun vorbei ist.

Zäsur

"Heute ist schon eine Zäsur", sagt Söder, der danach seine Bewerbungsrede hält und Seehofer gleich mal zum Ehrenvorsitzenden der CSU vorschlägt – neben Edmund Stoiber und Theo Waigel. Er gibt zu, dass er aufgeregter ist als sonst. Die Menschen würden wenn sie an Bayern denken an Berge, Seen, den FC Bayern München, aber auch "immer an die CSU". Daher: "Die CSU war, ist und muss immer die entscheidende Partei in Bayern bleiben." Seinen Anspruch an den Parteivorsitz beschreibt er so: "Das Wohl des Landes, das Wohl der Menschen und das Wohl der CSU zu mehren".

Er sei "entschlossen, die Lehren aus 2018 zu ziehen und die CSU neu aufzustellen" und er wolle "mit Herz, Leidenschaft und Verstand für diese Partei arbeiten", sie aber nicht zur "Bayernpartei" machen. Denn so Söder, es gelte kein "Bayern first" oder "Bayern only", man wolle Verantwortung auch in Deutschland und Europa tragen. Er will jetzt für besseren Stil zwischen der CSU und der großen Schwester CDU sorgen. "Wir müssen ein neues Kapitel der Zusammenarbeit aufschlagen", sagt Söder, "die Union sollte wieder miteinander statt gegeneinander arbeiten".

Jahr der Ergebnisse

Auch in der großen Koalition in Berlin, müsse man den Bürgern zeigen, dass es nicht um Streit gehe. Söder: "2019 könnte ein Jahr der Ergebnisse werden." In Bayern will sich Söder mehr jene Menschen kümmern, die von anderswo in Deutschland in den Freistaat ziehen, ebenso um Migranten, die die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen. Sein Kalkül verschweigt Söder nicht: "Ich bin nicht bereit, München und andere Städte dauerhaft den Grünen zu überlassen." Den Umweltschutz habe die CSU "vielleicht etwas vernachlässigt", hier werde man sich stärker engagieren. Denn: "Umweltschutz ist Heimatschutz." Er verspricht, sich um die kleinen Leute zu kümmern und zitiert dafür Franz Josef Strauß: "Die CSU ist nicht die Partei der Prosecco-Trinker, sondern die Leberkäs-Etage." Er überzeugt viele, aber nicht alle, bei der Wahl zum Parteivorsitzenden bekommt Söder 87,4 Prozent der Stimmen.

"Glückwunsch zu diesem sehr, sehr ehrlichen Ergebnis", sagt wenig später der Stargast des Parteitages, die neue CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer. Hört man da eine winzigkleine Häme über das nicht ganz so berauschende Ergebnis heraus? Immerhin hatte Söder, anders als Kramp-Karrenbauer keinen Gegenkandidaten. Doch "AKK" ist natürlich auch nach München gekommen, um die Einheit von CDU und CSU zu beschwören: "Wir sind und bleiben eine Familie." Aber, fügt sie hinzu: "Nicht im Sinne einer falschen Harmonie, weil die Menschen haben ein feines Gespür dafür, ob man es ernst meint". Ihr Appell an die CSU und auch an die eigene Partei: "Wir kommen wieder in diesem Jahr, und werden stärker als wir waren." (Birgit Baumann, 19.1.2019)