Präsident Wladimir Putin hat wenig Grund zur Freude: Die Förderkürzungen treffen Russlands Wirtschaft hart.

Foto: Reuters

Amputation als letzte Rettungsmaßnahme: Die erdölfördernden Staaten haben sich auf gewaltige Einschnitte bei der Förderung geeinigt, um das Kollabieren des Ölmarkts zu verhindern. Im Mai und Juni wird die Ölproduktion um 9,7 Millionen Barrel pro Tag gekürzt, bis Jahresende dann immerhin noch um täglich 7,7 Millionen Barrel. Anschließend werden die Förderquoten etwas gelockert, bleiben aber in den kommenden zwei Jahren 5,8 Millionen Barrel unter dem derzeitigen Niveau.

Das ist eine Selbstbeschränkung ohnegleichen. Gerade Saudi-Arabien und Russland haben heroische Anstrengungen zur Stabilisierung des Ölmarkts unternommen. Beide werden ihre Fördermenge um je 2,5 Millionen Barrel zurückfahren, wobei die Araber allerdings nach dem Scheitern des vorherigen Opec+-Deals im April ihre Produktion auch massiv hochgefahren haben, womit sie den aktuellen Absturz an den Rohstoffbörsen forcierten und so alle anderen Marktteilnehmer unter enormen Handlungsdruck setzten.

Die Börse reagierte bereits im Vorfeld der Abmachung mit deutlichen Aufschlägen beim Ölpreis, der innerhalb kürzester Zeit 30 Prozent zulegte und nun aktuell bei etwas mehr als 30 Dollar pro Barrel liegt. "Zweifellos hilft der Deal, den Ölpreis vor einem Absturz zu bewahren", gab sich Kremlsprecher Dmitri Peskow am Montag optimistisch, den Markt beruhigt zu haben.

Sieger und Verlierer

Allerdings gilt Russland als einer der größten Verlierer der Einigung. Hatte doch Wladimir Putin Anfang des Monats noch eine Abmachung zurückgewiesen, die eine deutlich kleinere Einschränkung der russischen Ölförderung vorsah. Als Begründung für das "Njet" damals hatte Moskau angegeben, dass sich die USA – durch die Schieferölförderung zu einem der größten Player auf dem Markt aufgestiegen – nicht an den Kürzungen beteiligten. Doch das tun die USA auch jetzt nicht. US-Präsident Donald Trump kann sich daher als Sieger fühlen.

Für Russland hingegen sind die Einschnitte sehr schmerzhaft: Nach Angaben von Dmitri Kulikow, dem stellvertretenden Chefanalyst der Ratingagentur Akra, gewinnt der russische Etat zwar aufgrund der Steuerregelung selbst dann, wenn der Ölpreis nach dem Deal nur um 2,5 bis drei Dollar über dem Niveau zuvor liegt.

Die Wirtschaft jedoch wird massiv unter den Förderkürzungen leiden. Rechnungshofchef Alexej Kudrin prognostizierte einen Einbruch des russischen Bruttoinlandsprodukts heuer um mindestens fünf Prozent, Tatjana Jewdokimowa, Volkswirtin der Nordea Bank, sagte zugleich einen Exportrückgang von etwa zehn Prozent voraus.

Das ist mehr als bei der Krise 2009. Der Vizechef und Großaktionär von Lukoil, Leonid Fedun, verglich den neuen OPEC+-Deal daher bereits mit dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk, in dem die Bolschewiki große Teile des Landes an das deutsche Kaiserreich abtraten, um den Krieg zu beenden. Beide Verträge seien nötig gewesen, aber die Bedingungen seien "erniedrigend und schwer".

Kein Interesse an billigem Öl

Das größte Problem aus Sicht der Russen aber, die im Gegensatz zu den europäischen Verbrauchern wenig Interesse an billigem Öl haben: Die Abmachung garantiert keinesfalls, dass die Preise stabil über 30 Dollar bleiben. Bereits am Montag ging es wieder abwärts. Die Kürzungen reichten keinesfalls aus, um den Nachfrageeinbruch auszugleichen, meinen die Analysten der Investmentbank Goldman Sachs.

Immerhin sei der Ölbedarf wegen der Corona-Krise weltweit um rund 20 Millionen Barrel gesunken. Sie prognostizieren daher, dass es in den nächsten Monaten wieder abwärts gehen werde und die Ölpreise das Niveau von 20 Dollar pro Barrel testen.

Ob Trumps Twitter-Diplomatie Moskau hilft, bleibt abzuwarten. Der US-Präsident erklärte nämlich nun, dass die Opec+ die Förderung eigentlich um 20 Millionen Barrel kürzen werde. Auf wessen Kosten das gehe, ließ er dabei wieder einmal offen. (André Ballin, 14.4.2020)