Salzburg-Trainer Jesse Marsch war nach dem 0:2 gegen Liverpool innerlich zerrissen. "Wir haben vor dem Spiel gesagt, dass wir für den Aufstieg unsere beste Leistung brauchen würden. Bis zum Gegentor in der 57. Minute war das unsere beste Leistung. Wir können nicht besser spielen"

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Mohamed Salah oder kurzum: Individuelle Klasse.

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Eltern kennen das. Das Kind ist mit einer enttäuschenden Note nach Hause gekommen, man will ihm aber nichts vorwerfen, denn es hat ja alles gegeben und zuvor gebüffelt wie ein Besessener. Es hat einfach nicht gereicht. Mag sein, so ähnlich haben sich die Anhänger von Fußballmeister Red Bull Salzburg nach dem letzten Auftritt in der Champions League gefühlt. Die Enttäuschung war zu spüren, doch wer wollte den Salzburger Kickern einen Vorwurf machen?

Ein Scheitern gegen den Titelverteidiger in der Champions League ist alles andere als eine Schande. Und so überrascht es nicht, dass Salzburg-Trainer Jesse Marsch nach dem 0:2 gegen Liverpool innerlich zerrissen war. Denn die Leistung stimmte, aber das Ergebnis war nicht genügend fürs CL-Achtelfinale: "Wir haben vor dem Spiel gesagt, dass wir für den Aufstieg unsere beste Leistung brauchen würden. Bis zum Gegentor in der 57. Minute war das unsere beste Leistung. Wir können nicht besser spielen", beschrieb der US-Amerikaner den Schlagabtausch bis dahin. "Es fühlte sich an wie ein Boxkampf im Schwergewicht. Wir haben ein paar Schläge getroffen, aber der Gegner eben am Ende zwei mehr". In Form der Tore von Naby Keita (57.) und Mohamed Salah (58.), Salzburgs K.o im Spiel und in der Königsklasse. Nach dieser Links-Rechts-Kombination ging nicht mehr viel, das war unbestritten.

Starke erste Halbzeit

Gerade in den ersten 45 Minuten schien jedoch mehr möglich. Etwa als Erling Haaland und Hee-Chan Hwang nahe Strafraum geschickt wurden. "Normalerweise entstehen aus diesen Umschaltmomenten ein Tor oder eine gute Chance", sagte Marsch. "Aber Haaland und Hwang haben gemerkt, dass ein Laufduell mit Virgil van Dijk kein Spaß ist", ergänzte Jürgen Klopp. Der deutsche Trainer der Reds gab jedoch zu, dass das Spiel in der ersten Halbzeit aufgrund Chancen auf beiden Seiten in beide Richtungen hätte kippen können: "Salzburg besprang uns förmlich". Nur der Ball wollte hüben wie drüben nicht ins Tor springen. "Wir waren mindestens auf Augenhöhe, wenn nicht sogar einen Tick besser", sagte Maximilian Wöber. Marsch und der Verteidiger waren sich einig, dass in diesem Spiel das erste Tor entscheidend gewesen wäre. "Leider haben wir das nicht gemacht", sagte Salzburgs Mittelfeldspieler Dominik Szoboszlai. "Und es geht nur um die Tore, nicht darum, wie wir spielen".

Einmal nicht aufgepasst...

Die zweite Lektion stammt aus dem Phrasenschwein. Individuelle Fehler werden vielleicht nicht in der Bundesliga von Mattersburg bestraft, aber ganz sicher in der Champions League. Nachzusehen in Liverpool, als Szoboszlai den Ball am eigenen 16er vertändelte. Daheim gegen Napoli, als man sich Sekunden nach dem hart erkämpften 2:2 den 2:3-Endstand fing. Und nun eben auch im Rückspiel gegen die Reds, als Torwart Cican Stankovic – zuvor noch mehrmals Retter in höchster Not – vorm 0:1 voreilig aus dem Tor kam und Jerome Onguene mit seinem missglückten Kopfballrückpass vorm 0:2 Salah bediente. In diesen Momenten schlägt die individuelle Klasse der Gegner unbarmherzig zu. "Das ist die beste Mannschaft der Welt. Wenn man da nicht einen kleinen Unterschied merkt, würde was falsch laufen", sagte Wöber.

Ironie des Schicksals: Beim 0:1-Nackenschlag assistierte ausgerechnet Ex-Salzburger Mane dem Ex-Salzburger Naby Keita. "Hier werden offensichtlich tolle Spieler ausgebildet", sagte Klopp. Es ist dies die natürliche Nahrungskette. Der österreichische Ausbildungsklub bringt die Stars von morgen heraus. Jung, talentiert, oft noch ohne Namen. Und eben ohne Erfahrung. Letztere ist für Marsch jedoch neben der Qualität das entscheidende Puzzlestück für die in diesen Spielen nötige Kaltschnäuzigkeit: "Qualität hat unsere junge Mannschaft. Für die Erfahrung ist die Europa League die nächste Gelegenheit".

Dort geht es Ende Februar im Sechzehntelfinale weiter. Salzburg gehört bereits vor den Mittwochspielen zu den vier besten Gruppendritten der Champions League und wird damit bei der EL-Auslosung am Montag gesetzt sein. Marsch: "Wir können das Turnier gewinnen". Die Entwicklung der letzten fünf Monate sei unglaublich gewesen. "Ich liebe meine Spieler." Diese Botschaft kriegt nach einer verpatzten Schularbeit hoffentlich auch das Kind von seinen Eltern zu hören. (Andreas Gstaltmeyr aus Salzburg, 11.12.2019)