Warten, bis andere den ersten Schritt machen, kann dauern. Beim Klimaschutz können Alleingänge sogar profitabel sein.

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Erderhitzung statt Erderwärmung, Klimakatastrophe statt Klimawandel – mit der semantischen Nachschärfung ist das Problem menschengemachter Treibhauseffekte in der Dringlichkeit der Lösungsfindung zwar einige Stufen nach oben gerückt; noch immer werden aber tausend Gründe bemüht, warum es hier und jetzt nicht geht – völlig zu Unrecht, wie eine Studie zeigt.

Das Weltwirtschaftsforum Davos hat gemeinsam mit der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) analysiert, was sich seit der Weltklimakonferenz in Paris im Dezember 2015 getan bzw. nicht getan hat und warum. Das Fazit ist ernüchternd.

Wenig Aktivität

Von den 167 Nationen, die sich vor gut vier Jahren in Paris auf ein globales Klimaabkommen geeinigt haben, sind bis zur Klimakonferenz in Madrid vorigen Dezember nur 67 aktiv geworden, indem sie ein Bekenntnis zu klimaneutralem Wirtschaften abgelegt haben. Inzwischen sind ein paar Dutzend weitere dazugestoßen. Nicht aber, was detaillierte Fahrpläne betrifft, wie die notwendige Reduktion von klimaschädlichem CO2gelingen soll, um die Erderhitzung unter 1,5 bis maximal 2,0 Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit zu halten. Da ist es bis dato bei sieben Staaten geblieben, darunter Länder wie Schweden und die Niederlande.

Die oft geäußerte Ansicht, Klimaschutz gehe nur im europäischen, am besten im globalen Gleichschritt, stimme so nicht, sagt Patrick Herhold, BCG-Partner in München. Sowohl einzelne Nationen als auch Unternehmen könnten, wenn sie es geschickt anstellten, von einer Vorreiterrolle beim Klimaschutz profitieren.

Impulse für die Wirtschaft

"Investitionen in klimaneutrale Infrastruktur bieten große Impulse für die Wirtschaft. Ausbau von Windkraft und Solaranlagen, Stromnetze und Ladeinfrastruktur, Schienenwege – all das trägt positiv zum Bruttoinlandsprodukt bei und schafft Jobs", sagte Herhold dem STANDARD. Und – für die meisten nordamerikanischen wie europäischen Länder seien die Investitionen angesichts der Zinssituation auch leicht zu stemmen. Herhold: "Die Zinsen sind niedrig wie selten, viele Staaten können sich die Finanzierung leisten."

Die meisten, aber nicht alle. "Man muss differenzieren", sagt Herhold, "Russland ist Energieexporteur. Während andere Länder durch Investitionen in Erneuerbare ihre Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten verringern und so viel Geld sparen können, bedeutet für Russland einen Rückgang der Einnahmen." Deshalb stehe Moskau in Sachen Klimaschutz wenig überraschend auf der Bremse; zumal Russland auch deutlich schlechtere Zinskonditionen bekomme und auch in puncto Sonnenstunden schlechter aussteige als andere Länder.

Vorreiter im Klimaschutz

Und private Unternehmen, warum sollten die Vorreiter in Sachen Klimaschutz werden? "Klassisch emissionsintensive Geschäftsmodelle sind einem massiven Risiko ausgesetzt", sagt Herhold. "Viele Bergbauunternehmen haben sich für einen Ausstieg aus dem Kohleabbau entschieden, und die Verdrängung des Verbrennungsmotors beginnt heute."

Durch Klimaschutz bestehe für Betriebe, insbesondere in der Konsumgüterbranche zudem die Möglichkeit, sich als "first mover" von Konkurrenten positiv abzuheben. Herhold: "Wenn Kunden im Supermarkt zunehmend die Wahl haben zwischen CO2-neutralen oder konventionell hergestellten Produkten – wo werden sie zugreifen?"

Damit eine Regierung, die sich was traut, nicht sofort abgewählt wird, müssten Mehreinnahmen aus einer CO2-Abgabe zurück an die Gesellschaft fließen, in Form reduzierter Sätze bei der Einkommenssteuer, Förderung von Kindertagesstätten und, und, und.

Wichtig sei auch Planbarkeit. Herhold: "Die verkürzte Botschaft, Unternehmen hassten Regulierung, stimmt so nicht. Unternehmen fürchten vor allem Unsicherheit, insbesondere bezüglich der Wirtschaftlichkeit ihrer Investitionen."(24.1.2020)