Im Norden von Nevada liegt auf 2000 Meter Höhe das Städtchen Ely. Restaurants, ein paar Bordelle, Motels, ein Eisenbahnmuseum. Nevada ist der einzige Staat in den USA, in dem Sexarbeit legal ist, obwohl einige Politiker innerhalb Nevadas vorhaben, Sexarbeit auch hier gesetzlich zu verbieten. Ob das gelingen wird, ist fraglich. Die wirtschaftliche Bedeutung der Sexindustrie für Nevada ist groß.

Die Moonlite Bunny Ranch ist ein Bordell in Mount House, etwas außerhalb von Carson City, USA.
Foto: AP/Ryan Tarinelli

In Ely bekommt das Wort "ungastlich" eine tiefere Bedeutung, denn hier beschleicht einen das Gefühl, dass die Einwohner dieser Stadt sowohl am äußersten Rand der Gesellschaft als auch am Ende der Welt leben. Der Einzige, der den Weg nach Ely findet, ist der Tod. Nicht ohne Grund nennt man die Straße von Ely nach Reno "die einsamste Autobahn" in den USA.

Meine Lebensgefährtin Roos und ich halten uns für einige Tage in Ely auf, weil wir an einer Reportage über Liebe und Sex in den USA in Zeiten von Trump arbeiten. Kurz vor Beginn dieser Reise verliebte ich mich in eine andere Frau, deshalb beendete ich die Beziehung mit Roos. Nichtsdestotrotz beschlossen Roos und ich, diese Reportage noch gemeinsam durchzuziehen. Fünf Wochen lang fahren wir durch den Westen der USA. Sie fotografiert, ich schreibe. So wird aus dieser Reportage auch eine Art Selbstversuch, wie man eine Beziehung langsam und so höflich möglich beendet, während man mit verschiedenen Leuten über Liebe und Sex spricht.

Die Stardust Ranch

Im Motel in Ely streiten wir uns trotz des Vorhabens, liebenswürdig miteinander umzugehen. "Wie viele gebrochene Herzen kann dein Herz ertragen?", fragt mich Roos. "Wenn dir das gebrochene Herz eines anderen Menschen so wehtut, warum rennst du dann immer davon?" Auf solche Fragen gibt es eigentlich keine anständigen Antworten. Man rennt davon, weil es ungebührliche Leidenschaften gibt und man der Kraft dieser Leidenschaften nicht gewachsen ist oder nicht gewachsen sein will. Roos geht in das Bordell Stardust Ranch, um dort mit Sexarbeitern zu sprechen. Wir haben die Stardust Ranch vom Wagen aus auf dem Weg ins Motel gesichtet. Es sah aus wie eine verkommene Scheune. Roos wird mich anrufen, wenn es im Bordell interessant wird. Nach ungefähr einer Stunde klingelt mein Handy. "Komm hierher", sagt sie, "Ich habe eine liebe Frau kennengelernt."

Als ich reinkomme, tanzt eine Stripperin von ungefähr Mitte dreißig nicht besonders kunstvoll um einen Pfahl, keiner beachtet sie. Eine große graue Unterhose hängt ihr halbwegs vom Hintern. An der Bar sitzen fünf Personen, vier Männer und eine Frau.

"Die Stripperin macht es aus Spaß", sagt Lily, die mich empfängt und die sich schon eine Weile mit Roos unterhalten hat. Auch Lily muss Mitte dreißig sein, obwohl sie hier erst seit drei Monaten arbeitet, benimmt sie sich so, als wäre sie die Chefin der Stardust Ranch. Einer muss diese Rolle ja schließlich einnehmen. "Ich habe ein Angorakaninchen, eine Schildkröte, einen Hund und diesen Papagei."

Auf Lilys linker Schulter sitzt ein Papagei. Zuerst führt sie uns in den Garten des Bordells, der aussieht wie ein menschenleerer Biergarten. "Viele Leute kommen für ein bisschen Gemütlichkeit und ein Bierchen hierher", sagt Lily. "Von Sex ist oft gar nicht die Rede." Wir gehen wieder rein. Die Stripperin, die es anscheinend aus Spaß macht, tanzt immer weiter. Die Unterhose hat sie noch an.

"Die Unterhose zieht sie nie aus, das mag sie nicht", erklärt Lily. Und dann ohne zu zögern: "Ich bin mit Hektor verheiratet, einem Mexikaner, aber ich habe das nur gemacht, damit er eine Green Card bekommen konnte. Aber er rauchte zu viel Haschisch, da konnte er keinen Steifen mehr bekommen. Dann ist er mit meiner Schwester ins Bett gegangen, wonach ich mich von ihm habe scheiden lassen. Es gibt so viele Leute, mit denen man ins Bett gehen kann, warum ausgerechnet mit meiner Schwester?"

So viel schlechter Sex

"Da gebe ich ihnen recht", antworte ich. Sie zeigt uns die Räume. "Ich wohne im Bordell. Wo sonst ...? Das da ist das Zimmer von Jerry, dem Außerirdischen." Auf einem Bett liegt ein außerirdisches Wesen, eine Puppe mit großen Augen und einem Mund, der eindeutig dazu da ist, penetriert zu werden. "Es gibt Männer, die werden ganz heiß von außerirdischen Wesen", sagt Lily, "aber auch der Außerirdische ist nicht billig. Das ist mein Zimmer, und das ist mein Kaninchen. Schöne Haare, oder? Aus ihren Haaren mache ich Wolle. Meine Schwester ist zwölf Jahre jünger als ich, sie war kokainsüchtig und ist mit dem Auto tödlich verunglückt. Ich war Kellnerin im Skiort Aspen, und ich hatte so viel schlechten Sex, dass ich mir eines Tages dachte: Eigentlich lasse ich mich besser dafür bezahlen. Männer strengen sich am meisten an, wenn sie für Sex zahlen müssen. Wenn er gratis ist, denken sie: Das kann ja nicht viel wert sein. Mein Vater war in der Armee, und er hat uns alle missbraucht, körperlich und seelisch. Meine Therapeutin war nicht sehr erfreut darüber, dass ich hier im Bordell angefangen habe. Aber wir skypen oft miteinander."

Ich werfe noch einmal einen Blick auf das Kaninchen und frage sie dann: "Wie gehen sie eigentlich um mit der Wut, die in ihnen steckt?" "Ich decke meine Wut mit Freundlichkeit zu", sagt Lily, "Je mehr man mit Freundlichkeit zudecken kann, desto besser."

Roos macht noch ein paar Fotos im traurigsten Bordell der Welt, während mir Lilys Satz, dass man dazu gezwungen wird, Leid mit Freundlichkeit zuzudecken, nicht mehr aus dem Kopf geht.

Am nächsten Morgen fahren wir über die einsamste Autobahn der USA Richtung Carson City. Nachmittags erreichen wir die Stadt. Etwas außerhalb dieser Stadt befindet sich das Bordell Bunny Ranch. Im Gegensatz zur Stardust Ranch, die einen tieftraurigen und einsamen Eindruck ausstrahlt, vermutet man bei der Bunny Ranch gleich, dass sich hinter ihrer Fassade ein Swimmingpool verbirgt.

Wir sitzen in der Nachmittagssonne auf der Veranda der Bunny Ranch und reden mit Ava, einer koreanisch-amerikanischen Frau von Mitte zwanzig. Auch ihr Vater war in der Armee. Sie sagt: "Ich bin zwei Wochen hier, dann gehe ich wieder vier Wochen nach Michigan, wo ich normalerweise wohne. Nicht jeder weiß, was ich tue, aber ich habe immer eine gute Geschichte parat." Sie spricht ruhig und mit einer Intelligenz, die eine gewisse Abgeklärtheit verrät.

"Was sind deine Spezialgebiete?", fragt Roos. "Die Freundinerfahrung. Und Männer mit einem Fußfetisch sind bei mir auch an der richtigen Adresse." "Und was ist Liebe?", fragt Roos. "Liebe ist, wenn man akzeptiert wird."

Ava zeigt uns das mäßig luxuriöse Bordell, in dem es tatsächlich einen kleinen Außenpool gibt. Die Aussicht auf die Berge ist fabelhaft. "Ich möchte früh in Pension gehen und dann in einer Musikband singen", sagt Ava. "Schlecht ist es hier nicht, man bekommt auch viel von den Kunden zurück. Ich hatte zum Beispiel eine 40-jährige Jungfrau, er sagte: ,Du hast mir wirklich aus einer Sackgasse geholfen.' Und das Bordell tut auch viel für uns. Man bringt uns hier bei, wie man besser mit den Kunden verhandelt."

Egal ob Liebe oder Sexarbeit, überall wird verhandelt. Wir verabschieden uns von Ava. Es ist schon Abend, das Bordell hat noch keine Besucher. Auch hier wartet man. "Am Wochenende ist viel los", sagt Ava. Unterwegs nach Lake Tahoe, wo wir die Nacht verbringen werden, sagt Roos: "Ich denke an all die Male, in denen du mich im Bett zurückgewiesen hast. Ich habe alles getan, damit du mich begehrst, aber so oft hast du mich nicht gewollt. Du warst in Gedanken schon bei einer anderen." Ich schweige. Das Schuldgefühl ist groß, aber die neue Verliebtheit ist noch größer. (Arnon Grünberg, Album, 21.9.2019)