Andy Reid gilt als Offensivgenie. In der Nacht auf Montag müssen seine Chiefs die überragende Defense der San Francisco 49ers übertreffen.

Foto: APA/AFP/GETTY IMAGES/David Eulitt

Niemand soll Andy Reid nachsagen, dass er nicht weiß, wie man feiert. "Ich habe einen Cheeseburger gegessen und bin schlafen gegangen", sagte der Headcoach der Kansas City Chiefs auf die Frage, wie er denn den Sieg seines Teams im Conference-Finale zelebriert habe. Dabei gab der Einzug in den Super Bowl dem 61-Jährigen die Chance, seine Geschichte komplett umzuschreiben. In der Nacht auf Montag (00.30 Uhr) könnte mit einem Sieg gegen die San Francisco 49ers aus dem Unvollendeten ein Hall-of-Fame-Trainer werden.

Kein Headcoach hat mehr Spiele der National Football League als er gewonnen, ohne dabei einen Super-Bowl-Ring einzusacken. Reid steht bei 221 Siegen – seine Bilanz in den entscheidenden Playoffs taumelt aber zwischen schrecklich und unheimlich. Nur vier Mal in der modernen NFL-Geschichte verlor ein Team ein Playoff-Spiel trotz einer 18-Punkte-Pausenführung. Zwei dieser vier Implosionen gehen auf das Konto von Reids Chiefs. Oft hatten seine Teams schlicht Pech: Verletzungen, Zufallsspielzüge der Gegner, ein verlorener Münzwurf.

Entscheidende Fehler

Aber zu oft schüttete der Chef höchstselbst aus. Das Mikromanagement von Timeouts und Challenges, von Sekunden und Minuten, von Risiko und Sicherheit, diese gar nicht so komplizierte Wissenschaft im Spiel, sie ist Reids Schwäche. Er designt unaufhaltsame Offensivmaschinerien – aber bei den simplen Entscheidungen, die Millionen Fans von der Couch aus richtig treffen würden, greift er dann daneben.

Auch Reids bisher einziger Super Bowl lieferte ein unerklärliches Versagen: Seine Philadelphia Eagles ließen 2005 gegen die New England Patriots jegliche Eile vermissen und ihrer eigenen Aufholjagd so die Zeit davonlaufen. "Wie viele Philadelphia-Fans sitzen jetzt vor dem Fernseher und schreien: ‚Beeilt euch!‘?", fragte Kommentator Joe Buck damals.

Alle lieben Andy.

Reids Dauerscheitern tut nicht nur den Fans der Chiefs – und von 1999 bis 2012 eben denen der Eagles – weh. Er gilt als einer der beliebtesten Menschen im ganzen NFL-Zirkus. "Es würde mich mehr für ihn als für mich selbst freuen", sagt Quarterback Pat Mahomes über einen möglichen Titel. Das Medium "The Athletic" befragte 32 Profis nach dem Coach, für den sie am liebsten spielen würden. Reid führte die Wertung gemeinsam mit Seahawks-Trainer Pete Carroll an. "Big Red" ist ein Unikat, angefangen bei seinem Äußeren. Ein Body-Mass-Index, der jeden Kardiologen nervös macht, der walrosshafte Oberlippenbart, seit Jahrzehnten rahmenlose Brille – wäre Reid Österreicher, sie würden ihn nur "unser Andi" nennen.

Seine Geschichte hat ein Kapitel, das düsterer ist, als es ein Footballspiel je sein könnte. Seine ältesten Söhne Garrett und Britt wurden 2007 erstmals für Drogendelikte verurteilt. Sie konsumierten offenbar genug Illegales, dass der Richter ihr Elternhaus mit einer "Drogenhölle" verglich. Reid hatte Garrett schon zuvor Jobs bei den Eagles verschafft, hatte ihm Starspieler als Vorbilder zu Vier-Augen-Gesprächen vermittelt. Umsonst. Mit 29 Jahren starb Garrett 2012 an einer Überdosis Heroin. Beim Begräbnis tröstete sein Vater die Gäste. "Die Stärke, die er gezeigt hat, war nicht von dieser Welt", sagte Louis Riddick, damals Scout für die Eagles. Am nächsten Tag war Reid wieder beim Training. "Das ist mein Job und ich weiß, dass es mein Sohn nicht anders wollen würde."

Trauma 28:3

Dass er für seinen Job lebt, ist nicht nur wegen Episoden wie dieser bekannt. Reids letzte sportliche Hürde sind nun die San Francisco 49ers, an deren Seitenlinie Kyle Shanahan stehen wird. Der ist um 21 Jahre jünger, das optische Gegenteil – und hat auch schon sein eigenes Super-Bowl-Trauma. Wie die von ihm gecoachte Offense der Atlanta Falcons im Endspiel vor drei Jahren eine 28:3-Führung herschenkte, ist legendär. "Ich kann mich an jedes einzelne Play erinnern und werde für den Rest meines Lebens darüber nachdenken", sagte Shanahan.

James White besiegelt die Super-Bowl-Niederlage der Atlanta Falcons.
Foto: APA/AFP/GETTY IMAGES/Bob Levey

Seine Geschichte ging aber gut weiter: Am Tag nach der historischen Schlappe unterschrieb Shanahan bei den von Machtkämpfen gezeichneten 49ers. Mit Reid verbindet ihn, dass beide auf den Ligaboden gesunkene Mannschaften übernahmen, die in der Vorsaison nur zwei Spiele gewonnen hatten. Wie diese Teams nun aussehen, hat nur geringe Gemeinsamkeiten.Die Stärke der Chiefs ist ihre Offense. Star-Quarterback Patrick Mahomes hat einen Wurfarm wie eine Kanone, adlerhafte Übersicht und flotte Beine. Die Wide Receiver, denen Mahomes die Bälle zuwirft, könnten Sprinter sein. "Sie sind mit Abstand das schnellste Team", sagt Robert Saleh, Defensive Coordinator der 49ers.

Starke Defense

Die 49ers haben zwar auch eine mehr als brauchbare Offensive, mit Jimmy Garoppolo aber einen Quarterback, der in den Playoffs bisher mehr verwaltete als gestaltete. Prunkstück der Offense ist die Line plus Tight End George Kittle. Also die starken Männer, die Running Back Raheem Mostert im Conference Final gegen die Green Bay Packers den Weg so zuverlässig freischoben, dass er mit 220 Yards und vier Touchdowns einen Klubrekord aufstellte. Doch die wahre Stärke der NFC-Champions liegt auf der anderen Seite des Balles. Vor allem die Defensive Line hat eine kaum aufzuhaltende Wucht, was Packers-Quarterback Aaron Rodgers wohl noch zwei Wochen nach dem Duell ordentlich spürt.

Ungeachtet der Volksweisheit "Defense wins championships" sehen die Buchmacher Kansas City als knappen Favoriten. Behalten sie recht, gönnt sich Andy Reid ja vielleicht sogar zwei Cheeseburger. (Martin Schauhuber, 1.2.2020)