Während sich seit der frühen Neuzeit ein Teil der Bevölkerung der Vermessung der Welt widmete, gab sich ein anderer den Maßen der Heiligkeit hin – beides diente jedoch nicht nur der Erfassung der jeweiligen Welten, sondern wohl auch der Kontrolle über diese Welten, die die Vermessenden durch ihre Maßnahmen errangen.

Letzteres wird deutlich in dem Text, der sich auf einer sogenannten "Wahren Länge", die auch als "Heilige Längen" bezeichnet werden, im Stadtarchiv von Zwettl im Waldviertel befindet (Abb. 1). Es handelt sich hier um einen mehrfach zusammengefalteten und aus vier Stücken zusammengeklebten, bedruckten und 175 Zentimeter langen Papierstreifen, der die "Wahre Länge unseres Herrn Jesu Christi, wie er auf Erden gelebt und am heiligen Kreuze für uns gestorben ist", darstellt "und die Länge ist gefunden worden in Jerusalem bei dem hl. Grab, als man das Jahr 1655 zählte, unter der Regierung Klemens des achten, welcher er bekräftigte".

Der Schweizer Theologe Adolf Jacoby, der erstmals die "Heiligen Längen" wissenschaftlich untersuchte (1929), hielt bereits fest, dass nicht nur alle von ihm studierten Exemplare dieses Datum angeben, sondern dass vor allem Papst Clemens VIII. (1536-1605) bereits 1592-1605 sein Amt ausübte und somit dieses Maß nicht verifiziert haben kann.

Abb. 1: Die Zwettler "Wahre Länge" im zusammengefalteten und geöffneten Zustand.
Foto: Celine Wawruschka

Ein Zwettler Schutzbrief

Bei den "Heiligen Längen" handelt es sich um Schutzbriefe, die ihren Ursprung in der Antike und in ihrer christlichen Ausprägung im Mittelalter haben, als sie als sogenannte Himmelsbriefe entweder auf den Altar im Petersdom in Rom oder am Grab Christi in Jerusalem aufgefunden wurden – von oben legitimiert. Ihnen allen sind überschwängliche Gnadenverheißungen gemeinsam, wie sie auch noch Jahrhunderte später in der Zwettler "Länge" zu lesen sind:

Und wer diese unsers Herrn Länge bei sich trägt, oder in seinem Hause hat, der ist versichert vor allen seinen Feinden sie sein sichtbar oder unsichtbar und es mag ihm auch nichts Böses schaden. Und so eine schwangere Frau im vollen Vertrauen auf Gottes Hilfe und Beistand zu dem allmächtigen Vater in ihrem Zustande bethet, wird sich einer glücklichen Entbindung freuen. Und in welchem Hause die Länge Jesu Christi sein wird, kann nichts Böses darin bleiben, und kein Donnerwetter mag ihm nicht schaden, auch soll er vor Feuer und Wasser behütet sein.

Zwar ist auf der "Wahren Länge" keine Jahreszahl angegeben, die auf dem Artefakt vermerkte Druckerei grenzt jedoch das Datum ihrer Entstehung in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ein: Der Verlag von Martin Ferdinand Lenk in Znaim (Znojmo) verlegte von 1853 bis 1937 vor allem den deutschsprachigen Znaimer Schreibkalender sowie Schuljahresberichte und Gebets- und Gesangbücher für die Schüler des deutschsprachigen Znaimer Gymnasiums, aber auch deutsche Sagen und Märchen; erst im 20. Jahrhundert verlegte Lenk auch südmährisches Schrifttum. In der Österreichischen Nationalbibliothek ist aus seinem Verlag ein "Geistlicher Hausschutz und andächtiges Gebet zur allerheiligsten Dreifaltigkeit" aus dem Jahr 1857 erhalten. Dieser Haussegen ist, ebenso wie die "Wahre Länge", ein Schutzbrief, der mitunter wie ein Amulett am Körper getragen wurde. Eine weitere "Wahre Länge" befindet sich im Stadtmuseum Zwettl beispielsweise in einer Goldhaube eingenäht.

Es folgt eine genaue Gebrauchsanweisung der Zwettler "Wahren Länge":

Segne dich Christenmensch † alle Morgen früh mit der Länge Jesu Christi, und bete die ganze Woche alle Sonntage 5 Vater unser und 5 Ave Maria und einen Glauben zu Ehren der heiligen 5 Wunden Jesu Christi, und wer diese Länge Jesu Christi hat, der soll die enthaltenen Gebete dreimal des Jahres andächtig beten, und wenn er es zu thun verhindert ist oder nicht kann, so soll er beten im Jahre drei Rosenkränze, und zwar den ersten am heil. Charfreitage, den zweiten am Freitage nach Pfingsten, und den dritten am Freitage nach Weihnachten, so wirst du Mensch das ganze Jahr hindurch die Gnade und Bamherzigkeit Gottes allzeit gesegnet sein zu Wasser und zu Land, bei Tag und bei der Nacht, am Leibe und an der Seele in Ewigkeit Amen.

Den Hauptteil der "Wahren Länge" macht schließlich ein semantisch leicht redundantes Gebet aus, das auf den heiligen Franziskus zurückgeführt wird: "Jetzt fangen sich an, in der Jesu Christi Länge die schönen Gebeter von dem hl. Franzisko". Vergleicht man diesen Satz und auch den restlichen Text mit jenen, die im Jahr 1700 in Augsburg und in Köln gedruckt worden sind, so gewinnt man den Eindruck, dass hier in der Ausführung weniger frühneuzeitliches Deutsch kolportiert worden ist, sondern eher ein damals gängiges Znaimer Lokalkolorit die Oberhand gewonnen hat.¹ In diesem Gebet tritt auch deutlich der Amulett-Charakter zutage:

… O du gütiger Gott und Herr! Durch deine heil. Länge und mannigfaltige Güte und Barmherzigkeit bitte ich dich, o Herr Jesu Christe, da du mich in die Länge allezeit verbergest, behütest und bewahrest, heut und diese acht Tage und Nächte auch in deine heil. Verborgen Gottheit ... † O Herr Jesu Christe! ich bitte dich, daß du mich verbergest in deine heiligen fünf Wunden, und mich abwaschest mit deinem heiligen rosenfarbenen Blut, und die heil. Dreifaltigkeit sei mein Schild und Schirm für alle meine Feinde, sie sein sichtbar oder unsichtbar ... Gott der Va†ter ist mein Mittler, Gott So†hn ist mein Vorhergeher, und Gott der heilige Ge†ist ist meim (sic!) Beistand, und welcher dann stärker ist als diese drei Mann, und die Länge Jesu Christi solcher komme und greife mich an. ... Die heilige Länge Christi segne mich, die heilige Länge Christi stärke mich, die Länge Christi behütet mich bis er mich nehme nach diesen Leben zu sich.

Genau in der Mitte der "Zwettler Länge" ist ein stilisiertes Kreuzsymbol angebracht, auf dessen "Querbalken" der Schriftzug INRI (Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum: Jesus von Nazareth, König der Juden) zu lesen ist. Unter dem "Querbalken" finden sich zwei heilige Familien einander gegenübergestellt: Jesus, Maria und Josef auf der einen und die Eltern Marias, Joachim und Anna, auf der anderen Seite. Die Buchstabenkombination auf der Längsseite des Balkens stellt jeweils die Anfangsbuchstaben einer höchstwahrscheinlich lateinischen Segens- oder vielmehr Zauberformel dar, wie sie auf sogenannten Zachariassegen oder auch gänzlich magischen Zettelchen zu finden sind, wie sie etwa in dem Werk "Albertus Magnus bewährte und approbirte sympathetische und natürliche egyptische Geheimnisse für Mensch und Vieh" (1857) empfohlen werden. In der Buchstabenkombination, die sich ergibt, wenn man die letzte Zeile querlesen wollte, lassen sich Caspar, Melchior und Balthasar, die heiligen drei Könige erkennen (C. M. B.); ebenso ist die Zahl zehn Teil der Zahlensymbolik, wie sie auf Amuletten der Volksfrömmigkeit durchaus üblich ist (Abb. 2).

Abb. 2: Der "magische Abschnitt" in der Mitte der Zwettler "Wahren Länge"
Foto: Celine Wawruschka

Der Ursprung der "Heiligen" oder "Wahren Längen"

Im 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung hatte sich das Pilgerwesen, dessen größtes Ziel immer Jerusalem war, überaus rasch entfaltet und im Laufe des Mittelalters vergleichsweise Dimensionen des heutigen Massentourismus angenommen – vom 14. bis zum 16. Jahrhundert geradezu in Form von Pauschalreisen –, wie sich zeitgenössischen Kritiken entnehmen lässt. Diese Tatsache brachte auch den Handel mit Reliquien, also den Überresten des verstorbenen Körpers von als Heiligen Verehrten, zum Blühen, wobei Ausbeutung, Zerstörung und Raubbau so weit fortgeschritten waren, dass man zu Sekundärreliquien überging. Dabei handelte es sich nicht nur um Kleidungsstücke, persönliche Gegenstände oder etwa auch die Marterwerkzeuge, die den seligen Tod herbeigeführt hatten, sondern auch diverse Gegenstände, mit denen die Gebeine der Heiligen berührt worden waren. "Heilige Längen" stellen eine solche Sekundärreliquie dar.

Die heilige Länge Christi, die auf die Länge seines Grabes zurückgeht, wurde im Laufe des Mittelalters nicht nur verkürzt – unter der Angabe des Multiplikators – in Manuskripten abgebildet, sondern auch um weitere Längen bereichert: die Länge der Geißelungssäule, des Kreuzes, des Kreuztitels (INRI), der Kreuznägel und der Wunde in seiner Seite; die Länge seiner Füße und die Länge des Steines, auf dem er vor der Grablegung gesalbt worden war. Man kannte auch die Körpermaße anderer Heiliger, wie etwa die Körpergröße Marias oder die Länge des Gürtels, mit dem sie ihr Gewand gebunden hatte, ebenso wie die Länge des hl. Franziskus oder des hl. Sixtus.

Berichte über diese heiligen Längenmaße finden sich häufig in Pilgerberichten seit der Mitte des 14. Jahrhunderts. In seiner "Reise in das gelobte Land, oder Reisebeschreibung in Ägypten etc." (lat. Erstausgabe: Itinerarium Aegypti, Arabia, Palaestina, Syriae aliarumque regionum orientalium anno 1565-66) etwa beschrieb der Nürnberger Christoph Fürer von Haimendorf (1663-1732) unter diversen Reliquien und Pilgerandenken auch "Gürtel, deren Läng die Länge dess H. Grabes hat". Zur Länge des Grabes Christi kursierten schon seit dem Frühmittelalter verschiedenste Längenangaben. In den ältesten frühmittelalterlichen Schriftquellen dazu findet sich zwar durchgängig die symbolische Zahl von sieben Fuß für die Längenangabe, doch konnte der Archäologe und Historiker Werner Heinz in seiner detaillierten Ausführung über die Grabeslängen Christi und Mariens (2016) aufzeigen, dass die Maßeinheit eines Fußes in der Folge mit verschiedenen lokalen Längenmaßen interpretiert wurde. Eine "Heilige Länge" im Volkskundemuseum des Universalmuseums Joanneum in Graz, die ebenfalls in 19. Jahrhundert datiert, misst beispielsweise 153 Zentimeter – die Annahme, dass die heiligen Längen mit der Durchschnittsgröße der Menschen mitwuchsen, bestätigt sich also nicht.

Trotz zahlreicher Verbote von Seiten der Amtskirche wurde mit "heiligen Längen" über Jahrhunderte ein schwunghafter Handel betrieben. Ab dem 17. Jahrhundert wurden vor allem in Westeuropa bedruckte Zettel mit dem bewussten Längenmaß lokal hergestellt und in Umlauf gebracht. Die meisten Exemplare sind aus dem 18. Jahrhundert erhalten – was jedoch rein konservatorische Gründe haben kann –, aber auch im 19. Jahrhundert waren sie ein beliebtes Schutzmittel gegen alle Gefahren des Lebens, und auch noch bis ins 20. Jahrhundert hinein gebräuchlich.

"Wahre Längen", in Stein gemeißelt

Schließlich sind "wahre" oder "heilige Längen" nicht nur auf Gebetsbändern dargestellt, sondern mitunter auch in Stein gemeißelt. Neben einer Klosterkirche im Elsass (Chapelle Notre Dame de Reinacker) und einer weiteren bei Augsburg, die bereits Hermann Mang in seiner Abhandlung (1929) beschrieb, finden sich eine entsprechende Markierung auf Quadern an der Außenseite der Kirche in Odernheim an der Glan (Rheinland-Pfalz), die ursprünglich aus der Kirche des Zisterzienserklosters Disibodenberg stammen, sowie im Nordflügel des Zisterzienserklosters Bebenhausen in Tübingen. Ein Beispiel für eine "steinerne wahre Länge" ist auch aus Österreich bekannt: Nach dem Eingang durch das Westportal befindet sich in der rechten Ecke des Kirchenschiffs in rund zwei Metern Höhe auf einer Steinplatte eine Ecce-Homo-Statue, also eine Standfigur Jesu im Purpurmantel und mit der Dornenkrone, die die Wundmale nach der Folterung zeigt, so, wie Jesus der Überlieferung nach dem Volk von Jerusalem zur Verspottung vorgeführt worden sein soll. Auf der Unterseite der Steinplatte ist unter einem Kreuz der Schriftzug Mensura Christi angebracht, der mit einem in die Wand eingemauerten, erhabenen trapezoiden Bodenstein korrespondiert, auf dessen Oberfläche drei Kreuze eingeritzt sind (Abb. 3). Der Abstand zwischen dem Stein am Boden und der Steinplatte mit dem Mensura-Christi-Schriftzug beträgt genau 185 Zentimeter. All den genannten Kirchen ist gemeinsam, dass sie ehemals oder auch immer noch einen Wallfahrtsort darstellen.

Abb. 3: Die Ecce-Homo-Statue und die Mensura Christi in der Wallfahrtskirche Maria Rain in Kärnten.
Foto: Celine Wawruschka

Das bekannteste steinerne Längenmaß stellt jedoch die mensura Christi in Form einer auf vier Pfeilern ruhenden Steinplatte dar, die sich im Kreuzgang der Basilika San Giovanni im Lateran in Rom befindet. Tatsächlich handelt es sich hier jedoch um ein Missverständnis: Die Inschrift "mêsa Christi" auf der Steinplatte, die einen Teil des Tisches des letzten Abendmahls darstellen soll, wurde später aufgrund einer Inventarlisteder Reliquien im Lateran als mensura Christi missinterpretiert, wie der Historiker Carlo Ginzburg in seinem Werk "The Enigma of Piero" (ital. Erstausgabe 1994) darlegte.

Die Meta-Ebene der Längen

"Heilige Längen" stellten einen direkten Bezug zu Christus (oder Maria oder anderen Heiligen) her, indem sie vorgaben, die reale Größe des Körpers oder einzelner Körperteile abzubilden und dienten medizinischen sowie apotropäischen Zwecken. Die genaue Erfassung der Maße sollte die Frommen des ewigen Heils versichern. Im Laufe des Spätmittelalters wurde jedes Detail der Heilsgeschichte gemessen und geradezu buchhalterisch erfasst: die Körperglieder Christi ebenso wie seine Fußstapfen bei der Passion, die Zahlen seiner Wunden und die seiner Blutstropfen. Diese "gezählte Frömmigkeit", wie der Theologe und Kirchenhistoriker Arnold Angenendt treffend formulierte, war biblischen Ursprungs, hatte doch der Deus geometrix "alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet" (Altes Testament, 11. Kapitel im Buch der Weisheit). In der Logik einer Frömmigkeit, die damit rechnete, dass jede auf Erden begangene Sünde im Jenseits ihre genau bemessene Strafe erhielt, war das Vermessen und Aufrechnen der Heiligkeit nur folgerichtig, wie der Mediävist Thomas Lentes bereits festhielt. Je genauer die Körper der Heiligen vermessen waren, umso gewisser durften sich die Menschen des Schutzes der Heiligen sein. Auch die Zwettler. (Celine Wawruschka, 9.8.2019)

¹ Vgl. die Transkription aus Augsburg, 1700: "Jetzt heben sich an in der Jesus Christus Länge die schöne (sic!) Gebetlein, von dem heiligen Vater St. Franciscus …", in Adolf Jacoby, Heilige Längenmasse. Eine Untersuchung zur Geschichte der Amulette, Schweizerisches Archiv für Volkskunde 29, 1929, 1 f.

Weitere Beiträge der Bloggerin