Bankkonto und psychische Belastungsfähigkeit gefordert: Skifahren in Kalifornien.

Foto: AP, Tim Dunn

"Österreicher sind doch gute Skifahrer?", fragte mich die Ärztin. "Hingebungsvolle. Wir werden auch in Kalifornien Ski fahren." "Da werden sie gute Nerven brauchen", sagte sie und widmete sich wieder meiner Behandlung. Die sollte mich dann 300 Dollar kosten. Das Gesundheitssystem hier ist das teuerste der Welt, aber das ist eine andere Geschichte.

Die nächsten Skigebiete liegen am Lake Tahoe: Sugar Bowl, North Star, Alpine, Squaw Valley, wo die Winterolympiade 1960 stattfand. An der Nordseite waren wir schon. Heuer stand Heavenly auf dem Programm, am Südufer des Tahoe. Wir waren auf einiges gefasst.

Skifahren in den USA ist kein Massensport. Tageskarten in den kalifornischen Skigebieten, die es bestenfalls mit dem Hochkar aufnehmen können, kosten am Schalter 180 Dollar. Je länger vorher man die Karten und je mehr Tage man kauft, desto billiger wird es. Bei uns waren es schlanke 130 Dollar pro Tag und Person – das Doppelte von den teuersten österreichischen Skigebieten.

Die Preise

Anders als in Österreich wird Skifahren hier nicht subventioniert. Die Betreiber müssen für die gesamte Infrastruktur selbst aufkommen und Renditen an Investoren abliefern. US-Ski-Liebhaber kaufen meist Saisonkarten. Die gibt es ab 1000 Dollar, wenn man sie schon jetzt für die nächste Saison kauft. Je näher der Winter rückt, desto teurer werden sie. In der Hauptsaison zahlt man dann noch mindestens 300 Dollar pro Nacht für ein Zimmer der unteren Mittelklasse. Wer in den USA und in Kalifornien Ski fahren will, muss gut verdienen und Skifahren wirklich sehr lieben.

Nicht nur das Bankkonto, auch die psychische Belastungsfähigkeit wird gefordert. Mit einer Autofahrt von vier bis fünf Stunden hatten wir gerechnet. 40 Meilen vor dem Ziel, ungefähr dort, wo 1848 der Goldrausch ausbrach, war es aus mit der Fortbewegung. Zwei Uhr nachmittags, Stillstand, keine Informationen, einsetzender Schneefall. Wir waren auf Urlaub und noch gelassen. Noch wussten wir nicht, dass es unser schlimmstes Stauerlebnis werden würde. Langsam, langsam, passierten wir um neun Uhr abends nach 20 Meilen die Ketten-Kontrolle vor dem Echo-Pass. Eine Stunde später kam der Verkehr vollkommen zum Erliegen. Menschen stiegen aus, wohlgelaunt, unterhielten sich miteinander, und wir hörten, dass eine Lawine die Straße blockierte. Kaum jemand drehte um, und bis auf mich schienen alle gelassen einer Nacht im Auto entgegenzusehen – im Schneegestöber bei minus zehn Grad. Gegen ein Uhr ging es im Schritttempo weiter und um drei Uhr früh erreichten wir endlich auch unser Hotel.

Das gehört dazu

Schlangestehen ist US-Nationalsport. Nachdem wir für unseren Ski-Kurzurlaub die Presidents' Week auswählen mussten, rechneten wir nicht damit, allein zu sein. Dass aber bereits um neun Uhr früh der Parkplatz wegen Überfüllung geschlossen war und der einzig freie, aber kostenpflichtige Parkplatz direkt zur Mutter aller Gondel-Warteschlangen führte, damit hatten wir nicht gerechnet. Die Menschen stellten sich 90 Minuten an, um auf den Berg zu kommen. Beim Anstellen tauschte man sich dann darüber aus, wie lange man gestern aus der Bay-Area angereist sei, und mit 13 Stunden waren wir im guten Mittelfeld. Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass wir durch unsere in Österreich gelernte Lift-Anstell-Taktik die Wartezeit etwas verkürzen konnten – ohne uns damit sehr beliebt zu machen.

Man würde dem Heavenly-Management-Team eine Exkursion in ein gutes österreichisches Skigebiet wünschen. Um zu lernen, wie man die Zufahrt organisiert, wie man an neuralgischen Stellen die Liftkapazität stärkt, wie man ein Shuttle-Service managt, wie man die Lifte zu den Quartieren bringt, um möglichst wenig Autoverkehr zu induzieren. Auch die Skihütten könnten lernen. Die sind hier Fastfood-Lokale und würden es eher nicht unter die Top 100 von "Harrys liabsten Hütt'n" bringen.

An der Personaldichte merkt man wieder einmal, dass die USA ein Niedriglohnland sind. Wo man bei uns auf einen Automaten und einen wortkargen, wettergegerbten Wastl trifft, sind es hier mindestens acht fröhliche Collegestudenten, die die Liftkarten mit Lesegeräten kontrollieren und zu zweit dafür sorgen, dass man sicher auf den Liftsessel kommt – der hier keine Fußablage hat. Offenbar hat sich daran einmal jemand verletzt und den Liftbetreiber mit einer Klage in den Ruin getrieben, seit dem liefert Doppelmayr seine Sessellifte unten ohne in die USA.

Der Schnee und der Blick

Dass sich die Liftanlagen technisch auf dem Stand von vor 15 Jahren befinden, ist in Kenntnis der alpinen Exzesse mit Hinternheizung, Schutzhaube und Rolltreppen genauso erfreulich wie die Tatsache, dass die Berge nicht mit Liften zu gespickt werden.

Einzigartig und für viele Mühsal entschädigend sind der Blick und der Schnee: Der Lake Tahoe hat die Größe des Bodensees, und von den meisten Abfahrten in Heavenly hat man einen wunderbaren Blick auf den dunkelblauen Riesensee. Und nirgendwo in Europa gibt es einen derartig trockenen Pulverschnee, vollkommen kunstschneefreie und maßvoll präparierte Pisten und fast schon ein Übermaß an freiem Gelände. Insofern haben sich die drei Tage dann doch gelohnt. (Michael Meyer, 18.3.2019)