DER STANDARD

Jubel kommt an diesem Wahlabend im SPÖ-Zelt nur auf, als das Ergebnis der Freiheitlichen angezeigt wird. Dass die FPÖ ein Minus von zehn Prozentpunkten einfährt, das gefällt der roten Basis. Darüber hinaus: Enttäuschung. "Ich trink aus", sagt ein roter Gemeinderat aus dem Bezirk Gänserndorf. Eine türkis-grüne Koalition ist für ihn mit diesem Wahlergebnis eigentlich schon ausgemacht.

Pamela Rendi-Wagner muss bei ihrer ersten Wahl einen herben Verlust hinnehmen.
Foto: Heribert Corn

Schlussendlich erreichte die SPÖ gerade einmal 22 Prozent – das ist natürlich bitter für die Genossen. Auch wenn die Umfragen schon vermuten ließen, dass es nicht gut aussieht. Das von Spitzenkandidatin Pamela Rendi-Wagner ausgerufene Kanzlerduell war unerreichbar. "Das ist nicht, was wir uns vorgestellt hatten", gesteht die SPÖ-Chefin am Wahlabend ein. Schwacher Trost: Durch die starken Verluste der Freiheitlichen ist die SPÖ immerhin klarer Zweiter. Eine Koalition wäre ausschließlich mit der Volkspartei möglich.

Rot-grüne Wechselwähler verloren

Mit einem Minus von fünf Prozent liegt die SPÖ auch deutlich unter ihrem bisher schlechtesten Ergebnis von 2013 – damals 26,8 Prozent. Ihr größtes Minus fährt die Sozialdemokratie dennoch nicht ein: Bei der Nationalratswahl 1994 verlor die SPÖ 7,86 Prozentpunkte.

Im Jahr 2017 lagen die Roten bei 26,9 Prozent. Spitzenkandidat Christian Kern konnte damals – vor allem im Wahlkampf-Finish – noch zahlreiche frühere Grünwähler für sich gewinnen. Das gelang der SPÖ diesmal nicht.

Probleme mit Topthema Klima

Gründe dafür: Erstens waren für viele Österreicherinnen und Österreicher diesmal Klima- und Umweltfragen wahlentscheidend – und bei diesen Themen kann den Grünen niemand das Wasser reichen. Die Ökopartei bleibt hier die glaubwürdigeste Wahl. Zweitens wollten Grünen-Sympathisanten offenbar kein zweites Mal riskieren, dass die Grünen den Einzug verpassen.

Für die SPÖ war die Ausgangslage deshalb relativ ungünstig. Denn die Wahlforschung zeigt seit vielen Jahren: Wähler kann die SPÖ heute im großen Ausmaß ausschließlich von den Grünen gewinnen. Enttäuschte FPÖ-Sympathisanten sind für die Sozialdemokratie kaum noch ansprechbar – deshalb profitierte die SPÖ auch nicht von Ibiza-Gate.

Bleibt Rendi-Wagner Chefin?

Der Wahlkampf der Sozialdemokraten verlief eigentlich passabel – es sind zumindest keine gröberen Fehler passiert. Rendi-Wagner hatte zahlreiche Forderungen gestellt und Inhalte präsentiert. Von Affären und Skandälchen blieb sie weitgehend verschont. Ein sogenannter Gamechanger, mit dem die SPÖ die allgemeine Stimmungslage hätte drehen können, blieb aber aus – in den Umfragen kam die SPÖ nie auch nur annähernd an die ÖVP von Sebastian Kurz heran.

Wie es nun mit Rendi-Wagner weitergeht? Innerparteiliche Dynamiken nach der Wahl lassen sich grundsätzlich schwer abschätzen. Eine rasche Ablöse der Parteichefin scheint trotz des schlechten Ergebnisses aber nicht sehr wahrscheinlich – auch deshalb, weil es keinen logischen Nachfolger gibt. SPÖ-Bundesgeschäftsführer Thomas Drozda schloss personelle Konsequenzen kategorisch aus. Niederösterreichs SPÖ-Chef Franz Schnabl ließ hingegen prompt ausrichten: "Viele Menschen – auch aus der SPÖ – können mit der Spitzenkandidatin nichts anfangen."

Rendi-Wagner selbst erklärte: "Verantwortung gibt man nicht ab, wenn es schwierig wird." (Katharina Mittelstaedt, Karin Riss, 29.9.2019)