Intensivmedizinische Betreuung eines Covid-19-Patienten im Krankenhaus Papa Giovanni XXIII in Bergamo, Lombardei.
Foto: ASST Papa Giovanni XXIII via AP

Federico Bellavere redet nicht drum herum. Wenn er von seinen Erfahrungen im Kampf gegen das Coronavirus erzählt, kommt der italienische Arzt gleich auf den Punkt. "Wir hatten große Hoffnungen, dass sich die Kurve der Neuerkrankungen schneller abflachen würde, aber das ist noch nicht der Fall. Das ist schon sehr entmutigend, muss ich zugeben."

Bellavere ist – der STANDARD berichtete – Kardiologe und Hormonexperte. Der 71-jährige Arzt aus Padua meldete sich aus der Pension zurück und unterstützt seine Kolleginnen und Kollegen schon seit mehreren Wochen in Krankenhäusern in Venedig und in Cortina, dem berühmten Skiort in den Bergen. "Wir stehen permanent unter großem Druck, wir müssen es schaffen, die Erkrankungsrate zu senken. Bisher sehen wir aber kaum Erfolge", berichtet er.

Trendumkehr noch nicht erreicht

Tatsächlich muss die italienische Zivilschutzbehörde jeden Tag einen neuen Negativrekord an Erkrankungen und Toten vermelden – eine Trendumkehr ist noch nicht erreicht. Am schlimmsten ist die Lage nach wie vor in der Lombardei, die Region (Bundesland) grenzt im Osten an Venetien, wo Bellavere arbeitet. "Die Lombardei ist eine Katastrophe, es ist zum Verzweifeln. Die Lage ist dort, medizinisch gesehen, außer Kontrolle." Mit Stand Freitag, 20. März, 17 Uhr, waren in der Lombardei 22.264 der zehn Millionen Einwohner der Region positiv getestet – mehr als die Hälfte der bisher 47.021 in ganz Italien registrierten Patienten.

Nach einem Bericht der öffentlich-rechtlichen TV-Nachrichtensendung "Telegiornale 2" sterben in der Region momentan neun von zehn Patienten, noch bevor sie ein Bett in einer der völlig überlasteten Intensivstationen bekommen könnten. Bis Freitagvormittag starben in der Lombardei 2.168 Menschen an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung. Vor allem in der lombardischen Provinz (Bezirk) Bergamo ist die Lage dramatisch: Wie die Zeitung "Il Fatto Quotidiano" berichtet, liegt die aktuelle Wartezeit zwischen einem Anruf in der Notrufzentrale und dem Eintreffen eines Ärzteteams bei bis zu sieben Stunden.

Der 71-jährige Kardiologe und Hormonexperte kehrte aus der Pension zurück, um im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie zu helfen.
Foto: privat / miodottore.it

Viele Ärzte und Krankenschwestern erkrankt

In Venetien, das mit fünf Millionen halb so viele Einwohner hat wie die Lombardei, ist die Lage weniger dramatisch: 4.031 Menschen wurden bisher positiv getestet, die Tendenz aber auch hier weiter steil steigend.

Bellavere ist sehr besorgt über die relativ hohe Ansteckungsrate bei Ärzten und Krankenschwestern: "Beim medizinischen Personal hatten wir bisher schon rund 15 Tote. Das ist wirklich erschütternd – und eine große Gefahr für die weitere medizinische Versorgung der Patienten." Normalerweise würden Menschen, die beruflich jahre- und jahrzehntelang mit Kranken zu tun haben, eine gewisse Grundresistenz gegen Infektionen entwickeln. "Bei Covid-19 scheint das aber nicht der Fall zu sein", beobachtet Bellavere. "Wir haben es hier mit einem sehr aggressiven, heimtückischen Virus zu tun."

Wie geht es dem medizinischen Personal im Allgemeinen? "Ich erfahre aus Gesprächen mit Kollegen, dass immer mehr von uns nicht bloß müde und erschöpft, sondern manche schon wirklich permanent verzweifelt sind. Immer häufiger sind bei den Kolleginnen und Kollegen deutliche Anzeichen von Depressionen zu beobachten", erzählt der Mediziner.

Natürlich gebe es für medizinisches Personal Supervision und andere psychologische Hilfe, "aber ganz ehrlich: Wir arbeiten vor allem, wir reden nicht so viel darüber, wie es uns geht. Manche Kollegen wollen erst gar nicht wissen, wie es in den anderen Krankenhäusern zugeht."

"Maßnahmen noch weiter verschärfen"

In Pausengesprächen macht man sich natürlich auch Gedanken über die Strategie, wie dem Virus medizinisch beizukommen sei. Bellavere hat dazu – wie die meisten seiner Kollegen, versichert er – eine ganz eindeutige Meinung: "Ich unterstütze zu 100 Prozent die Forderung, die etwa der venetische Regionalpräsident Luca Zaia erhebt: flächendeckende, lückenlose Testung aller Personen! Nur so können wir Menschen aufspüren, die viruspositiv sind, aber noch keine Krankheitssymptome aufweisen. Solche Menschen müssen sofort isoliert und behandelt werden! Andernfalls stecken sie unabsichtlich, unentdeckt und unkontrolliert viele, viele, viele andere Menschen an."

Die bisher "hervorragenden Maßnahmen" der Regierungen in Italien, Österreich und anderen Ländern – unter anderem Ausgangsbeschränkungen – seien nicht ausreichend, findet Bellavere. "Nein, wir müssen dem Virus früher auf die Schliche kommen, wir müssen es entdecken, sobald es da ist. Doch viele Politiker meinen, die Tests kosten zu viel. Na, dann habe ich eine Antwort für sie: Ein Menschenleben kostet noch viel mehr als Millionen von Tests."

Der venetische Regionalpräsident Luca Zaia (Lega) fordert "esami a tappeto" – flächendeckende Corona-Tests.
Foto: Marco BERTORELLO / AFP

Leise Kritik bringt Bellavere an der Berichterstattung mancher Medien an: "Es stimmt ganz einfach nicht, dass wir Ärzte und Medizinpersonal nicht über ausreichend Schutzausrüstung verfügen würden. Die Versorgung mit Masken und allem anderen Material funktioniert gut." Problematisch sei aber – wie in den vergangenen Wochen vielfach berichtet – die zu geringe Zahl an Intensivbetten und das Fehlen einer erfolgversprechenden Medikation.

"Sehr viel Solidarität, sehr viel Zusammenhalt"

Bellavere kann auch nicht Medienberichte nachvollziehen, denen zufolge die Ausgangsbeschränkungen nicht befolgt werden werden. "Im Gegenteil: Ich muss viel zwischen Padua, Venedig und Cortina herumfahren. Auf den Straßen ist zumeist keine Menschenseele zu sehen. Ich bin geradezu verblüfft, wie diszipliniert sich das gewohnheitsmäßig eher anarchistische italienische Volk an die Regeln hält. Ganz vorbildlich!"

Für seine Landsleute hat der Mediziner Hochachtung: "Ich bin sehr beeindruckt und berührt davon, wie vernünftig die meisten Menschen agieren. Ich sehe sehr viel Solidarität, sehr viel Zusammenhalt. In den Auslagen der geschlossenen Geschäfte hängen überall selbstgemachte Poster mit dem Slogan 'Andrà tutto bene!' – Alles wird gut. Nun, das werden wir erst sehen. Aber auch ich habe große Hoffnungen, dass wir in ein oder zwei Wochen einen Punkt erreichen, ab dem es besser wird."

Beim Verabschieden lacht Bellavere laut auf, als er die Bitte hört, gut auf sich aufzupassen. "Ja, natürlich! Ich bin ja schon 71 und gehöre selbst zur Risikogruppe. Sie müssten mich jetzt gerade sehen: Total gut eingepackt bin ich! Machen Sie sich bitte keine Sorgen um mich." (Gianluca Wallisch, 21.3.2020)