Frage:

Ich habe den Familienrat zum Thema gleichberechtigte Erziehung sehr spannend gefunden. In der Beziehung mit meiner Frau ist es ähnlich gelagert, ich bin der Strenge und sie eher die Nette und Nachgiebige.

Nun zu unserem Problem: Unsere Tochter (4) haut ihren Bruder (1) immer wieder. Wenn man ruhig mit ihr redet, versteht sie es nicht und macht es wieder. Deswegen, finde ich, ist es auch okay, wenn man irgendwann schimpft. Mir ging es dann einmal zu weit, und ich habe ihr gesagt, sie muss den Rest des Tages in ihrem Zimmer bleiben. Die Türe war angelehnt, und ich war in der Nähe (im Endeffekt war es dann nicht ganz eine Dreiviertelstunde). Meine Frau setzt das damit gleich, als würde ich mein Kind schlagen (was wir beide natürlich kategorisch ablehnen), weil sie es als psychische Gewalt empfindet.

Gefühle kann man nicht verbieten, doch auch Kinder müssen lernen, mit ihnen umzugehen.
Foto: Getty Images/PaulBiryukov

Darüber haben wir uns auch sehr zerstritten, da ich der Meinung bin, Hausarrest als letztes Mittel ist sehr wohl angemessen. Ich würde mich zu diesem Thema über eine fachmännische/-frauische Meinung freuen.


Antwort von Hans-Otto Thomashoff

Eigentlich geht es bei dieser Frage um zwei Themen:

Zum einen geht es darum, ob es angemessen ist, einer Vierjährigen, bei der gutes Zureden offenbar nicht hilft, Grenzen dadurch aufzuzeigen, dass sie eine Zeitlang allein in ihrem Zimmer bleiben muss. Dabei weiß sie, dass jemand da ist, indem sie durch die angelehnte Tür Verbindung halten kann. Es geht hier also nicht um "Einzelhaft". Sofern Ihre Tochter kein frühes Bindungstrauma hat und mit Panik auf eine solche Trennung reagiert, ist das Wegweisen ins eigene Zimmer eine angemessene Maßnahme. Sie weiß, dass sie etwas falsch gemacht hat, und sie lernt auf diese Weise, dass ihr Verhalten Konsequenzen hat.

Das eigentliche Problem jedoch liegt tiefer. Denn Sie wollen ja, dass Ihre Tochter aufhört, ihren Bruder zu schlagen. Hier sind Ihr elterliches Verständnis und Fingerspitzengefühl gefragt. Denn für ältere Geschwister ist es nicht einfach, wenn sie durch die Geburt eines jüngeren von ihrem bis dahin unangefochtenen Thron gestoßen werden. Kein Wunder, dass die älteren sich dann permanent benachteiligt fühlen und nicht selten einen ausgewachsenen Hass auf ihre jüngeren Geschwister entwickeln. Hinzu kommt oft auch ein schlechtes Gewissen, das die Dynamik zusätzlich verstärkt.

Hierüber sollten Sie mit Ihrer Tochter reden. Gefühle kann man nicht verbieten, also darf sie diese Gefühle haben. Doch muss sie lernen, mit ihnen umzugehen. Vielleicht hat sie selbst ja eine Idee, was ihr dabei helfen könnte. Und vielleicht finden Sie ja irgendeinen Ausgleich, ein Sonderrecht, das sie als Ältere bekommt und das es ihr schmackhaft macht, einen jüngeren Bruder zu haben. (Hans-Otto Thomashoff, 12.11.2019)

Hans-Otto Thomashoff ist Psychiater, Psychoanalytiker, zweifacher Vater und Autor. Zuletzt veröffentlichte Bücher: "Das gelungene Ich" (2017) und "Damit aus kleinen Ärschen keine großen werden" (2018).
Foto: Alexandra Diemand

Antwort von Linda Syllaba

Eines der stärksten sozialen Grundbedürfnisse des Menschen ist das nach Zugehörigkeit, also dass wir mit anderen Menschen in Verbindung stehen, anerkannt werden und dazugehören dürfen. So erleben wir uns als wertvollen Teil der Gemeinschaft, ob in der Familie, in Kindergarten, Schule, Arbeit oder allgemein: Gesellschaft. Wenn uns das (zum Beispiel zur Strafe bei Mobbing) verweigert wird, bedeutet das großen Schmerz, den man auch im Gehirnscan abbilden kann, weil das Schmerzzentrum genau wie bei körperlichem Schmerz anspringt.

Wenn nun ein Kind nicht "folgt" und zur Strafe ausgeschlossen oder weggesperrt wird, erfährt es diesen Schmerz. Aggression ist eine nicht ungewöhnliche Reaktion darauf, was blöderweise bei Eltern erst recht zu Strafen oder Maßregelungen führt. Das ist der Teufelskreis des Machtkampfes. Da Kinder jedoch abhängig und schwächer sind, bedeutet das für die meisten Kinder, dass sie irgendwann in Ohnmacht resignieren. Aus solchen Erfahrungen bilden sich Glaubenssätze wie zum Beispiel "Ich bin schwach", "Ich bin schlecht", "Meine Gefühle sind falsch". Und aus den Glaubenssätzen entstehen sogenannte Schutzverhaltensmuster – wie zum Beispiel, sich erst gar nicht für etwas anstrengen zu müssen, oder Antriebslosigkeit. "Ich kann ja eh nix" oder übersteigertes Selbstbild/Aktionismus nach dem Motto "Niemand darf meine innewohnenden Zweifel, mein fehlendes Selbstwertgefühl erkennen" können die Folge sein.

Nichtsdestotrotz müssen wir unseren Kinder auch mal Nein sagen, sie beim Ausbilden ihrer Impulskontrolle begleiten. Sie können ihre Gefühle noch nicht so regulieren und brauchen daher Erwachsene, die ihre eigenen Gefühle gut regulieren können und sie beim Erlernen von "Gefühlsmanagement" begleiten.

Das Verhalten Ihrer Tochter ist nur der Spiegel ihrer Emotionen, und dahinter gibt es immer ein Bedürfnis, das es zu sehen gilt. Ich empfehle Ihnen, die Situation mal aus der Perspektive des Kindes zu betrachten, um die (verletzten) Bedürfnisse Ihrer Tochter zu erkennen. Dann geht es darum, anzuerkennen (das heißt: auch auszusprechen), was ist. Nämlich etwa, dass es schwer für Ihre Tochter ist, wenn der kleine Bruder dies oder das macht – oder auch einfach, dass er da ist. Für die ältere Schwester ist das tatsächlich nicht immer leicht, sie hat sich das nicht ausgesucht, noch ein Kind zu bekommen – es war eine Elternentscheidung. Sie werden den kleinen Bruder jedoch behalten, und damit muss sie leben. Je einfühlsamer Sie mit Ihrer Tochter umgehen, umso sicherer wird sie sich ihrer Liebe sein. Dann braucht sich auch nicht darum zu kämpfen. (Linda Syllaba, 12.11.2019)

Linda Syllaba ist diplomierte psychologische Beraterin, Familiencoach nach Jesper Juul und Mutter. Aktuelles Buch: "Die Schimpf-Diät" (2019).
Foto: Bianca Kübler Photography