Womit Kinder spielen, prägt sie. Bestimmt erinnern Sie sich noch an Ihre liebsten Spielsachen. War es eine bestimmte Puppe, Bauklötze oder die Carrera-Bahn? In einigen Jahren werden die Kinder von heute wohl anders auswählen. Denn für viele sind Tablet, App und Smartphone schon im Buggy und Hochstuhl Realität.

Spielen heißt Lernen. Wie zum Beispiel das Neidprinzip: Ein Spielzeug ist oft erst interessant, wenn es ein anderer hat. Und spielt man selbst mit dem coolen Playmobil-Piraten und die älteren Nachbarsburschen wollen ihn plötzlich auch – dann hat es sich in der Piratenbucht ausgespielt und es gibt Zoff.

Mit Playmobilkanonen aufs Handy schießen: Die Verknüpfung von analogem und digitalem Spielen im Jahr 2019.
Foto: PLAYMOBIL

Im Moment nicht lustig, in der Retrospektive aber eine wertvolle Lektion. Das Neidprinzip zieht sich nämlich durch das ganze Leben, wenn auch später mit anderen Objekten der Begierde – und sei es der Porsche der Nachbarn oder das Smartphone des Kollegen.

Apropos neidisch: Wirklich neu ist die Konkurrenz durch Technik im Kinderzimmer nicht. Wir erinnern uns: Sprechende Kuscheltiere und virtuelle Haustiere gab es schon in den 1990er-Jahren dank Tamagotchi, Furby und Co. Und auch damals klebten die Kinder mit Gameboy oder Nintendo in Händen stundenlang an ihren Bildschirmen. Die viereckigen Augen sind uns – trotz Großmutters Befürchtungen – erspart geblieben.

Digitaler Alltag

Neu ist allerdings die Selbstverständlichkeit, mit der Smartphones, soziale Medien und Apps in alle Lebensbereiche vordringen. Digitale Medien sind der heutigen Generation wortwörtlich in die Wiege gelegt. "Die Kinder schauen sich den Umgang damit von ihren Bezugspersonen ab, sie wollen das Verhalten der 'Großen' spiegeln", erklärt Raphaela Keller, Vorsitzende des ÖDKH, des Österreichischen Dachverbandes für Kindergarten- und HortpädagogInnen.

Also ist Digital Detox auch in diesem Zusammenhang einen Gedanken wert. Smartphones und Selfies sind schon in der Volksschule Teil des Alltags, Zoomen und Swipen fällt Kindern oft leichter als Malen und Schreiben.

Doch eigentlich ist das kein Wunder: An immer mehr Volksschulen werden iPads verwendet, die meisten Schulhofspiele gibt es auch in App-Form, und selbst die beliebten "Hot Wheels"-Autos erspähen Kinderaugen nicht mehr an der Supermarktkassa, sondern im Apple-Store. Die kleinen Mattel-Flitzer werden jetzt nämlich mit dem iPad verbunden, per App sind Geschwindigkeitsmessung, Rundenzählen und Minispiele möglich.

Neben Apps ist im digitalen Bereich auch AR gerade besonders in. Wie der Kenner weiß, steht das für Augmented Reality, also eine Erweiterung der Wirklichkeit durch Technik. Bei Playmobil stößt man darauf schon beim Durchblättern des Katalogs: Die Playmobil-Welten werden dank App zu 3D-Modellen, und der blutlose Pirat winkt aus dem Bildschirm raus.

Auch die Lego-Realitäten werden mit technischer Unterstützung erweitert. In den sogenannten "Hidden Side"-Bausätzen können Kinder Geister und versteckte Schätze per Handy entdecken. Aber nur wenn man genau nach Anleitung baut.

Lego Hidden Side kann ganz klassisch oder auch mit technischer Unterstützung durch Handy bzw. Tablet gespielt werden.
Foto: Lego

Fragt man Barbara Lackner, Gründerin der alternativen Spielzeugmarke Kokomoo, nach AR-Spielzeug, ist sie kurz baff, fällt aber ein klares Urteil: Es erfüllt seinen Zweck nicht. "Denn die Hauptaufgabe von Spielzeug ist es, die Kreativität und Fantasie der Kinder anzuregen", weiß die dreifache Mutter.

Die Philosophie bei Kokomoo basiert auf der Idee des "freien Spiels", Kinder könnten sich mit einfachsten Mitteln wie Klötzchen oder Klangschalen stundenlang beschäftigen – ganz ohne App und Handy.

Kokomoo fördert das freie Spiel.
Foto: Kokomoo

Teufelszeug

Aber ist bei den Massen an elektronischem Spielzeug wirklich alles zu verteufeln? Nein, sind sich Keller und Lackner einig, es käme auf die Entwicklung des Kindes und die Herangehensweise an. Ravensburger beispielsweise verkauft den Tiptoi, einen übergroßen orangefarbenen Vorlesestift, der Kindern die Welt erklärt. Das neueste Modell, der "tiptoi create", lässt Kinder auch selbst kreativ werden, indem sie Geräusche und Geschichten aufnehmen.

Bedenklich wird es, wenn der Nachwuchs mit solcher Technik auf sich allein gestellt ist. "Denn Kinder müssen im Umgang mit digitalen Möglichkeiten begleitet werden", betont Keller. Nur über Kommunikation und Beziehung zu anderen könnten sie lernen. Also, Eltern, es empfiehlt sich: Die digitale Welt bitte gemeinsam mit den Kleinen statt auf zwei getrennten Bildschirmen entdecken.

Anpassen an neue Realitäten

Wie steht's denn aber nun wirklich um die analoge Spielzeugwelt? Auch die haben Spielzeughersteller nicht vergessen. Unsere Realität wird nicht nur immer digitaler, sondern auch diverser. "Die meisten Kinder haben Familien mit zwei Mamas oder zwei Papas im Umfeld", erzählt Keller.

Da ist es für den Nachwuchs aus allen Familienkonstellationen – egal ob Patchwork-Familie oder alleinerziehender Elternteil – wichtig, auch die eigene Realität in Spielwelten und Bilderbüchern wiederzufinden. Das gilt auch für Kinder mit Behinderung: Als Lego die Spielfigur eines Buben im Rollstuhl einführte, bereitete das beeinträchtigten Kindern, ihren Angehörigen und Betreuern große Freude.

In Wien – wo sonst – ist selbst der Tod im Spielzeugregal nicht tabu. Das Wiener Bestattungsmuseum auf dem Zentralfriedhof verkauft Lego-Sets rund um das Thema: von Krematorien über Leichenwagen bis hin zu Grab samt Sarg und Verstorbenem. "Denn Kinder verarbeiten ihre Gefühle über die Spielebene", erklärt Michaela A. Tomek vom Wiener Landesverband für Psychotherapie. Was morbid klingt, ist also pädagogisch wertvoll.

Puppenwelt

Mattel – Hersteller von blonden Barbies mit Wespentaille und High Heels – wird oft wegen fehlender Lebensnähe kritisiert, will das aber ändern und legt den Fokus auf Inklusion: Schon länger sind Barbies mit realistischen Maßen am Markt, nun gibt es auch geschlechtsneutrale Puppen – ohne Namen – im Sortiment. Sie sollen Vorurteile reduzieren.

Doch: "Bisher hat noch niemand danach gefragt", berichtet Erich Bannert, Senior-Chef von Spiel ist Bannert. In dem Wiener Spielwarengeschäft sind die Unisex-Puppen also noch nicht angekommen.

Barbies im Jahr 2019.
Foto: AP/Diane Bondareff

Allerdings sind Spielzeugläden längst nicht mehr der einzige Ort, an dem Kinderträume wahr werden: 30 bis 40 Prozent aller Spielwaren werden mittlerweile im Internet gekauft. Dem US-Branchenriesen Toys R Us wurde die Online-Konkurrenz zum Verhängnis, er ist nach über 70 Jahren in die Pleite gerutscht.

Denn viele Kunden nutzen zwar die Beratung vor Ort, kaufen dann aber die Schnäppchen online. "Natürlich gibt das niemand zu, aber es passiert schon öfter", erzählt Erich Bannert. Unglücklich klingt er dabei nicht, eher abgeklärt – vielleicht weil er auf seine Stammkunden zählt.

Schon in den letzten Jahren bemerkte man bei der WKO einen Rückgang an Spielzeug-Einzelhändlern. "Das liegt aber nicht nur am Konkurrenzdruck, sondern auch an fehlenden Nachfolgern", bemerkt Johannes Schüssler, WKO-Spielwarenfachhandel-Sprecher und selbst Spielzeughändler im steirischen Frohnleiten. So war es bei Spielwaren Hilpert in der Wiener Innenstadt der Fall gewesen: Nach 147 Jahren gab es für die Institution unter den Wiener Spielzeuggeschäften keinen Nachfolger mehr.

Der Spielzeugmarkt ist umkämpft, denn Spielwaren gelten als konjunkturunabhängige Branche. Schüssler zufolge würden Eltern eher bei sich sparen, als ihren Kindern eine Freude zu verweigern. So sind auch Unternehmen wie Lego und Mattel nicht vor der Konkurrenz aus dem Netz sicher: Wie bei Airbnb und E-Rollern en masse gibt es mittlerweile auch Anbieter, bei denen man Spielzeug mieten kann.

Plattformen wie PicoClan oder Meine Spielzeugkiste bieten verschiedene Bezahlmodelle (Flatrate oder doch lieber klassisches Leihbücherei-Modell?), und nach kurzer Registrierung gehört einem das Traumspielzeug auf Zeit. Noch stecken diese Modelle in den Kinderschuhen, doch im Sinne der Nachhaltigkeit und zur Entlastung des Geldbeutels könnten sie durchaus Schule machen.

Kristallkugel

Fragt man Schüssler nach der Zukunft des klassischen Spielwarenhandels, ist er voller Zuversicht: "Der Trend geht wieder in Richtung analoge, haptische Spielwaren, mit denen kommuniziert wird." Bei Mädchen seien derzeit Puppen zum Sammeln und Tauschen beliebt, bei Burschen Fantasy-Sammelkarten.

Und klassische Spieleabende sind sowieso im Vormarsch. Denn bei aller Digitalisierung: Die Haptik kommt bei Apps und Online-Handel zu kurz. Dieser Schwachstelle setze der Spielzeugfachhandel seit jeher entgegen, und mittlerweile würden das auch Hersteller nutzen wollen, erzählt Schüssler zufrieden weiter.

So plant Ravensburger, in den kommenden Jahren 20 bis 25 Filialen zu eröffnen. Denn der Tastsinn ist nun mal einer der wichtigsten Sinne, Menschen greifen Produkte vor dem Kauf gern an. Oder wie Lackner es formuliert: "Etwas Echtes zu berühren berührt eben." Das gilt für Kinder gleichermaßen wie für die Erwachsenengeneration.

Auch die Pädagogin Keller ist optimistisch, was das Fortbestehen herkömmlichen Spielzeugs angeht, die Klassiker würden sich weiterhin halten. Denn so schön Augmented Reality und Apps auch sein können: Noch sind sie fehleranfällig, und zwischenmenschliche Interaktionen würden sie nie ersetzen können.

Vor allem ist es einfach viel schöner, mit dem Playmobil-Piraten zu spielen, statt ihm auf dem Tablet vor sich hin winken zu sehen – besonders wenn man ihn erfolgreich von den Nachbarsburschen zurückverhandelt hat. (Martina Reinegger, RONDO, 10.12.2019)